Auswahl von Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg erscheinen

Presse für die Front

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Im Januar des Jahres 1915 findet der Wiener Architekt Johann Wolf Zeit und Muße, seinem Sohn einen ernsten Rat zu erteilen. Dem Fräulein Nowotny, schreibt er, möge er doch besser keine Briefe mehr senden, weil es doch keinen Zweck habe, „in jemandem vielleicht Hoffnungen zu erwecken, dass einmal eine Heirat daraus wird“.

Wenn er, der Sohn, zurückkomme, dann werde es viele Töchter geben, die „allen Anforderungen einer glücklichen Heirat vollkommen entsprechen“. Da brauche er nicht auf das zweifelhafte Fräulein Nowotny zurückzugreifen. Hanns Wolf, der so belehrte Herr Sohn, mögen diese Zeilen im Schützengraben erreicht haben. Ob ihm dort nach der konkreten Ausgestaltung von Heiratsplänen zumute war?

Die Korrespondenz ist eine von rund 20000 erhaltenen Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg. Eine Auswahl davon hat der Berliner Historiker Jens Ebert zusammengestellt. Unter dem Titel „Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution“ ist sie nun im Wallstein-Verlag erschienen.

Es ist nicht überliefert, was der Sohn von den väterlichen Warnungen gehalten hat. Nachzuvollziehen ist aber, wie stark sich in Themenwahl und Tonfall solcher Schreiben die historische Entwicklung und damit einhergehend die gesellschaftliche Stimmung zeigt: Ein Jahr später wäre kein Vater mehr der Idee verfallen, seinem Sohn an der Front mit Heiratserwägungen zu kommen.

Eine Mutter aus Mittenwald berichtet im Sommer 1916 ihrem Sohn von erbärmlichen Zuständen in München. Nächte lang harren Frauen vor Ausgabestellen aus, um in der Frühe ein Stück Fleisch zu ergattern, Brotkarten und Butterkarten sind Mangelware, und von der Militärverwaltung wird der Ratschlag ausgegeben, Kinder wie Vieh auf der Weide grasen zu lassen.

Von der Front berichtet besonders eindrucksvoll ein Gefreiter aus Bremen mit erkennbar bildungsbürgerlichen Wurzeln. „Der ganze Jammer fasst mich an“, bringt er seine Lage in Abwandlung eines Faust-Zitats auf den Punkt. Und dann erklärt er, was zu verstehen sei unter diesem Jammer: weniger nämlich die unaufhörlich über seinen Kopf hinwegfliegenden Granaten, kaum die sekündliche Todesnähe durch Batterien, die aus 50 Metern Entfernung abfeuern. Es ist vielmehr die Erkenntnis, als Mensch abzustumpfen unter diesen Bedingungen.

Es gibt bewegende Berichte in diesen Briefen, aber auch ganz profane Aussagen, die von historischem Interesse sind. So nimmt man mit einer gewissen Verwunderung zur Kenntnis, welche Bedeutung an der Front der Presse zukam. Insbesondere in den ersten Jahren haben sich die Soldaten von ihren Angehörigen kaum eine Zusendung so häufig erbeten wie die der heimischen Zeitung: „Wie sieht‘s denn in Russland, Österreich usw. aus? Schick mir doch mal einige Zeitungen oder Ausschnitte. Man erfährt hier nichts“.

Briefe, schreibt Herausgeber Ebert im Anhang, suggerierten den so plötzlich auseinandergerissenen Familien das Fortbestehen des bisherigen Lebens und beschworen „Kontinuität in einer zerbrechenden Welt“. Der vorliegende Sammelband führt dieses Ringen um Kontinuität auf vielfach erschütternde Weise vor Augen – ein wertvoller Beitrag zum Gedenkjahr.

„Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution – Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918“, hrsg. v. Jens Ebert, Wallstein Verlag: Göttingen 2014; 394 Seiten; 29,90 Euro.

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