„On Air“: Ausstellung mit Werken von Ulrike Goelner und Barbara Deutschmann im Atelierhaus Friesenstraße

Auch Natur folgt manchmal einer strengen Ordnung

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Dass er sich einmal auf diese Weise entblättern würde, hätte sich der Baum wohl nicht träumen lassen. Der Stamm selbst hat sich der Länge nach aufgespalten: in hauchdünne, lamellenförmige Scheiben.

Sanft schwingen sie sich vom Boden empor, die Lebensringe des Baumes sind auf ihnen als gewellte Linien sichtbar. Fast hat es den Anschein als habe sich die Materie verflüssigt, als fließe das Holz frei im Raum. Und gerade das, so erklärt Dolf Bissinger vom Atelierhaus Friesenstraße, sei die Absicht der Künstlerin Ulrike Goelner.

„On Air“ lautet der auf den ersten Blick befremdliche Titel der Ausstellung. Hilfreicher erscheint der mündliche Hinweis ihres Kurators, wonach der künstlerischen Auseinandersetzung Heraklits Diktum „Alles fließt“ zugrunde liegt. Der Fluss und sein Abbild im Baumstamm: Mit Heraklit erscheint Goelners Werk als Sinnbild natürlicher Harmonie.

Die Bedeutung des Ausstellungstitels hingegen lässt sich erst mit Betrachtung der Videoprojektionen von Barbara Deutschmann erfassen. Wildbewegt rauschen da dünne Frühlingsäste im Wind, die Knospen noch geschlossen, der dahinter befindliche Himmel in noch spätwinterlichem Stahlblau erstrahlend. Eine zweite Projektion zeigt den Baum in voller Blüte, sein zartes Rosa lässt auf Kirsche schließen. Alles fließt: Das gilt nicht allein für die greifbare Materie, sondern auch für Luft und so etwas Abstraktes wie Zeit, unsere Wirklichkeit als ein beständiges Kommen und Gehen, Geben und Nehmen. Der Rundfunk-Begriff „On Air“ dokumentiert im Gegensatz zu „Alles fließt“ allein das Geben, das Senden von A nach B. Es ist ein einförmiges Kommunikationsmodell, eines das zwischen Sender und Empfänger keinen Rollenwechsel zulässt. Heraklits Satz, sagt Bissinger, bedeute auf mediale Mechanismen angewendet – anders als in der Natur – einen Strom, der nie seine Richtung ändert.

Man ist zunächst geneigt, das als Medienkritik zu verstehen. Doch findet sich das Einförmige nicht auch in der Natur? Variiert etwa ein Fluss seine Richtung? Und wächst ein Baum auch mal zur Seite statt nach oben?

Angesichts dieser Fragen wird nicht recht ersichtlich, welches intellektuelle Konzept dem fließenden Holz tatsächlich zugrunde liegt. Die Formschönheit der handwerklich unbestritten überzeugenden Lamellenstruktur erscheint deshalb gefährlich dekorativ und der Naturbezug allzu verklärend. Die Harmonie der Natur mag zu einem guten Teil auf chaotischen Strukturen basieren. Manchmal aber verlaufen auch natürliche Prozesse ganz streng und schlicht: von A nach B.

Bis 23. September im Atelierhaus Friesenstraße. Öffnungszeiten: Di., Do., Sa. und So. von 16-19 Uhr.

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