Festival der „projektgruppe neue musik“ rückt Vokal-Apparate ins Ohr

Auf’s Maul. Gehorcht!

Isabelle Duthoit ist auch mit dabei. - Foto: Jean-Freetz

Bremen - Von Tim Schomacker. Klar ist‘s mal wieder ein Kerl, der die wichtige Unterscheidung formuliert. Und ein Franzose. Roland Barthes dachte, für uns zum Mitlesen, über die Phäno- und die Geno-Abteilung des menschlichen Stimm-Apparats nach. Und unterschied so, kurz gesagt, den kulturell ausgefeilten Gesang mit seinen Formaten wie Lied oder Arie vom eher materiell orientierten „Rest“ des Sprechens und Lautgebens. Die beherzte Auseinandersetzung, theoretisch wie praktisch, mit der Materialität von Stimmen, Körpern, Räumen, Instrumenten spielt mindestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle in der je zeitgenössischen Musik.

Ausgabe neunzehn ihres Festivals überschreibt die Bremer „projektgruppe neue musik“ („pgnm“) mit „Das Maul ist der Text“. Treffend, auch weil hier die Leiblichkeit mitschwingt. Etwas wird lesbar. Also bringt die „pgnm“ am Wochenende den Körper ins Spiel. Obenrum, vor allem. Was komponierende, improvisierende und performende Menschen gegenwärtig mit dem Stimmapparat anfangen, interessiert die Veranstalter. Mit der gelegentlich noisigen, dann wieder erstaunlich weltumspannend traditionsbewussten amerikanischen Auch-Cellistin Audrey Chen, der auch musikpolitisch frauen-bewegten schottischen Frei-Vokal-Ikone Maggie Nicols, der ultrapräsenten Vor-allem-Kontrabassistin Joelle Léandre, dem hochdynamisch mund-sampelnden US-Underground-Irwisch Shelley Hirsch und der variantenreichen, die Stimme regelmäßig in scheinbar nicht-stimmliche Bereiche zitierenden französischen Vokalistin Isabelle Duthoit (auch Klarinette), hat die „pgnm“ eine Handvoll äußerst stimm- und stilbildender Musikerinnen zweier Generationen eingeladen. Diese kombinieren ihren Vokalapparat mal mit Instrumenten, mal mit anderen Künstlern – und oft nur mit sich selbst. Im Vergleich mit anderen renommierten Festivals ist die Kombinatorik beachtlich. Viel Improvisation. Inmitten mehr oder weniger notierter Werke von Luigi Nono bis zur Uraufführung des kantigen Bremers Heiko Müller. Viele lose Fäden, die sich Aufführung für Aufführung zusammenzurren lassen. Zuhörend, hinschauen, mitdenkend. Und viel „Rest“-Stimme, die durch altbekannte Vokal-Gefilde mal fliegt, mal wütet. Und, mehr noch, neue ausmisst.

Details zum Programm des Festivals finden sich unter www.pgnm.de

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