Aura und Magie

Geigerin Liza Ferschtman spielt erneut mit den Bremer Philharmonikern

+
Liza Ferschtman.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Wiedersehen und Wiederhören sind immer schön, wenn das Publikum mit Interpreten und Werken schon gute Erfahrungen gemacht hat. So kam jetzt beim jüngsten Philharmonischen Konzert zweierlei zusammen: die Wiederbegegnung mit der hochmusikalischen und fulminanten niederländischen Geigerin Liza Ferschtman und mit Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in der Instrumentierung von Maurice Ravel.

Ferschtman – bei ihrem letzten Auftritt in Bremen spielte sie Prokofjews Violinkonzert – schenkte Bremen nun Jean Sibelius leicht anachronistisches Violinkonzert. 1904 geschrieben, ist es in der virtuosen Spätromantik zu verorten. Doch die Kunst Ferschtmans taugt dazu, Sibelius von allen (Fehl-)Urteilen – siehe Theodor W. Adorno, René Leibowitz: der „schlechteste Komponist der Welt“ – zu befreien.

Die Perfektion ihres Spiels lässt sich schwer beschreiben: Noch bei den schnellsten Läufen überzeugt sie mit äußerster Genauigkeit, nahezu jeder Ton hat eine eigene narrative Aura. Sie überrascht mit ungemein temperamentvollen Attacken, zelebriert mühelos die Zwei- und Dreistimmigkeit und versieht die großen Kadenzen mit einer tonschönen Intensität, die magisch wirkt. Riesenbeifall im gut besuchten Konzert dankt es ihr genauso wie dem Orchester mit der abschließenden Wiedergabe der „Bilder einer Ausstellung“.

Dieses Werk nämlich – besonders die Bläser – verzaubert unter der Leitung des 38-jährigen Darmstädter Generalmusikdirektors Elias Grandy. Das monumentale Werk boten die Philharmoniker schon 2012 unter der Leitung von Fabien Gabel, die Musiker beherrschen es überragend. So ist hier eigentlich nur das Urteil von damals zu wiederholen. Ravel hatte 1922 den 1874 entstandenen Klavierzyklus von Modest Mussorksky instrumentiert, nicht um ihn zu verbessern, wie es so häufig mit der Musik von Mussorgsky geschah, sondern um den tiefen Gehalt herauszuholen und zu verdeutlichen.

Die Hochachtung und das Können, mit denen Ravel das tut, die Instrumentenfarben, die er findet, die Akzente, die er setzt, garantieren die Darstellung eines ganzen Dramas, viel mehr als einen harmlosen Gang durch eine Ausstellung.

Das Ende und das Ziel ist nach der bizarren „Hütte der Hexe Baba Yaga“ das apotheotische Erreichen des „Großen Tors in Kiew“ – zwar hymnische, aber eher unendliche Sehnsucht nach der Freiheit seines geknechteten Volkes. Die Bilder sind vor dem inneren Auge des Hörers direkt zu sehen: grotesk und tragisch der „Gnomus“, die Kinderscherze vor den „Tuilleries“, die schwere Monotonie des bäuerlichen Lebens durch die Darstellung „Bydlo“, des Ochsenwagens, die Klänge der Todeserstarrung in den „Catacombae“. Es ist einfach toll, Orchesterstücke zu hören, in denen sich die Bläser so präsentieren können wie hier. Und Stücke zu hören, die eine große Dramaturgie verlangen: Das „Große Tor in Kiew“ verlockt nicht selten zur epischen, auch affirmativen Filmbreitwand: bewundernswert, wie auch Grandy genau das vermeidet und trotz oder gerade wegen aller Pracht immer den Begriff der Utopie herausschält: Das ist teilweise regelrecht erschütternd.

Zum Hören:

Die Bremer Philharmoniker und Liza Ferschtman spielen das Programm noch einmal heute Abend um 19.30 Uhr in der Glocke, Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Hitze in Deutschland bringt möglicherweise Temperaturrekord

Hitze in Deutschland bringt möglicherweise Temperaturrekord

Bund will gegen Österreichs Fahrverbote klagen

Bund will gegen Österreichs Fahrverbote klagen

Weltkriegsbombe explodiert auf Feld in Limburg von selbst

Weltkriegsbombe explodiert auf Feld in Limburg von selbst

CDU-Spitze: AfD indirekt mitverantwortlich für Lübckes Tod

CDU-Spitze: AfD indirekt mitverantwortlich für Lübckes Tod

Meistgelesene Artikel

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Die Würde des Weltalls

Die Würde des Weltalls

Wieder auf die Spitze

Wieder auf die Spitze

Im Auge von Doris Day

Im Auge von Doris Day

Kommentare