Theaterkollektiv setzt sich mit der Kulturgeschichte der Banane auseinander

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„Banana Island“ will mit Rhythmus und Spaß ernste Themen erörtern. Fotos: Julia Schäfer
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„Banana Island“ will mit Rhythmus und Spaß ernste Themen erörtern.

Bremen - Es ist natürlich eine gemeine Unterstellung, dass die Banane die Mauer zum Einsturz brachte. Dass allerdings die Musa paradisiaca, wie der Deutschen beliebteste Importfrucht unter Botanikern heißt, stellvertretend für Südfrüchte und andere in der DDR schwer erhältliche Konsumartikel steht wie kaum ein anderes Produkt, lässt sich kaum bestreiten.

Doch die Frucht, die botanisch mit den Beeren verwandt ist, ist in der westlichen Kultur schon sehr viel länger gegenwärtig: Die Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647 bis 1717) schuf einen Bananenstich, der wiederum das prominenteste Ausstellungsstück des vor etwas mehr als einem Jahr abgebrannten Ersten Deutschen Bananenmuseums in Sierksdorf gewesen ist. Und weitere Beispiele fallen wohl jedem ein. Andy Warhol, Josephine Baker, Harry Belafonte und Paula Modersohn-Becker sind die vielleicht bekanntesten Künstler, die sich mit der Banane befasst haben. Zuletzt machte in den Feuilletons eine Banane von sich reden, die als Teil des Kunstwerks „Comedian“ von Maurizio Cattelan ein spektakuläres, kurzes Leben fristete: Auf der Art Basel Miami Beach 2019, wo die Installation Cattelans ausgestellt war, verleibte sich dessen Kollege David Dutana die Frucht ein und deklarierte diesen Akt als Performance mit dem Titel „Hungry Artist“.

Das Theaterkollektiv „die apokalyptischen tänzer*innen“ mit ausgeprägten Bremer Wurzeln setzt sich in seinem Stück „Banana Island“ mit der Banane performativ auseinander, nicht zuletzt in ihrem Verhältnis zu populärer Kultur, und untersucht anhand des markanten Obstes die weltpolitischen und globalwirtschaftlichen Verhältnisse. Apokalypse, führt Calendal von den „apokalyptischen tänzer*innen“ aus, ist dabei weniger im Sinne eines Endes der Welt gemeint als im ursprünglichen Sinne der Wortbedeutung: Offenbarung.

Und warum nun Bananen? „Weil das eine Frucht ist, an der sich scheinbar oder tatsächlich ganz viele verschiedene Formen von Gewaltverhältnissen verbinden und es gleichzeitig die wichtigste Frucht für den europäischen Markt ist“, erklärt Calendal. Außerdem ist die Banane – anders als beispielsweise Kaffee – ein Lebensmittel für alle Altersgruppen, ergänzt Calendals Kollegin Mona Louisa-Melinka Hempel.

Tanz ums goldene Obst.

Und sie ist nicht nur ein ökonomischer Faktor. Jasmin Schädler von den „apokalyptischen tänzer*innen“ betont die kulturelle Bedeutung der Frucht: „Die deutsche Identität hat sich immer wieder an der Banane bestärkt, meistens im negativen Sinne.“ So gefährdete der Verlust der Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg die Versorgung mit Bananen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die BRD als einziges Land Westeuropas in den Genuss, Bananen zollfrei einführen zu dürfen.

Diese und andere Aspekte um die Banane arbeiten „die apokalyptischen tänzer*innen“ in „Banana Island“ auf, wobei sie dem Publikum ausführlich Gelegenheit geben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Verschiedene Workshops, ein Stadtrundgang zu kolonialen Spuren und Dekolonisierung, ein „kolonialsensibler Hafenrundgang“, ein langer Filmtag zum Thema Banane, Podiumsdiskussionen und natürlich die Aufführungen der Performance „Banana Island“ offenbaren in den kommenden Tagen wesentliche Aspekte unseres Verhältnisses zu einem Konsumgut, das bei näherem Hinsehen für manche der Beteiligten alles andere als harmlos ist – von rassistischen Stereotypen bis zu globalen Macht- und Erpressungsverhältnissen.

Dabei war das Anliegen der Performer, „über Rhythmus und Spaß tief gehend schwierige Fragen zu stellen“, sagt Hempel. Und: „Es gibt bestimmt auch was zu gewinnen.“ Neben einer ganzen Menge Wissen, versteht sich.

Sehen

Alle Termine im Internet: www.schwankhalle.de.

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