INTERVIEW Kunsthallen-Kuratorin Dorothee Hansen über eine besondere Künstlerfreundschaft

„Jeder kennt Manet, aber keiner Astruc“

Ein Gemälde von Henri Fantin-Latour zeigt Manet im Kreis seiner Freunde.
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Künstlerfreunde unter sich: Henri Fantin-Latour „Ein Atelier im Batignolles-Viertel“ aus dem Jahr 1870.

Der eine war Dichter, der andere Maler: Als sie sich kennenlernten, hätten die Lebensentwürfe von Édouard Manet und Zacharie Astruc nicht unterschiedlicher sein können. Trotzdem wurden sie Freunde. Eine Ausstellung in der Bremer Kunsthalle blickt nun auf die Beziehung der beiden.

Bremen – Henri Matisse und Pablo Picasso, August Macke und Franz Marc oder Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat: In der Kunstgeschichte finden sich etliche Künstlerfreundschaften. Mit einer weniger bekannten beschäftigt sich die Kunsthalle Bremen ab dem 21. Oktober in der Schau „Manet und Astruc. Künstlerfreunde“. Zum Internationalen Tag der Freundschaft haben wir mit Kuratorin Dorothee Hansen über das Verhältnis von Édouard Manet und Zacharie Astruc gesprochen.

Dorothee Hansen ist Kuratorin in der Kunsthalle Bremen.
Häufig wird auf Künstlerfreundschaften Bezug genommen, um Stilrichtungen oder Epochen zu erklären. Weil es die Zeit für den Betrachter greifbarer macht?
Ja, das kann man schon so sagen. Es ist ja ganz natürlich, dass Künstler miteinander verkehren und dass dabei auch Freundschaften entstehen. Zumeist zwischen Künstlern, die ähnliche Interessen, Ideen und Ideale haben. So können wir beobachten, dass gerade Künstler, die noch jung und dabei sind, sich durchzusetzen, den Rückhalt in diesen Freundschaften suchen. Das werden die Besucher dann auch in unserer Ausstellung sehen können, weil wir ein großes Gruppenbild zeigen, in dem viele Künstlerfreunde um Manet und Astruc versammelt sind. In solchen Freundeskreisen gibt es natürlich auch immer Spannungen. Einerseits ist da die Gruppe, in der man unter Gleichgesinnten aufgeht und die einen stärken und Rückhalt geben, und andererseits gibt es die Individualität jedes Einzelnen. Denn letztlich sind ja auch gerade Künstler immer sehr individuelle Personen mit besonderen Charakteren und mit ziemlichen Ecken und Kanten. Insofern entsteht in jeder dieser Beziehungen Spannung zwischen dem Ich, dem Freund und schließlich der Gruppe.
Es gibt also auch immer eine ausgeprägte Rivalität, obwohl man miteinander befreundet ist?
Bei Künstlerfreundschaften spielt Rivalität durchaus eine Rolle. Junge Künstler starten erst mal alle auf einem ähnlichen Level und dann zeigt sich ziemlich bald, wer auf der Überholspur ist und wer keinen Durchbruch schafft.
Rivalität ist aber sicher auch förderlich für die eigene Kreativität.
Klar, das ist auch ein Ansporn. Wenn wir auf Manet und Astruc gucken, ist es ganz interessant, dass die beiden besonders eng in der Zeit der 1860er-Jahre befreundet sind. In dieser Phase ist Astruc nicht primär bildender Künstler. Er macht Skulpturen und Aquarelle quasi so nebenbei, ist primär Kunstkritiker und Dichter. Er versteht sich auch als Dichter und ist somit keine Konkurrenz für Manet. Im Gegenteil, er schreibt 1863 als Journalist eine positive Kritik und verteidigt ihn. Er widmet ihm sogar Bücher und schreibt ein Gedicht über eines seiner Gemälde, dessen erste Strophe im Salonkatalog abgedruckt wird. Die beiden sind Künstler auf unterschiedlichen Gebieten – was zu Synergie-Effekten führt.
Bleibt das so?
In den 1870er-Jahren beginnt Astruc zunehmend selbst künstlerisch tätig zu sein, als Bildhauer und Maler. In dieser Zeit haben wir nicht so viele Dokumente über die Beziehung der beiden. Vielleicht ist das auch typisch für eine Künstlerfreundschaft: Astruc schreibt keine Kritiken mehr, sein Werk ist nicht auf Augenhöhe mit Manet. Insofern ist er keine Konkurrenz für ihn, aber es gibt auch nicht mehr diese starke Synergie – dafür aber eine persönliche Freundschaft. Diese Nähe können wir auch in Briefen der beiden ablesen, die aus der gesamten Lebenszeit Manets erhalten sind. Sie wechseln in den 1870ern vom Sie zum Du, was noch einmal zeigt, dass sie sich sehr nahe waren. Vor allem wenn man weiß, dass Manet nur sehr wenigen Zeitgenossen das Du angeboten hat.
Kam diese Freundschaft also vor allem zustande, weil Astruc anfangs eben kein Künstler und damit keine Konkurrenz war?
Das ist jetzt subjektiv, aber ich schätze Manet nicht als solch einen Charakter ein. Er hat seine Sache verfolgt und stand über rein utilitaristischen Gedanken. Ich glaube, dass er mit Astruc jemanden kennengelernt hat, der enthusiastisch das Bild „Der spanische Sänger“ – das Manet 1861 ausgestellt hat – gefeiert hat. Das schmeichelt natürlich einem jungen Maler, und die beiden kommen ins Gespräch, weil Astruc das Bild toll findet. Die beiden haben ein gemeinsames Thema, sie haben sich etwas zu erzählen. Deshalb werden sie Freunde.
Astruc hat Manet sogar Reisetipps für Spanien gegeben.
Genau, das folgt ein paar Jahre später. Astruc fährt 1864 nach Spanien, Manet 1865. Da gibt Astruc ihm in einem zehn Seiten langen Brief sehr viele Tipps. Manet macht das gar nicht alles, denn er war im Gegensatz zu Astruc nur ganz kurz dort. Aber es ist ja doch schon eine Art Freundschaftsdienst, wenn man sich hinsetzt und die persönlichen Tipps aufschreibt, zum Beispiel welche Museen und Sammlungen er besuchen soll, und wo es den besten Kaffee in Madrid gibt. Wir können sehr gut beobachten, dass es ein vielschichtiges Geben und Nehmen zwischen den beiden Männern gibt.
Wie sind Sie vorgegangen, um die Freundschaft der beiden in einer Ausstellung abzubilden?
Für mich war der Ausgangspunkt das Astruc-Porträt, das schon seit 1909, also seit über 100 Jahren im Besitz der Kunsthalle Bremen ist. Es gehört zu den Haupterwerbungen am Beginn des 20. Jahrhunderts. Jeder kennt Manet, aber keiner kennt Astruc – deshalb finde ich ihr Verhältnis ganz besonders interessant. Über Manet sind schon viele Ausstellungen gemacht worden, und wir wollten nicht die gleiche Geschichte erzählen. Bei Astruc ist es genau umgekehrt, es gibt außer einer amerikanischen Dissertation von 1978 nichts über ihn. Kein Buch mit Abbildungen, nichts. Dies macht das Besondere der Ausstellung aus: Wir haben eine bekannte Person und können sie aus einer neuen Perspektive im Dialog mit einem vorher unbekannten Künstler sehen. Wir haben neue Forschungen zum unbekannten Astruc betrieben – und damit automatisch neue Forschungen zum bekannten Manet.
Haben Sie dabei Dinge entdeckt, die Sie überrascht haben?
Ja, durchaus. Vorher habe ich mich nicht damit beschäftigt, was für ein Typ Manet ist, für mich waren die Werke interessant. Wir haben fünf Manet-Porträts in der Schau, unter anderem auch vom in Deutschland nicht so bekannten Künstler Henri Fantin-Latour. Er war sowohl mit Astruc als auch Manet sehr gut befreundet und man kann diesen Künstler in der Schau gleich auch mit kennenlernen. Durch all diese Werke kann der Besucher ganz gut sehen, was Manet für ein gelassener und angenehmer Mensch war. Er war so selbstbewusst, dass er es nicht nötig hatte, sich um Kleinigkeiten zu streiten – deshalb hatte er auch innerhalb dieser Gruppe ein so großes Ansehen. Nicht nur, weil er ein herausragender Künstler war. Das ist mir eigentlich erst bei der Arbeit zu dieser Ausstellung so richtig klar geworden.
Bekommen wir auch einen Einblick in das soziale Milieu, in dem Manet und Astruc unterwegs waren?
Ja, denn wir haben in der Schau einige Werke, die zeigen, dass sie sich mit denselben Themen beschäftigt haben: vor allem die Inspiration aus Spanien und Japan. Wir haben diesen Hauptthemen jeweils eigene Räume gewidmet. Astruc war ein Vorreiter für die Rezeption japanischer Kunst in Paris. Um diesen Themenkomplex zu erweitern, haben wir uns zusätzlich zur eigenen Sammlung einige Objekte aus dem Überseemuseum ausgeliehen. So sind zum Beispiel in dem Emile-Zola-Porträt von Manet ein großer japanischer Holzschnitt und ein Ausschnitt aus einem Paravent zu sehen – wir haben dann in der Ausstellung den echten japanischen Holzschnitt und einen echten Paravent. Damit die Besucher auch ein Gefühl für die Dinge bekommen, die die Künstler beim Malen um sich hatten und die dann in die Gemälde gewandert sind. Somit zeichnen wir durchaus ein Bild der Zeit, in der die beiden gelebt haben.

