Armin Petras ist enttäuscht vom American Dream

Auch Vögel unter den Opfern

Zwischen Ideal und Wirklichkeit – Ferdinand Lehmann und Mirjam Rast (v.l.).
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Zwischen Ideal und Wirklichkeit – Ferdinand Lehmann und Mirjam Rast (v.l.).

Bremen – War es der Spielfilm „Easy Rider“ von 1969? Nein, schon lange vorher gab es ja den „Tod eines Handlungsreisenden“ aus dem Jahre 1949. Und noch davor John Steinbecks „Früchte des Zorns“ von 1939. Während Ernest Hemingway bereits 1937 den Begriff des „amerikanischen Albtraums“ prägte. Gar nicht zu sprechen von der jüngeren Vergangenheit: Von Chomsky bis Sanders – wer hätte nicht schon einen Abgesang auf den „American Dream“ angestimmt?

Dabei ist der schon für sich genommen ja gar nicht so wahnsinnig interessant: Dieser Traum ist ja im Grunde nicht viel mehr als die Chance, sich – mehr oder weniger aus dem Nichts heraus – neu zu erfinden und sein Glück zu machen. Das notwendig schon immer die Ausnahme ist, sonst müsste man nicht von Glück reden. Das Scheitern ist sein böser Zwilling. Und damit die Enttäuschung.

Für Außenstehende wie uns oder Armin Petras steckt da dann noch einmal eine Extraportion Projektion drin. Und es könnte einem ja auch mal verdächtig vorkommen, dass es immer wieder neue und alte Gründe gibt, einen Abgesang auf den „American Dream“ zu singen. Armin Petras alias Fritz Kater sieht das offenbar anders. Mit „düsterer spatz am meer / hybrid (america)“, das am Goetheplatz Uraufführung feierte, hat er nun einen neuen Abgesang auf den „American Dream“ vorgelegt, der leider auch nicht allzu viel Neues zum Thema beizutragen hat.

Erzählt wird die Geschichte von Melinda Dubrovnik, die per Name vermutlich nicht zufällig an eine andere gesellschaftliche Utopie erinnert. Die junge Frau (zunächst verkörpert von Mirjam Rast) will nur raus aus dem Elend des Elternhauses: ein Hotel, das der schwer versehrte Vietnamkriegsveteran John Dubrovnik (Guido Gallmann) und seine Frau Veronique (Annemaaike Bakker) höchst erfolglos betreiben. Schon bei ihnen ist die Liebe nicht zu trennen von der Ökonomie: Veronique lebt nunmal vor allem von der Rente ihres Mannes.

Um es kurz zu machen: Melinda findet ihren Märchenprinzen, wird mit ihm reich und dann stinkreich – durch alle Krisen hindurch, was zumindest in dieser Geschichte nur um den Preis der Aufgabe sämtlicher Ideale einschließlich der Liebe geht.

Damit das nicht einfach nur eine Theater gewordene Soap Opera ist, reichert Petras / Kater seine auf stolze drei Stunden brutto ausgebreitete Familiensaga mit viel Zeitgeschichte an, vom Vietnamkrieg über den „Unabomber“ Ted Kaczynski und die Finanzkrise bis hin zu Gen-Food und Klimakatastrophe. Für die Diagnose hätte es das nicht unbedingt alles gebraucht: Dass die Jagd nach Reichtum nicht unbedingt das Beste aus den Menschen herauskitzelt, dämmerte einem schon vorher.

Dass da die Figuren oft eher Karikaturen sind als komplexe Charaktere, ist zu verschmerzen. Dass vor allem Annemaikke Bakker und Alexander Swoboda gegen Ende noch einmal ordentlich aufdrehen, versöhnt dann noch ein wenig mit dem langen Abend. Interessanterweise tun sie das genau an der Stelle, wo ihre Figuren feststellen, dass ihr Verhältnis abseits der Ökonomie nun wirklich schon ziemlich auf den Hund gekommen ist.

Bis dahin gibt es schon auch noch einiges zu sehen und zu hören: Etliche Videoeinspielungen bebildern die vielen Episoden, der Musiker Miles Perkin singt immer wieder melancholische Lieder zur sehr amerikanischen Resonatorgitarre, Trockeneisnebel, Blitz und Donner markieren Knoten- und Wendepunkte. Aber das braucht man schon auch, um an diesem doch sehr langen Abend bei der Stange zu bleiben.

Und der Spatz? Tja, auch der ist ein Opfer des Strebens nach Gewinn. Und kann nur noch durch Kreuzung mit einem nahen Verwandten gerettet werden. Alexander Swoboda als der Biologe Ernest Steven erklärt uns immerhin das. Die Notwendigkeit dieses Abgesangs allerdings nicht.

Sehen

Samstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr, Sonntag, 25. Oktober, 15.30 Uhr, Dienstag, 24. November, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

Von Rolf Stein

Der eine schon ganz kaputt, die andere noch voller Hoffnung: John Dubrovnik (Guido Gallmann, v.l.) und Tochter Melinda (Mirjam Rast).

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