Ausstellung der Videokunst-Preisträger in der Städtischen Galerie Bremen

Im Kraftraum der Hölle

Die Sonnenbrille stets dabei: Julian Öfflers Exkursion nach Kiew. Videostill: Städtische Galerie
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Die Sonnenbrille stets dabei: Julian Öfflers Exkursion nach Kiew. Videostill: Städtische Galerie

Bremen - Von Mareike Bannasch. Jeden Abend stehen sie in den Fitnessstudios der Republik, die schweißüberströmten Massen, die nach acht Stunden am Schreibtisch ihren Körper stählen. Ohne Rücksicht stemmen sie Gewichte, prügeln bis zur Bewusstlosigkeit auf Sandsäcke ein oder arbeiten an der perfekten Bauchmuskulatur. Sport ist schon lange nicht mehr nur Ausgleich, er ist Auszeichnung, nationales Ritual oder einfach auch nur eine bedrohliche Form der Selbstkasteiung. Zumindest wenn es nach Stefan Panhans geht.

Ausgehend von Elfriede Jelineks „Ein Sportstück“ entwickelte Panhans sein Video „Noch ein Sportstück“, für das er den 22. Videokunst Förderpreis erhalten hat. Genau genommen nicht für den fertigen Film, sondern vielmehr für das Konzept. Denn die dreiköpfige Jury hatte auch im vergangenen Jahr nur die ersten Planungen für die 200 eingereichten Beiträge vorliegen. Ein Text, vielleicht auch eine Skizze – mehr nicht, schließlich fungiert der Förderpreis als eine Art Stipendium, mit dem die Künstler ihre Arbeiten überhaupt erst realisieren können.

Panhans, trotz aller Parallelen zu Jelinek, hat aber keine monumentale Abrechung mit dem Sport als zeitgenössische Form des Kriegs im Sinn. Bei ihm kommt die Kritik viel subtiler daher, statt eines sprachmächtigen Darstellerpulks steht dem Betrachter in der Städtischen Galerie Bremen eine Art mittelalterliches Folterinstrument gegenüber. Viele Ketten schimmern da im Licht der Scheinwerfer, der Bügel eines Butterfly-Geräts schwebt über der Szenerie, und im Vordergrund liegt ein Boxsack herum – während sich die Scheinwerfer langsam um sich selbst drehen.

Nein, hier möchte man nun wirklich nicht trainieren, eher weglaufen. Mutet die Konstruktion doch wie eine entfesselte Maschine an, die nur darauf wartet, sich auf den Betrachter zu stürzen. In Lauerstellung befindet sie sich zumindest, wie die um das Gerät kreisende, leicht schwankende Kamera andeutet. Sie hängt an einer Art Drohne, die sich dem Foltersessel immer wieder nähert – während im Hintergrund die Musik dröhnt.

Aus einem Boxenknäuel, das verblüffend der Kraftmaschine auf der Leinwand ähnelt, schallen Melodien aus bekannten Hollywoodfilmen, vornehmlich Thriller und Gruselstreifen. Hier kommt die Bedrohung von beiden Seiten – auch wenn sie so gar nicht zu der Handlung auf der Leinwand passen will. Dort passiert nämlich gar nichts, lediglich die sich ändernde Kameraposition sorgt für Abwechslung. Eine Ambivalenz, die zunächst stutzig macht, schließlich aber doch logisch erscheint. Zumindest wenn es darum geht, Schrecken und Absurdität des Fitnesswahns aufzuzeigen.

Doch nicht nur drei Arbeiten von Stefan Panhans, für den es als ersten Preisträger 5000 Euro gab, sind in der Galerie zu sehen. Auch Julian Öffler, der 1500 Euro erhielt, hat die Möglichkeit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Ausgezeichnet wurde der Student der Bremer Hochschule für Künste für seine Arbeit „Reise nach Kiew“, die, wie es im Begleitmaterial heißt, prinzipiell politisch ist. Aha, prinzipiell politisch. Also eigentlich doch nicht oder wie? Eine Frage, die Öffler mit Ja beantworten würde. Warum er zu diesem Schluss kommt, erschließt sich allerdings nicht.

Macht sich der Künstler in seinem Film doch auf den Weg nach Kiew, in ein schickes Hotel mit Blick auf den Maidan. Eben jenen Platz, wo noch vor Monaten Menschen für eine europäisch ausgerichtete Politik in der Ukraine kämpften und Autoreifen brannten. Die Reifen sind immer noch da, in langen Reihen fliegen sie am Taxifenster vorbei. Eine Einordnung, wie diese Szenerie auf den Künstler wirkt, sucht der Betrachter vergebens, denn Öffler zieht es vor zu schweigen. Er verweigert sich dem Geschehen und wird so zum egoistischen und ja auch zynischen Reisenden, absurde Sonnenbrille inklusive. Ein Abziehbild all jener Touristen, die nach wie vor in die mittlerweile austauschbaren Konfliktregionen der Welt reisen und nur eines im Blick haben: einen entspannten Urlaub. Flüchtlinge, die am Strand sterben, Bomben, die in der nächst gelegenen Stadt explodieren? Alles egal, solange sie nicht den Jahresurlaub versauen.

Öffler, und das ist das Fatale an seinem Werk, kritisiert diese Haltung nicht, sucht keine Distanz und verpasst so einen wichtigen Moment. Immer wieder ergeben sich in seinem Film Möglichkeiten, sich in die Orte zu integrieren, eine Position zu entwickeln. Eine Chance, die der Künstler verstreichen lässt. Er schweigt, auch auf die Fragen seiner Mitreisenden, einer Kulturwissenschaftlerin, gibt er keine Antwort. So bleibt der Betrachter unerfüllt zurück, ohnmächtig angesichts der Verweigerung des Künstlers. Der eine hoch politische Arbeit geschaffen hat, dank der man sich mit der Ohnmacht all jener identifizieren kann, die dem Geschacher der Mächtigen ausgeliefert sind. Ob es Öffler nun gefällt oder nicht.

Ausstellung der Preisträger, 30. November bis 25. Januar, Städtische Galerie Bremen.

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