„Hereroland“ erzählt von deutsch-namibischen Zusammenhängen

Arme kleine Deutsche

Deutschland und seine Kolonien: Eine lange Geschichte der Gewalt.

Hamburg - Von Rolf Stein. Klar, Hamburg ist durchaus der richtige Ort für dieses Stück: Gernot Grünewald, der „Hereroland“ mit seinem namibischen Kollegen David Ndjavera für das Thalia-Theater in der Gaußstraße entwickelt hat, stellte im Vorfeld klar: „Hamburg wurde reich durch den sogenannten Überseehandel, den Handel mit Importgütern, den Kolonialwaren – das ist im Stadtbild bis heute sichtbar und setzt sich in der Globalisierung bis heute wirtschaftlich fort. Das ist ein neuer Kolonialismus. Und Hamburg zählt zu dessen Gewinnern.“

Dass zu Beginn des gut zweistündigen Abends, der am Wochenende im Rahmen der Lessing-Tage Premiere feierte, von Bremen die Rede ist, ist freilich kein Widerspruch. Nicht nur der Hamburger Reeder und Kaufmann Adolph Woermann nämlich war treibende Kraft des deutschen Kolonialismus. Auch sein Bremer Kollege und Fast-Namensvetter Adolf Lüderitz war damals ganz vorn mit dabei in Afrika. An ihn wie an Woermann erinnern heute noch Orts- und Straßennamen in Nambia und Deutschland. Und mit ihnen, das versteht sich, viele weitere. In den vergangenen Jahren ist die deutsche Kolonialgeschichte verstärkt Thema in der Öffentlichkeit. Da geht es nicht zuletzt um die Restitution von Beutekunst und um eventuelle Ansprüche auf Entschädigung für die Nachkommen der Opfer des ersten deutschen Völkermords.

Grünewald und Ndjavera betreiben nun gemeinsam Aufarbeitung, wobei sie gewissermaßen zwei Stücke in einem zeigen. Ndjavera lässt nambische und deutsche Schauspieler ein Gerichtsverfahren spielen, in dem nicht nur ganz fundamental unterschiedliche Weisen sichtbar werden, die Welt zu verstehen. Er arbeitet auch heraus, wie die alten Machtverhältnisse fortgeschrieben werden: Noch heute sind die meisten Ländereien in Namibia im Besitz der Nachfahren der weißen Kolonialherren.

Gewürzt werden die Gerichtsszenen mit weiteren historischen, politischen und kulturellen Aspekten, die Grünewald den Zuschauern in durchaus recht verschiedenen Stationen eines je individuellen Parcours durch 15 Stationen in handlichen Fünf-Minuten-Dosen vorgestellt werden. Was zwischendurch immer wieder für Suchbewegungen und auch gedankliches Gedrängel sorgt. Die ganze Sache ist ja kompliziert. Was übrigens einer der deutschen Vertreter vor Gericht hinreißend mitleidheischend betont. Arme kleine Deutsche haben es wirklich nicht leicht in dieser Welt!

Dreh- und Angelpunkt von „Hereroland“ ist die Schlacht am Waterberg im Jahr 1904, der auch als eine der 15 Stationen fungiert. Diese Schlacht ging dem Genozid voraus, dem rund 80 Prozent der Herero zum Opfer gefallen sind. Vergangenheitsbewältigung bedeutet hier: Die Anerkennung des Genozids, Bemühungen um Restitution, aber bis heute keine Entschädigungszahlungen oder Versuche, den einst brachial Enteigneten zu einem Leben jenseits von Not und Elend zu verhelfen.

Warum der Kolonialismus im 19. Jahrhundert und vor allem in Afrika Hochkonjunktur hatte und bis heute weiterwirkt, auch was das vergleichsweise kurzlebige deutsche Kolonialreich angeht, bleibt dabei ein wenig undeutlich. Dass Kaufleute federführend waren, lässt immerhin ahnen, welche Interessen am Werk waren und sind. Ansonsten erfährt man hier eine ganze Menge.

Wer sich davon selbst überzeugen möchte, muss sich beeilen. Sämtliche Vorstellungen bis auf Sonntag, 9. Februar, 15 Uhr sind ausverkauft, Restkarten gibt es gegebenenfalls an der Abendkasse.

Weitere Termine

Samstag, 8. Februar, 17 und 20 Uhr, Sonntag, 9. Februar, 15 und 20 Uhr, Dienstag, 11. Februar, 20 Uhr, Mittwoch, 12. Februar, 20 Uhr, Freitag, 14. Februar, 18 und 21 Uhr, Thalia Gauß, Hamburg.

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