Interview mit Arne Zank von Tocotronic

"Unauthentisch aus Trotzigkeit"

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Arne Zank von Tocotronic.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Ein Interview mit Tocotronic soll nicht einfach sein. Der Fragensteller soll sie bloß nicht als staatstragend bezeichnen, Worte wie „Nation“ oder "Deutschland" vermeiden. Das mögen sie nicht. Sie gelten als "stilbildenste Band des Landes" als die "Wegbereiter des Erfolgs der Hamburger Schule".

Sie sind intellektuell, keineswegs flach und sie haben unzählige Interviews gegeben. Eine gute Vorbereitung muss sein. Vielleicht noch ein paar Kenner und Fans fragen. Doch was bringt das alles, wenn überraschend nicht Bassist Jan Müller am Telefon ist, sondern Schlagzeuger Arne Zank. Die ganze Recherche für die Katz? Ein Interview zum neuen Album „Wie wir leben wollen“ im Hinblick auf das Konzert im Bremer Modernes am Mittwoch, 6. März.

Hallo, ich bin Pascal Faltermann.

Arne Zank: Hallo, hier ist Arne, schönen guten Morgen.

Hallo, ich hatte eigentlich Fragen für Jan vorbereitet ...

Arne Zank: Ja, das ging gestern noch hin und her. Wir teilen uns immer etwas auf und daher ist es oft ein Geschacher, wer dann was übernimmt.

Ok. Das sollte trotzdem irgendwie passen. Es scheinen ja viele Interviews zu sein?

Arne Zank: Ja. Obwohl, der erste Tsunami, die erste Welle ist schon vorbei. Es hält sich im Bewältigbaren.

Ihre Tour startet mit einem Konzert in Bremen. Jan Müller hat einmal in einem Interview gesagt, er finde den Zustand absurd, auf einer Bühne zu stehen und angeguckt zu werden. Er komme sich wie ein Affe im Zoo vor. Geht Ihnen das auch so?

Arne Zank: Ich würde es als Ambivalenz beschreiben, die es auf der Bühne gibt. Einerseits ist da der starke Drang als Rampensau auf der Bühne zu stehen und es macht großen Spaß, sonst würde man das nicht so lange machen. Da gibt es schon eine große Zeigelust. Aber anderseits gibt es auch die Situation, in der man sich selber dabei zuguckt und sich seltsam vorkommt. Das ist eine Ausnahmesituation, in der man angestarrt wird. Gerade wenn man so lange an Musik gearbeitet hat, was sehr konzentrierte Arbeit abseits der Öffentlichkeit ist. Wenn man dann die ersten Konzerte spielt, ist es ein nach Außen tragen. Es ist eine andere Situation, mit der man wieder umgehen muss.

Ist es etwas anders, auf der Bühne zu stehen, wenn man gerade etwas Neues geschaffen hat? Ist da ein stärkeres Kribbeln vorhanden, eine Aufgeregtheit, die ich Ihnen jetzt allerdings nicht unterstellen möchte.

Arne Zank: Doch, doch. Tatsächlich, so ist es. Das Lampenfieber hört nicht auf. Das ist eine chronische Krankheit, das stellt sich auch immer wieder ein, gerade wenn man Konzertpausen gemacht hat, wie bei uns das so genannte Sabbatjahr, dann ist man total aufgeregt. Das ist so. Bei neuem Material umso mehr. Ein großes stückweit gehört es auch dazu, sonst wäre es seltsam. Wenn man nur routiniert wäre, das wäre ein schreckliche Vorstellung. Deswegen macht man neue Stücke, damit man aufgeregt ist, wie das ankommt. Neugierde ist dann dabei.

Bei der Vielzahl der neuen Songs scheint es so, als hätte zumindest Sänger Dirk von Lowtzow das Sabbatjahr (2011) nicht wirklich eingehalten, oder sind die Stücke alle recht schnell entstanden?

Arne Zank: Es war ja auf jeden Fall eine Entscheidung, keine Konzerte zu spielen. Das hat bei Dirk anscheinend so eine gelöste Stimmung erzeugt, dass er viele Lieder geschrieben hat. Das ging so peu à peu. Dann hat man angefangen mit der Vorproduktion. Es war schnell klar, das wir eine lange Platte machen, mit vielen Stücken und facettenreich und soundmäßig auch eine sehr aufgedröselte Scheibe.

Also hat Ihnen allen das Sabbatjahr etwas gebracht, was Kreativität, Produktivität und Ideen angeht?

Arne Zank: Schon. Ich glaube, allein, dass man sich das verordnen und nehmen kann, ist beglückend. Bei aller Selbstbestimmtheit, die wir ja haben, kommt man trotzdem in so eine Routine des Plattenveröffentlichens, des Konzertespielens, wo es angenehm ist, dass man das mal durchbrechen kann. Das allein, war eine sehr gute Sache. Also es war nicht so, dass man vollkommen leergelaufen war und einen Bruch erzeugen wollte. Es war ein selbstverordneter Urlaub von Konzerten. Bei den drei vorherigen Alben - der Berlin Triologie - haben wir sehr aus dem Livespielen geschöpft. Da haben sich die Platten und das Livespielen befruchtet. Wir hatten das Gefühl, das Prinzip hat sich leergelaufen. Wir wollten mal wieder an Sounds forschen und detailliert ins Material einsteigen, ohne an die Live-Darbietung zu denken. Es hilft sehr, wenn man sich dazu eine Fastenzeit verordnet.

Warum hat sich die Band bei dem Release-Konzert des neuen Albums in Hamburg bewusst von den ersten Werken - zweite bis vierte Veröffentlichung - distanziert?

Arne Zank: Wir haben uns nicht bewusst von etwas distanziert. Weil wir jetzt 20-jähriges Jubiläum haben, wäre es komisch, wenn wir nur neue Stücke spielen. Wir wollen schon einen kleinen Überblick über unsere Schaffenszeit bringen. Es wäre mir nicht bewusst, dass wir eine Phase auslassen. Die neuen Stücke sind eher poppig als rockig, das kann man so sagen. Vielleicht passten die leichteren, poppigeren Stücke besser rein. Aber wir rockern da auch ganz schön rum.

Sie sprachen das 20-Jährige schon an. Wird Tocotronic auch noch 30, 40 oder 50 Jahre alt? Könnten Sie sich vorstellen, so Stones-mässig noch mit 60 auf der Bühne zu stehen?

Arne Zank: Ich konnte mir schon nicht vorstellen, mit 40 noch auf der Bühne zu stehen. Das hat sich nie eingestellt, dass man soweit denkt. Gott sei dank. Ich glaub, das ist auch ein großes Glück. Das macht die Band und die Freude aus, dass man nicht so weit denken muss. Das man allerhöchstens bis zum nächsten Album guckt. Und das ist noch irrsinnig weit weg.

Was ist das Geheimnis Ihrer Bandfreundschaft? Warum hält sie so viel länger als die der Beatles, Oasis oder der Ehe von Promi-Paaren?

Arne Zank: Keine Ahnung. Vielleicht ist es auch ganz gut, wenn man es nicht genau weiß. Man schätzt eine Band einfach sehr. Wir waren von Anfang an Musikfans und wir haben natürlich auch mitbekommen, dass Bands, die man mag, sich auflösen. Wir haben das Wissen, was für ein Glück es ist, dass man sich gefunden hat, auch wenn das so pathetisch klingt. Aber ich glaub tatsächlich, dass wir alle vier wissen, dass es manchmal auch nicht so einfach ist in Bands. Man hat glaub ich Respekt davor, was eine Rockband ist. Es ist nicht schlecht, wenn man befreundet und es nicht nur Beruf ist.

Was ist für Sie Erfolg? Ist das eine Chartplatzierung? Verkaufszahlen? Kritiken von wichtigen Leuten? Was macht es für Sie aus, dass Sie ein Album als erfolgreich empfinden?

Arne Zank: Das ist schwierig. Mit dem Begriff Erfolg hab ich so ein bisschen Probleme. Das interessiert mich nicht so arg. Eher so eine Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn man merkt, dass es gut gelaufen ist und das man es gut hinbekommen hat. Das unmittelbare Umfeld, Ohren, die einem wichtig sind. Wenn es denen gefällt, stellt sich so die erste Stufe der Zufriedenheit ein und dann kann man es im besten Falle genießen, dass man gut ist. Ich sag mal so: Wir sind ganz zufrieden mit dem, wo wir stehen.

Ungefähr seit dem Album „Es ist egal, aber“ ist jedes Tocotronic Werk anders als es Fachleute, Fans oder gemeine Hörer erwartet hätten. Sie haben erzählt, dass Sie jedes Album sehr stark konzeptgetrieben entwickeln. Haben Sie auch einen Masterplan, der über das nächste Album hinausgeht?

Arne Zank: Das ergibt sich immer aus den Gesprächen. Wir machen keinen Zwölf-Jahresplan. Das schaffen wir nicht, das können wir nicht überblicken. Dafür ist man zu doof. Deswegen gehen wir immer von einer Platte zur nächsten. So etwas wie die Triologie entsteht beim Machen. Das ist nicht von langer Hand geplant.

Zu doof? Sie werden als die intelligenteste Band in Deutschland bezeichnet.

Arne Zank (lacht laut): Ich kann es ja sagen, ganz im Vertrauen: Das sind nur Gerüchte.

Sie lehnen die Authentizität als Wertvorstellung ab. Die Band Kettcar hat genau das als Aussage in einem ihrer Texte. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf, oder?

Arne Zank: Ich kenne die Texte von Kettcar gar nicht so gut. Ich kann das nicht bewerten. Uns interessiert halt eher das Unauthentische aus einer gewissen Trotzigkeit, weil es einen so nervt.

Ich wollte eigentlich eher darauf hinaus, ob Sie noch Kontakt zum Hamburger Rock-Klüngel haben?

Arne Zank: Ach klar, man trifft sich und so. Auf jeden Fall. Aber man hockt nicht aufeinander. Also nicht die ganze Zeit.

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