„Gehölz die Zweite“ zeigt figürliche und abstrakte Arbeiten mit Holz

Auf Augenhöhe

Schuftet für unser kleines bisschen Luxus: Der „Filipino Boy“ von Susanne Auslender. 
Fotos: Tobias Hübel
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Schuftet für unser kleines bisschen Luxus: Der „Filipino Boy“ von Susanne Auslender. Fotos: Tobias Hübel
  • Mareike Bannasch
    vonMareike Bannasch
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Syke – Sein T-Shirt ist dreckig, die Hose und Schlappen auch. Genauso wie seine Arme, mit denen er uns eine Schaufel entgegenstreckt. Mit ausdruckslosem Blick, für eine deutliche Anklage reicht die Kraft schon lange nicht mehr. Sie muss ihm irgendwo in den afrikanischen Minen verloren gegangen sein.

Ein Bild, dass man schon zu oft gesehen hat. Aus jenen Bergwerken, in denen die Rohstoffe geschürft werden, die wir für unser kleines bisschen Luxus brauchen. Dass dies in vielen Fällen auf Kosten unzähliger namenloser Kinder geschieht, die unter Tage schuften und oftmals nicht das Erwachsenenalter erreichen? Geschenkt. Wer technisch auf dem neuesten Stand sein möchte, kann sich allzu viel Moral nicht leisten. Normalerweise jedenfalls, denn Susanne Auslender nimmt dem Besucher im Syker Vorwerk diese Chance. Wer ihre Kinderfiguren betrachtet, kommt nicht umhin, sich Gedanken über die Ausbeutung der kleinsten und zerbrechlichsten Geschöpfe zu machen – und der Rolle, die man selbst dabei spielt.

Dieser moralische Fingerzeig ist aber nur ein Teil der neuen Schau im Vorwerk. Ab Sonntag sind unter dem Titel „Gehölz die Zweite“ sechste Jahre nach der höchst erfolgreichen ersten Ausgabe die Arbeiten von Susanne Auslender, Beate Debus, Klaus Effern, Gunther Gerlach, Regina Hawellek und Markus Keuler zu sehen. Sechs Vertreter der zeitgenössischen Bildhauerei, wie es sich heute gehört, drei Frauen und drei Männer. Warum dies erwähnenswert ist? Weil es immer noch viel zu viele Zeitgenossen gibt, die behaupten, dass es keine weiblichen Bildhauer von Rang und Namen gibt. Kuratorin Nicole Giese-Kroner gehört nicht dazu. Zum Glück.

Denn Susanne Auslenders mit der Kettensäge gefertigte Arbeiten sind ästhetisch wie inhaltlich wichtige Auseinandersetzungen mit dem Material Holz. Der kleine Bergwerkarbeiter ist dabei nicht die einzige Figur, die in bunten Farben zwei Räume des Vorwerks füllt. Zu ihm gesellen sich noch ein Müllsammler, ein Kindersoldat, ein Mädchen im Steinbruch und ein Junge aus einem indigenen Volk. Opfer der westlichen Konsumwelt, die hier seltsam entrückt daherkommen. Ohne sichtbare Mimik verweigern sie sich puppenhaft dem Dialog, wirken wie Artefakte einer längst vergessenen Zeit. Figuren, wie man sie gerne im Museum anschaut und sich mit einem leichten Gruseln an dunkle Zeiten erinnert, die längst vorbei sind. Doch sind sie das wirlich?

Um ein von Respekt und Verständnis geprägtes Miteinander geht es auch Markus Keuler, einer von vier figürlich arbeitenden Künstlern in der Ausstellung. Bereits seit Jahren hat Keuler Menschen mit Down-Syndrom zum Zentrum seiner Arbeiten gemacht. Figuren in Körpergröße sind es, aus verschiedenen Holzteilen zusammengefügt, die sich auf der oberen Etage verteilen. So auch die beeindruckende, raumfüllende Arbeit „Lehnerer an jorischen Gebilden“. Zentraler Blickpunkt ist hier ein Haufen Speermüll, der sich vom Boden bis an die Decke streckt. Holzbretter lehnen an einer Leiter, auf der sich ein Schrank, ein Umzugskarton und eine Metallkiste türmen. Dazwischen finden sich immer wieder kleinere Holzarbeiten. Alles kann zumindest gefühlt jederzeit in den Raum kippen, wäre da nicht die Figur eines jungen Mannes. Fast schon lässig lehnt er an diesem Haufen Müll und hält ihn aufrecht. Eine Aufgabe, mit der er durchaus zufrieden ist, jedenfalls wenn man seinem Gesichtsausdruck Glauben schenkt. Ein Gesicht mit den deutlichen Merkmalen eines Menschen mit Down-Syndrom. Das könnte eine Randnotiz sein, wäre die Botschaft nicht so deutlich wie wichtig: Menschen mit Down-Syndrom können genauso viel zur Gesellschaft beitragen wie Menschen ohne.

Eine Erkenntnis, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, es heute aber nicht mehr ist. Immer mehr werdende Eltern nutzen die Möglichkeit, bereits vor der Geburt herauszufinden, ob bei ihrem Kind eine Trisomie 21 vorliegt. Natürlich bedeutet das nicht zwangsläufig, dass jene Schwangerschaften auch beendet werden. Trotzdem lässt sich hier die gesellschaftliche Sehnsucht nach dem scheinbar „Normalen“, dem Perfekten. Eine Sehnsucht, der sich Keuler konsequent entgegen- und uns Menschen mit Down-Syndrom gegenüberstellt. Auf Augenhöhe.

Sehen

Die Ausstellung ist bis 30. August zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch 15 bis 19 Uhr, Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. Eine Vernissage gibt es nicht. Stattdessen ist zu einem späteren Zeitpunkt ein gefilmter Rundgang durch die Schau gesplant.

Von Mareike Bannasch

„Lehnerer an jorischen Gebilden“ von Markus Keuler.

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