Vivaldis Oper „Orlando furioso“ am Bremer Theater mit Beifall aufgenommen

Ausgestellte Emotionen

Auf dem Weg in den Wahnsinn: Martin Kronthaler überzeugt in der Titelrolle von Vivaldis „Orlando Furioso“. ·
+
Auf dem Weg in den Wahnsinn: Martin Kronthaler überzeugt in der Titelrolle von Vivaldis „Orlando Furioso“. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeWenn die Zuschauer hereinkommen, ist die Bühne (Duri Bischoff) geöffnet: Hotelgänge mit Zimmernummern sind zu sehen. Vielleicht auch eine psychiatrische Anstalt, wie ein Zuschauer meint. Im Sessel sitzt Alcina, eine sexbesessene Frau, die jeden Mann haben muss.

Männer kommen und warten vor Türen. Frauen kommen heraus und gehen woanders wieder hinein: Wer geht wohin, wer sucht wen wo? Was ist los in dieser Szenerie, die im Original die Insel der Zauberin Alcina ist. Jedenfalls so in der Schmerzensoper „Orlando furioso“, die Antonio Vivaldi 1727 für Venedig schrieb und nicht fertigstellen wollte, wenn sie nicht angenommen würde.

Der Inhalt ist so verworren, dass die Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihre Dramaturgin Sylvia Roth gar nicht versuchten, ihn in irgendeiner Logik fassen zu wollen. Alle sind einsam, kreuz und quer hoffnungslos ineinander verliebt. Und dieses Verliebtsein mit seinen unterschiedlichen Affekten ist – wenn überhaupt – der Inhalt der Oper. Wenn die Emotionen in Arien „ausgestellt“ werden, ist auch vieles komisch.

Da ist neben Alcina zuerst Orlando, der seine Flamme Angelica sucht, die allerdings Medoro liebt, den sie auch heiratet. Da ist Bramante, die ihren Liebhaber Ruggiero verloren hat, den sich gerade Alcina krallt und den sie sich wutentbrannt zur Brust nimmt. Da ist Astolfo, hilflos in Alcina verliebt. Da ist Medoro, der Angelicas Beschäftigung mit Orlando nicht verstehen kann. Als Orlando kapiert, dass Angelica und Medoro geheiratet haben, wird er in der kommunikationslosen Absolutheit seines Gefühls wahnsinnig.

Das ist alles, aber das ist genug für eine nicht abreißende Fülle unerhört guter Musik, die vor Bremen schon Frankfurt, Bonn, Magdeburg und Oldenburg entdeckt haben. Der Musikwissenschaftler Ulrich Schreiber hat von ihr gesagt, sie gehöre zum Besten, was die italienische Musik in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Und mit dieser Musik beweisen die Bremer Philharmoniker, dass sie durchaus in der Lage sind, eine Barockoper zu gestalten.

Angesichts der vielen Spezialorchester für Barockmusik mit ihrem anderen Instrumentarium und vor allem mit ihrer so anderen Spielweise in Bezug auf schnell aneinander gereihte Gesten und überdeutliche Artikulationen könnte man denken, das geht gar nicht. Wenn aber ein Könner wie der Schwede Olof Boman sich der Sache annimmt, ein Barockspezialist, der der Meinung ist, dass diese Literatur nicht allein in den Händen von Spezialisten sein darf, dann kann man ein hervorragendes Ergebnis bewundern. Zwei Lauten und ein Cembalo ergänzen das Orchester, und dann wirken mitreißende rhythmische Impulse, feinste Instrumentalfarben – wie die Flöte in der Arie des Ruggiero – knallige Gesten. Wunderbar ist das alles.

Und es wird ohne Einschränkung fabelhaft gesungen: Nadja Stefanoff als stolze und verblühende Alcina, Alexandra Schermann als zauberhafter Wirbelwind Angelica, Marysol Schalit als wutentbrannte Bradamante, Christoph Heinrich als Medoro und Luis Sandoval als zögerlicher Ruggiero (aus dem Seitengang für den erkrankten, aber doch spielenden Hyojong Kim) und Patrick Zielke als nie irgendetwas kapierender Astolfo. Allen wird ein Höchstmaß an ausdrucksstarken Koloraturen abverlangt.

Die Titelfigur singt Martin Kronthaler, der den Weg in seinen Wahnsinn sowohl musikalisch als auch spielerisch mitreißend gestaltet. Das Theater hat vor der Premiere erfolgreich die Schlusslösung der Regie geheim gehalten: Nun ist sie da, und auch ich möchte nur so viel sagen: Erschütternd und genial, wie Orlando in dieser Inszenierung alles zerstört, woraus seine Welt bestand und endet. Ovationen belohnten die energiegeladene Aufführung über das wichtigste Gefühl unseres Lebens: Wir sehen in dieser fast dreihundert Jahre alten Oper viel von uns selbst.

Die nächsten Aufführungen: 14.10., 19.30, 20.10., 15.30, 23., 26.10 und 8.11., 19.30, 17.11., 18 Uhr, 30.11., 19.30, 8.12. 15.30, 22.12., 19.30 und 25.12., 18 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare