Hille Perl und Ludger Rémy spielen im Bremer Sendesaal Alte Musik ohne Publikum – vor Publikum

Ausflucht aus der Logik des Fortschritts

Emotion als werkimmanenter Aspekt: Hille Perl überzeugte am Dienstagabend im Bremer Sendesaal.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Die Komponisten heißen Jan P. Sweelinck oder Claude Le Jeune, ihre Stücke („Intavolierungen“, „Diminutionen“) vermag selbst der Programmzettel nicht korrekt zu bezeichnen, und die für sie vorgesehenen Instrumente bedürfen einer eigenen Erklärung.

Wer tut sich so was an? Die Antwort steht am Dienstagabend aufgereiht vor dem Eingang des Bremer Sendesaals. Es ist eine Schar Zuspätgekommener, die ungläubig die Meldung vernehmen: alles ausverkauft, bitte wieder nach Hause gehen.

Nun sind für Hille Perl Auftritte in Bremen immer Heimspiele. Schließlich ist die renommierte, zweifach Echo-gekrönte Gambistin hier geboren, aufgewachsen und seit 2002 als Professorin an der Hochschule für Künste tätig. Das gewaltige Interesse an Alter Musik erklärt das aber nur bedingt. Aufschlussreicher ist da schon die Aussage von Perls Partner an diesem Abend, Ludger Rémy. Etwa eine halbe Stunde lang kehrt er, an seinem „Virginal“-Cembalo spielend, dem Publikum seinen Rücken zu. Dann plötzlich erhebt er sich, dreht sich um und spricht: „Eigentlich sind Sie nämlich gar nicht vorhanden.“ Das „Virginal“, sagt Rémy, habe in der Renaissance schließlich allein für die Hausmusik gedient – Publikum unerwünscht. Musik als rein persönliches Bedürfnis also, jenseits aller Vermarktungsstrategien und Rücksichtnahmen auf Zuhörer, Kritiker und sonstige Besserwisser.

Ausgehend von der Aufklärung hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein sukzessive der Idee des Fortschritts unterworfen. Die Wirtschaft soll wachsen, Produkte müssen reifen, und auch die Kunst hat sich in stetem Maße zu entwickeln. 20 Jahre lang soll etwa Johannes Brahms allein für seine erste Sinfonie benötigt haben, weil ihm einfach nicht einfallen wollte, wie es in dieser Königsdisziplin der Tonkunst nach Beethovens Neunter weitergehen könnte. Einfach wieder bei Haydn anfangen? Undenkbar: Was würden da die Experten sagen? Später wagte Igor Strawinsky einen Rückgriff in die Tonalität. Prompt verspottete Theodor W. Adorno seine Werke als „Absud bereits gewesener Musik“. Immer weiter, immer höher: Künstlern des 16. Jahrhunderts wie Sweelinck und Le Jeune waren diese Zwänge noch weitgehend fremd. Und genau das, so scheint es, erweckt in einer vom Turbokapitalismus schwer gezeichneten Gesellschaft tiefe Sehnsüchte.

Es ist eben dieses kunsthistorische Bewusstsein, das die beiden Musiker im Bremer Sendesaal auszeichnet: ein Bewusstsein, das viel mit Bescheidenheit zu tun hat, mit der Fähigkeit, Eitelkeiten eines Solisten zurückzustellen. So verzichtet Perl auf jegliches Virtuosengehabe, wie es einst von Vivaldi etabliert und seither immer wieder kultiviert wurde. Eine repetierende Wendung bei Tobias Humes „Life, Death, Good Againe“ bezieht auf diese Weise ihren Reiz aus dem musikalischen Kontext, erscheint als logische, nein: natürliche Folge der vorangehenden melodischen Linie. Perl lässt den emotionalen Ausdruck weniger als interpretatorische Leistung denn als werkimmanenten Aspekt erscheinen. Das wiederum ist selbstverständlich nichts weniger als die eigentliche interpretatorische Leistung des Abends.

Ludger Rémy nimmt sein Publikum – Hausmusik hin oder her – mit auf eine Exkursion in die voraufklärerische Klangwildnis des 16. Jahrhunderts, erkundet mit stoischer Ruhe die tiefer liegenden Strukturen der Virginal-Literatur. Präzision ist des Forschers oberstes Gebot, dabei wirkt sein bedächtiger Zugriff stets fundiert, niemals bieder. Am Ende sorgt Antonio Martin Y Coll überraschend doch noch für virtuose Dramatik: Mit starken dynamischen Abstufungen und kraftvollen Phrasierungen muten seine „Diferencias sobre Folias“ fast schon frühromantisch an.

Angesichts des eng abgesteckten harmonischen Spektrums hätte Adorno vermutlich früh Reißaus genommen. Ihm wäre an diesem Abend die Erkenntnis verwehrt geblieben, dass auch „gewesene“ Musik eine Zukunft haben kann.

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