„Music for your Brain“ auf 6 mal 80 Minuten: Eine neue Compilation lotet großzügig die Grenzen des „Krautrock“ aus

Auch in der Schweiz atmet die Unschuld

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Kreiszeitung Syke

Hannover - Von Jörg Worat. David Bowie und Julian Cope haben sich auf ihn berufen, Radiohead und Porcupine Tree Titel aus dem Genre gecovert: Ohne den „Krautrock“ wäre die Szene nicht, was sie heute ist.

Bei „Target Music“ kümmert man sich besonders eifrig um die Dokumentation dieser Wurzeln. Im Jahr 2005 erschien dort eine erste 6-CD-Box unter dem Titel „Krautrock – Music for your Brain“, und gerade ist die fünfte Folge dieses Langzeitprojekts herausgekommen.

Der Begriff „Krautrock“ hat im Laufe der Zeit eine Wandlung erfahren. Ursprünglich wurde damit eine experimentelle Seite der deutschen Musik in den Jahren um 1970 beschrieben, als Bands zunehmend aus den gängigen Rockschemata ausbrechen wollten, sei es mit ungewöhnlichem Stückaufbau, betont repetitiven Rhythmen oder Einbindung von elektronischem Instrumentarium. Inzwischen versteht man darunter eher die Gesamtheit der deutschen Rockmusik in einem Zeitraum etwa zwischen 1968 und 1982.

Das ist natürlich ein weites Feld, und die Target-Crew ist seit jeher sehr großzügig im Ausloten der Grenzen. Schon in geografischer Hinsicht: Dass Schweizer Bands wie „Krokodil“ in der Sammlung auftauchen können, gehört noch zu den leichteren Übungen, während die Einbindung des rein US-amerikanisch besetzten Trios „Haboob“ mit dessen Lebensmittelpunkt München gerechtfertigt werden kann. Es ist indes auch der handwerklich einwandfreie, aber arg schematische Rock von „Omega“ vertreten, mit der Begründung, dass die ungarische Gruppe viel in Deutschland aufgetreten sei.

Nicht minder flexibel zeigt man sich in Sachen Bekanntheitsgrad. Auf dem neuesten Sampler sind die legendären Recken von „Amon Düül II“ gleich mit drei Titeln dabei (übrigens in einer merkwürdigen Bandbreite irgendwo zwischen Eigenständigkeit und Jefferson Airplane für Arme), aber auch Bands wie „Siddhartha“, die 1975 ihr einziges Album als Privatpressung in einer 400er Auflage herausgaben. Die Gruppe „Erna Schmidt“ brachte in ihrer aktiven Zeit sogar überhaupt keine Veröffentlichung zustande, eine Auswahl von mitgeschnittenen Live-Auftritten erschien erst 30 Jahre später.

Der fünfte Target-Sampler deckt wieder alle stilistischen Facetten ab, vom Polit rock („Panther“) bis zu Folkigem („Emma Myldenberger“), vom Klassiktouch („Triumvirat“) bis zu Funkeinflüssen (so präsentiert sich diesmal die vielseitige Band „Embryo“), von solidem Jazzrock („Passport“) bis zu hypnotisch groovender Elektronik („Neu!“). Vieles atmet eine gewisse Unschuld, so dass man geneigt ist, selbst Songtitel wie „Odyssey In Om“ oder „Mankind, Where Do You Go To?“ zu verzeihen und hier und da mild lächelnd endloses Gegniedel über zwei Akkorde hinzunehmen, das man selbst einst im Übungsraum auch nicht viel schlechter hingekriegt hat.

Apropos endlos: Die meisten Titel bewegen sich jenseits der Fünf-Minuten-Grenze, und den Vogel schießt die Gruppe „Brainticket“ mit dem gleichnamigen Stück ab, das 26 Minuten dauert, angeblich die akustische Umsetzung eines Drogentrips darstellt und nüchtern jedenfalls kaum erträglich ist.

Gut, dass man bei Target Music die CDs bis an die Unterkante Oberlippe vollzupacken pflegt – jede einzelne Scheibe enthält knapp 80 Minuten Musik. Und darunter befinden sich dann auch etliche echte Perlen: Das Trio „Schicke Führs Fröhling“ etwa bietet originelle Metren, Harmonien und Arrangements, die „Chris Braun Band“ hat endlich einmal einprägsamen Gesang drauf, „Niagara“ ist ein reines Percussion-Projekt, unter anderem mit einem gewissen Udo Lindenberg.

Es gibt also viel zu entdecken, und wer Namen wie „Ash Ra Tempel“ oder „Can“ vermisst, sollte bedenken, dass man nicht für alles, was man gerne veröffentlichen möchte, auch die Rechte bekommt. Und so schön diese Sampler fraglos sind – dass eine Band wie „Kraftwerk“ kein sonderliches Interesse daran hat, darauf zu erscheinen, leuchtet dann doch ein.

Krautrock – Music for your Brain Vol. 5 (6 CDs, Target Music): 49,99 Euro.

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