Aktion zur Sonderausstellung

Anlässlich der kommenden Sonderausstellung „Manet und Astruc. Künstlerfreunde“ sucht die Kunsthalle Bremen ab sofort Videos, in denen Menschen von ihren Freundschaften erzählen: Ob Hommage oder Nachruf, gesucht werden Geschichten von Freundschaften. Die eingereichten Videos werden im Rahmen der Manet-Ausstellung im Museum gezeigt.

Für eine Teilnahme an dem Aufruf muss ein Video eingereicht werden, das maximal drei Minuten lang ist. Die Gestaltung des Videos ist der einreichenden Person überlassen. Es kann beispielsweise als Monolog, Dialog oder als chronologische Fotofolge gestaltet sein. Es muss im Querformat 16:9 aufgenommen sein und vorzugsweise als mp4 eingereicht werden. Das Video sollte bis zum 3. Oktober 2021 per Downloadlink (zum Beispiel wetransfer.com) gesendet werden an deine@kunsthalle-bremen.de. Unter den Einreichungen verlost die Kunsthalle ein Fotoshooting für zwei Personen und eine Teilnahme für zwei Personen an einem Atelierkurs. Die ersten zehn Einreichungen erhalten kostenlosen Eintritt für zwei Personen in die Manet-Ausstellung.

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