Die Bremer Kunsthalle zeigt Gemälde von Karin Kneffel

Im Auge von Doris Day

Die Kunst spricht für sich – Karin Kneffels Bilder kommen seit jeher ohne Titel aus. Foto: Achim Kukulies

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist einerseits Zufall, dass die vor etwas mehr als einem Monat gestorbene Schauspielerin Doris Day gleich zweimal in der neuen Ausstellung der Kunsthalle zu sehen ist. Aber es ist auf einer anderen Ebene freilich kein Zufall. Karin Kneffel, die die Schauspielerin porträtiert hat, greift immer wieder auf kultur- und kunstgeschichtliche Ikonen, Chiffren und Bilder zurück. Hört man sie über ihre Bilder sprechen, entwickelt sich ganz beiläufig eine narrative Tiefe, die sich ohne Weiteres in ihren Bildern erkennen lässt.

Das erwähnte Porträt von Doris Day ist dafür ein schönes Beispiel. Festgehalten scheint genau der Moment, in dem die Malerin mit dem Pinsel die Augenpartie bearbeitet. Man erwartet beinahe, dass das Modell zuckt. Sich selbst beim Malen zuzusehen – so beschreibt die Malerin die Idee des Bildes.

Kneffel, die Bremen eng verbunden ist, lange als Professorin an der dortigen Kunsthochschule gearbeitet hat, inszeniert ihre tendenziell eher großformatigen Bilder mit einigem narrativen Aufwand. Die Sache mit Doris Day gehört da eher noch zu den schlichteren Beispielen. Spätere Bilder der 1957 in Mark geborenen Malerin entfalten ihre Wirkung aus kunsthistorischen Referenzen, soziologischen Betrachtungen und Fragestellungen zur Malerei selbst.

Ob man zum Beispiel heute überhaupt noch Tiere oder Früchte malen darf. Wobei Kneffel das für sich schon sehr früh und recht deutlich positiv beantwortet hat. „Mir leuchteten solche Verbote nie ein“, sagt sie in einem Interview, das in dem so prächtigen wie wuchtigen Katalog zur Ausstellung enthalten ist.

Ihre nach dem Studium entstandenen, kleinformatigen Porträts von Ziegen, Kühen, Schweinen und anderen Haustieren bedecken eine ganze Wand. 300 davon gibt es insgesamt, mehr als 70 davon sind jetzt in Bremen zu sehen.

„Nicht realistisch, aber doch plausibel“, so beschreibt Kneffel ihre Malweise. Wenn beispielsweise der gläserne Kubus im Hause Lehmbruck von einem Fensterputzer gereinigt wird, geschieht das in einer getreuen Wiedergabe der ihn umgebenden Verhältnisse. So zugetragen haben muss es sich deswegen aber noch gleich gar nicht. Wenn sich in einem anderen Bild ein Hund im glänzenden Fußboden spiegelt, sieht man in seinem Spiegelbild schon den nächsten Moment. Wenn Wassertropfen eine eigentlich unsichtbare Scheibe vor einem Zimmer-Interieur sichtbar machen, spiegelt sich in ihnen auch ein Außen, dass dem Betrachter eigentlich verborgen ist, weil er ja vor einem Bild steht, und nicht vor einem Fenster zum Raum. Die Räume, denen sich Kneffel widmet, sind ihrerseits voller Geschichten. In ihnen unternimmt die Malerin ihre Tiefenbohrungen, bei denen einmal mehr Doris Day ebenso auftaucht wie Paul Newman, Gemälde von Chagall neben Lampen von Mies van der Rohe. Und dann ist da noch die ganz ausdrückliche Beschäftigung mit ihrem Lehrer Gerhard Richter und dessen berühmter Kerze, die es bis auf ein Plattencover von Sonic Youth schaffte. Mit bestechender technischer Präzision und beherztem Zugriff macht sie sich den ikonischen Gegenstand zu eigen. Ein eindrucksvolles Statement zur Relevanz der Malerei – eines von rund 150 in dieser Ausstellung.

Sehen:

„Karin Kneffel. Still“, bis zum 29. September in der Bremer Kunsthalle.

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