„So wie wir sind 1.0“ stellt das neue Leitmotiv der Weserburg auf ästhetische Füße

Mit den Augen der Sonne

Kulleraugen, die schon viel Elend gesehen haben: „What the Sun has Seen“ von Agnieska Polska ist ebenfalls Teil von „So wie wir sind 1.0“.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Die Sonne hat schon viel gesehen. Jeden Tag blickt sie aufs Neue auf den blauen Planeten und guckt dessen Bewohnern zu. Doch von der Idylle vergangener Tage ist längst nicht mehr viel geblieben, stattdessen Tod und Zerstörung wohin man blickt. Folgen des Klimawandels, von der Sonne mit stetig wachsender Sorge aus kindlich großen Kulleraugen beobachtet.

Das ist ziemlich traurig, wenngleich sich Agnieska Polska in ihrer Videoarbeit „What the Sun has Seen“ (die ihren Ursprung im gleichnamigen Gedicht von Maria Konopnicka hat) redlich darum bemüht, die harte Wahrheit leichter konsumierbar zu machen. So ist ihre Sonne aller Hilflosigkeit zum Trotz stets zum Scherzen aufgelegt. Allerdings hilft diese Ablenkung nur bedingt, denn die Bedrohung der Erde und unsere Verantwortung für kommende Generationen lassen sich eben nicht einfach weglachen.

Polskas Videoarbeit ist nur eins von insgesamt 140 Werken, die in der ersten Dauerausstellung im Zeichen des neuen Leitbilds der Bremer Weserburg zu sehen sind. 80 Künstler hat Direktorin Janneke de Vries über zwei Stockwerke versammelt und zu verschiedenen Themenschwerpunkten in Beziehung gesetzt – egal, aus welcher Sammlung sie eigentlich stammen. 

Dabei nähert sich nicht nur Agnieska Polska der Natur an, auch Peter Piller gehört dazu. Sein Zugang zur Landschaft ist anders, aber nicht weniger eindrucksvoll: Er nutzt Bilder, die wir alle aus Zeitungen kennen. Zu sehen sind Polizisten, die mit Stöcken bewaffnet durchs Unterholz oder über Wiesen streifen. Obwohl die Spurensuche zunächst als gemeinsames Element erscheint, sind es am Ende doch Wald und Feld, die sich aus dem Hintergrund lösen – und damit die Motive der Reihe verbinden.

Aber nicht nur die künstlerische Auseinandersetzung mit Natur ist ein Thema von „So wie wir sind 1.0“, der Rolle des Zufalls ist ebenfalls ein Abschnitt gewidmet. Wobei dessen Bedeutung mitunter nicht viel mehr als eine Randnotiz ist. So zum Beispiel in der Arbeit von Jan Timme. 

Sein Schriftzug „Nothing is written“ aus dem Jahr 2002 hat nun wirklich überhaupt nichts Zufälliges mehr an sich, selbst den Abstand der Buchstaben zueinander hat der Künstler genau festgelegt. Und doch lässt sich eine Beziehung zum übergeordneten Thema herstellen – und zwar im Schriftzug selbst: kann die Aussage, dass nichts festgeschrieben ist, doch als klare Aufforderung zum Ausprobieren und damit für mehr Raum für den Zufall verstanden werden.

Die neue Ausstellung hat aber nicht nur Tiefgründiges zu bieten, sondern mitunter auch reichlich Doppelbödiges. Zum Beispiel in „The Visit“, das manch ein Betrachter vielleicht vom Flyer zur Schau kennt. Die Künstlergruppe Fort hat an einer Wand einen langen blauen Vorhang gespannt. An sich nichts Spannendes, wäre da nicht das Paar schwarze Schuhe, das unter der Kante hervorlugt und sich dann und wann kurz bewegt. Irgendjemand lauert hier, will unvermittelt angreifen – oder auch nicht. 

Diese leichte Anspannung, der erste Anflug von Verfolgungswahn, findet ihren Grund eben nur in unserem Kopf – und zwar nicht nur dank Alfred Hitchcock: Auch Kinder fürchten sich vor der Arbeit. Der Meister des Thrillers könnte auch der Vater des Werks von Christian Marclay direkt gegenüber sein. „Telephones“ heißt es, und zeigt zusammengeschnittene Telefonszenen aus Hollywood-Filmen unterschiedlicher Epochen. Eine Endlosschleife, in der eigentlich nicht viel passiert – und dennoch glauben wir, eine komplexe Handlung erkennen zu können. Ein gelungenes Spiel mit unseren Sehgewohnheiten: Es könnte der Untertitel zur Ausstellung sein.

Zum Angucken

„So wie wir sind 1.0“: bis 5. Januar, Weserburg.

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