Moralisch handeln nach Regeln des Hofes: Schillers „Kabale und Liebe“ am Oldenburgischen Staatstheater

An Aschenputtels Seite wird es hell

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So geht es zu unter Präsident von Walter: Ferdinand (Henner Momann) in einem Gespräch mit Hofmarschall von Kalb (Klaas Schramm).

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier · Der wahre Tempel der Kabale, wer wüsste es nicht, ist natürlich der Arbeitsplatz. Am Oldenburgischen Staatstheater verfrachtet Regisseur Jasper Brandis deshalb Schillers Klassiker „Kabale und Liebe“ in ein kafkaesk anmutendes Behörden-Labyrinth mit milchverglasten Bürotüren (Bühne: Katrijn Baeten, Saskia Louwaard).

Stellt sich nur noch die Frage nach der Liebe. Von der ist nämlich im hiesigen Büroalltag eher weniger zu spüren – allenfalls von Erotik, aber das ist natürlich ein anderes Thema.

Kabale also ohne Liebe? Ja, sicher doch. Denn was da auf der Bühne in weißer Tenniskluft mit Sonnenbrille und in kurzer Hose zur Tür hereinschneit, das sieht nicht danach aus, als hege es zarte Empfindungen zu anderen Wesen. Für Ferdinand von Walter (Henner Momann) scheint alles Gegenüber nicht mehr zu sein als eine Spiegelfläche seiner selbst.

Das gilt für seinen Vater, den Präsidenten am Hofe (Thomas Birklein). Das gilt vor allem aber für Luise Miller, die engelsgleiche Bürgerstochter (Kristina Gorjanowa). Wobei ersterer, der Vater, in seinem versnobten Aufzug als schmieriger Manager der Macht mehr zum Vorbild dient – Luise hingegen mehr zur Vergewisserung des höheren gesellschaftlichen Rangs. Schließlich kommt der eigene Glanz erst im Vergleich zur Geltung, und nirgends strahlt er heller als neben einem Aschenputtel.

So geht es in diesem Drama weniger um innige Zuneigung als um Macht und Eitelkeiten, um Stolz und verletzte Ehre: lauter Sachen, mit denen Luise nichts zu tun haben will, von denen sie aber auch nicht mehr loskommt, bloß weil sie einmal für einen kleinen Moment an Liebe glaubte. Es ist aber auch ein brutaler Apparat, in den sie sich hat locken lassen. Ein mafiöses Milieu, wo unliebsame Akteure wie Luises Mutter (Caroline Nagel) mal so eben im Nebenzimmer gekillt werden und selbst in intimsten Momenten stets ein Lauscher hinter einer der Milchglastüren zu erahnen ist.

Aushalten lässt es sich darin nur besoffen und zugekifft wie etwa der Hofmarschall von Kalb (Klaas Schramm als Udo-Lindenberg-Verschnitt). Oder aber: angepasst wie Schreiber Wurm (Denis Larisch).

Wurm, das ist erstens ein geräuschloser Vollstrecker des Systems, ein pflichtbewusster Mitarbeiter, der eben noch seine Pullunder akkurat zusammenlegt und gleich darauf einen Mord begeht. Zweitens ist er der Einzige auf dieser Bühne, der Luise wohl tatsächlich liebt.

Er hat es nun mal nicht anders gelernt, im Hause von Walter: das Kommunizieren über die Lüge, das Handeln über die Intrige. Und so lügt er Luise aus ihrer Beziehung zu Ferdinand heraus, dreht ihrer Mutter den Hals um, wirft ihren Vater ins Gefängnis. Und hält anschließend erwartungsfroh um ihre Hand an. Was zum Teufel sollte sie gegen ihn einzuwenden haben? Nach den gängigen Regeln des Hofes hat er sich moralisch einwandfrei verhalten!

Weil sich in Wurms Scheitern die Befangenheit in der eigenen Kultur auf tragische Weise offenbart, ist er das Scharnier zwischen den Familien Miller und von Walter, zwischen Bürgertum und Hochadel. Wer wie Wurm denkt, wird Luise nie verstehen können – weshalb auch Ferdinands vermeintliche Liebe sich als Fata Morgana erweist. Eine Liebe zwischen den Ständen scheitert in Oldenburg nicht etwa an den Konventionen. Sie scheitert vielmehr an den kulturellen Prägungen ihrer Protagonisten.

Brandis zeichnet diese Prägungen mit Mut zum Klischee und verleiht damit dem Stück eine fast schon boulevardeske Form. Ganz oben und ganz unten trennen Rolex und Bauernkleid, eine Zwischenmusik im Mambo-Stil lässt an eine Nummernrevue denken. Das ist erstaunlich schlüssig und der tragischen Entwicklung keinesfalls hinderlich. Wie überhaupt die Bezugnahme auf Machtgefüge in Bürogefilden zu keiner Zeit plakativ anmutet.

Auch schauspielerisch gibt es überwiegend Gutes zu berichten. Etwa von einer großartigen Kristina Gorjanowa, die in ihrer Luise schon früh die Erkenntnis über das wahre Spiel hinter der vermeintlichen Liebe reifen lässt. Oder auch von einem grandiosen Denis Larisch, der in Wurm eine warme Empfindung der Liebe einerseits und ein kühles Bewusstsein der Pflicht andererseits vereint. Einzig bei Henner Momann wäre eine schärfere Interpretation wünschenswert: Was Ferdinand hier eigentlich begehrt, ob sich selbst oder die Macht, das bleibt auf unbefriedigende Weise offen.

Am Ende, als das Paar vergiftet am Boden liegt und an Rettung nicht mehr zu denken ist, geht es bloß noch um die politische Verantwortung. Wer die übernehmen könnte, dazu hat der Präsident von Walter schon eine Idee. „Von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen“, ruft er und zeigt dann auf Wurm: „von diesem!“ Da zieht der Sekretär erstaunt die Augenbrauen hoch. Von ihm? Und dann sagt er – in leichter, aber entscheidender Abänderung des Originaltextes: „Ein Bösewicht bin ich niemals gewesen.“ Womit er streng genommen Recht hat. Aber darauf kommt es bei politischer Verantwortung nicht mehr an.

Weitere Vorstellungen: am 12., 13., 22. und 26. Juni, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater, Kleines Haus.

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