Auszüge aus der Sammlung Wessel in der Bremer Weserburg

Alles zeigt auf alles

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Die Schwere des Dotters gibt der Arbeit von Karin Sander den nötigen Halt, um nicht wegzurollen.

Bremen - Von Andreas Schnell. Dass er mit 50 Jahren noch als junger Sammler durchgehe, freue ihn. In seinem Brotberuf gilt Ivo Wessel nach eigener Aussage schon als alt. Er verdient sein Geld mit Software – und ist ein Freund vernetzten Denkens. Natürlich von Berufs wegen, aber auch so. Weshalb es ein höchst vergnügliches Unternehmen ist, sich von ihm durch die Räume der Weserburg führen zu lassen, die im Rahmen der Reihe Junge Sammlungen Positionen aus seinen Beständen präsentieren.

Immer wieder nimmt er Fäden auf, die er anderswo vermeintlich nachlässig liegen ließ, verknüpft sie mit seiner eigenen Biografie scheinbar ebenso beiläufig wie mit Kunst- und Weltgeschichte. Wim Wenders zum Beispiel, mit dem Wessel befreundet ist, kommt immer wieder vor, aber auch Malewitschs schwarzes Quadrat in Variationen, ein Mondrian, der, so scheint es, von der Müllhalde kommt. Alles zeigt auf (fast) alles.

Und dann ist da noch das Ei. Glänzend steht es da, formvollendet, wie es nur ein meisterlicher Bildhauer erschaffen kann – oder die Natur und eine meisterliche Bildhauerin. Karin Sander hat nämlich dieses Ei aus einem echten Straußenei hergestellt, es poliert, bis es marmorn dasteht. Und steht. Weil das Dotter im Inneren des Eis nach unten abgesunken ist, sorgt es als ganz natürlicher Schwerpunkt für Stabilität. Peter Friese, Weserburg-Direktor, legt es bei der Pressevorbesichtigung nicht unbedingt darauf an, es zu beweisen. Aber es funktioniere.

Wie das Ei geben auch die anderen Positionen der Ausstellung ihr Geheimnis nicht sofort preis. Die schwarzen Quadrate zum Beispiel sind Zitate, sind nicht immer schwarz, nicht immer gemalt. Oder die scheinbar idyllischen Tümpel auf den Fotos von Vandy Rattana. Der kambodschanische Künstler hat mit ihnen Spuren des Vietnamkriegs verewigt, der ja immerhin vor gut 40 Jahren zu Ende ging. Ein Dokumentarfilm, der Teil der Arbeit ist, erzählt, wie diese Relikte des längst Geschichte gewordenen Krieges das Leben der Menschen in Kambodscha heute noch bestimmen.

Faszinierend auch Via Lewandowskys Gedenkraum für den russischen Kosmonauten Komarow, dessen letzte Minuten im All von westlichen Geheimdiensten aufgezeichnet wurden – vor seinem Tod durch Verglühen beim Eintritt in die Atmosphäre. Nun sind sie in Lewandowsky Arbeit in Endlosschleife zu hören, aus einem kleinen Schrein, der eine angekokelte Stützstrumpfhose und andere Privatgepäckstücke des Kosmonauten enthält.

Wessel, das wird schnell deutlich, interessiert sich auch für narrative Arbeiten, Filmkunst im Besonderen, weshalb es nicht nur verschiedene Videoarbeiten in der Weserburg zu sehen gibt, die sich dank eigens entwickelter App individuell ansteuern lassen. Im Begleitprogramm der Schau steht auch ein Abend im Kino City 46 am 16. Dezember ab 20.30 Uhr, an dem Wessel Filme aus seiner Sammlung präsentiert, darunter auch der in der Weserburg gezeigte „Telephones“ von Christian Marclay. In diesem Streifen sind Telefonszenen aus Hollywood-Filmen verschnitten, was nicht nur eine amüsante Erinnerung an Wählscheiben und Hörer ist, die man auf die Gabel knallen kann, sondern auch im Kern zeigt, wie sich aus vielen Einzelteilen und deren Interaktion ein größeres Ganzes formt – wie eine gute Sammlung immer größer ist als die Summe ihrer einzelnen Teile.

Damit ist die aktuelle Schau eindrückliche Bestätigung von Peter Frieses These, dass das Sammlermuseum zukunftsfähig ist. Weil Sammlungen wie die von Ivo Wessel „in ihrem komplexen Denken ein unverwechselbares Weltbild entwerfen“, das wiederum komplexe Einblicke in die Gegenwart nicht nur der Kunst ermögliche.

„Der Raum zwischen den Personen kann die Decke tragen“, Weserburg Bremen, noch bis zum 22. Mai 2016. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr, Montag geschlossen.

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