Ausstellung in Hannover widmet sich dem Designer Walter Papst

Möbel, die Bären lieben

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„Schaukelplastik“, Kunststoff, aus dem Kindermöbelprogramm der frühen 1960er Jahre. Neuauflage Edition Wilkhahn aus dem Jahr 2007.

Hannvoer - Von Jörg Worat. Ein kleines Wortspiel hat sich das Museum August Kestner in Hannover bei einer im besten Sinne merkwürdigen Ausstellung gegönnt: In „Sitzen beim Papst“ geht es nicht um das geistliche Oberhaupt, sondern um den Designer Walter Papst (1924-2008). Obwohl die Schau der Firma Wilkhahn in ihren räumlichen Dimensionen nicht sonderlich üppig ausgelegt ist, bietet sie viel Stoff zum Erforschen, weil nicht nur die Entwürfe des Designers thematisiert werden, sondern auch seine sehr spezielle Persönlichkeit.

„Was ich will: Alles bisher Dagewesene vergessen und Objekte völlig neu und so einfach wie möglich gestalten“ – so lautete Papsts Credo. Der gebürtige Kieler, der später in Köln und Frankreich lebte, interessierte sich stets für seinerzeit neue Materialien wie glasfaserverstärkten Kunststoff und ergonomische Aspekte. Markenzeichen seiner Produkte sind abstrahiert-reduzierte Formen und klare Farbakzente.

Vielleicht der bekannteste Papst-Klassiker ist der in den 50er Jahren entwickelte „Dreibein“-Stuhl. Er ist unterschiedlich „besetzbar“, etwa so, dass die Rückenlehne auch als Arm- und Bruststütze zu nutzen ist, und wird in einer Kinder- wie in einer Erwachsenenversion produziert. Man kann ihn vor Ort ausprobieren und feststellen, dass er nichts von seinem Charme verloren hat. Aus dem Jahr 1961 stammt die organisch geschwungene „Bärenbank“, so benannt, weil den besagten Tieren bei einem Werbe-Fotoshooting eine entscheidende Rolle zukam – die Bären spielten munter mit der so leicht aussehenden Bank, ohne dass es ihnen jedoch gelungen wäre, sie zu beschädigen oder gar zu zerstören. Papst schuf auch ein Schaukel-Element mit einer Andeutung von Schweif und Hörnern, die zugleich als Griffe dienen, sowie die „verstellbare Sitz- und Liegeeinrichtung mit einer Wetterschutzhaube“, eine Variante dessen, was gemeinhin als Strandkorb bezeichnet wird.

Ferner lernt man die skurrilen Seiten des Privatmanns Walter Papst kennen. So wird seine ausgeprägte Vorliebe für den Karneval dokumentiert, und die eine oder andere Ecke empfindet Wohnsituationen des Designers nach. Da gibt es etwa einen Tisch samt Bücherregal, das unter anderem Schriften der Herren Johannes von Buttlar und Erich von Däniken enthält. Ebenso wie der Schweizer Erfolgsautor war Papst offenbar davon überzeugt, dass einst hochentwickelte Außerirdische die Entwicklung der Menschheit maßgeblich beeinflusst haben.

Seine eigenen Thesen fasste er in dem Buch „Der Götterbaum“ zusammen, das allerdings in wissenschaftlichen Kreisen, sehr höflich ausgedrückt, als Kuriosität gilt. Manche Kritiker zitieren jedenfalls mit einigem Befremden Passagen über die Abstammung des Menschen vom Hund oder Hohlwelten im Inneren des Saturn; einer spricht angesichts der unbedarften Vermengung unterschiedlichster Kulturen von einem „etymologischen Schleudertrauma“ und wirft die Frage auf, ob es sich hier womöglich um das „wahnsinnigste Buch der Welt“ handele. Andere sind der unumstößlichen Meinung, die Schrift könne nur als Satire auf die prä-astronautische Forschung zu verstehen sein, und preisen Papst als humoristisches Genie. Den Genuss beim Ausstellungsbesuch möge all das freilich nicht mindern oder sogar erhöhen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Oktober zu sehen, täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.

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