In der Behördenschleife

Arie Hartog über Denkmäler: „Stadt spielt keine Vorreiterrolle“

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Vor den Neubau von Kühne & Nagel (dort wo aktuell die Bagger parken) soll eigentlich ein Denkmal stehen, das an die Beteiligung des Bremer Unternehmens an der „Arisierung“ erinnern soll. Eigentlich.

Bremen - Von Radek Krolczyk. In unserer Interview-Reihe über Bremer Denkmäler spricht Arie Hartog, der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, heute über all jene Denkmäler, die noch immer in den Behördenschleifen der Hansestadt festhängen und daher auch noch nicht realisiert wurden.

Herr Hartong, wie viele von privaten oder zivilgesellschaftlichen Initiativen getragene Denkmalsvorhaben hängen eigentlich momentan in der Behördenschleife fest?

Arie Hartog: Gute Frage – prominent sind zumindest zwei: erstens das Denkmal für die Beteiligung von Kühne & Nagel an der „Arisierung“ und zweitens das Mal für Laya-Alama Condé, ein Todesopfer der polizeilichen Brechmittelvergabe. Das Besondere an diesen beiden Fällen ist, das es gelungen ist, eine Öffentlichkeit aufzubauen. Die Politik sah sich schließlich so großem Druck ausgesetzt, dass sie reagieren musste.

Wie kam der zustande?

Hartog: Die Geschichte von Kühne & Nagel wurde zunächst von der taz nach vorne gebracht. Der damalige Redakteur Henning Bleyl hatte immer wieder zur Rolle des Konzerns im Nationalsozialismus recherchiert, und schließlich wurde ein Wettbewerb für ein Denkmal ins Leben gerufen. Auf diese Weise entstand zunächst ein gesellschaftliches Bewusstsein und so auch das Interesse an einem Denkmal. Das Geld für das Vorhaben kam aus privaten Spenden. Deswegen bin ich sicher, dass es Chancen hat, gebaut zu werden. Die Stadt aber spielt in diesem Prozess sicherlich keine Vorreiterrolle.

Was ist der aktuelle Stand der Entwicklung?

Hartog: Der Standort liegt nun, anders als geplant, knapp 200 Meter vom Firmensitz entfernt an der Schlachte. Das wurde im April bei der Sitzung des Beirats Mitte auf Drängen der SPD beschlossen. Jetzt muss die Kompatibilität des Gewinner-Entwurfs von Angie Oettingshausen mit dem neuen Platz geprüft werden. Das ist ja ein gläserner Schacht, gefüllt mit Formen, die an das geraubte Eigentum der Jüdinnen und Juden erinnern sollen, einsehbar von oben und an der Uferseite von der Seite. Ihr Mahnmal war ganz konkret für den Platz vor dem Firmensitz entwickelt worden und steht nun gewissermaßen wieder zur Disposition. Das Gute an dem Entwurf von Oettingshausen ist, dass er recht direkt und vorrausetzungslos wirkt, wobei ich natürlich befangen bin, da ich Teil der Jury war.

Wie verhält es sich beim Denkmal für Laya-Alama Condé?

Hartog: Der Tod des Mannes ist ja inzwischen mehr als zehn Jahre her. Eine Initiative organisiert seitdem jährlich zum Todestag eine Demonstration und hat auch ein Denkmal ins Gespräch gebracht. Es gibt auch eine Webseite, die den Prozess dokumentiert und über den Stand der Debatte auf dem Laufenden hält. Das Interessante hier ist, dass dieses Engagement Einfluss auf die Stimmung zu der Thematik in der Stadt genommen hat. Erstens wurde der Vorfall nicht vergessen und zweitens haben sich Haltungen geändert. Das geschieht nicht ohne Druck, und für diesen Druck ist die Idee des Denkmals ein Symbol. So bedauert der damalige Bürgermeister und Justizsenator Henning Scherf mittlerweile die Brechmittelvergabepraxis.

Zum Abschluss der jährlichen Demos wird stets ein provisorisches Denkmal errichtet. Zunächst waren es Kübel mit Kreuzen und Blumen an der Sielwall-Kreuzung, wo Condé verhaftet wurde, zuletzt stand in der Weberstraße im Ostertor eine Hörstation.

Hartog: Das ist eine grandiose Haltung: Ihr wollt es nicht, aber es ist notwendig!

Es gibt aber auch bereits einen Entwurf für ein dauerhaftes Denkmal.

Hartog: Genau, das ist von den beiden Bremer Künstlerinnen Doris Weinberger und Jule Körperich. Es ist eine etwas komplizierte Konzeption. Es soll in die Wallanlagen, vier Stühle, die für die afrikanische Community stehen sollen, einer davon ist umgefallen. Den inhaltlichen Rahmen bildet eine Soundinstallation. Diese Audiospuren sind dokumentarisch. Das ist notwendig, weil das Mal mit einer sehr komplizierten gesellschaftlichen Situation umzugehen hat. Denn wovon ist Condé Opfer geworden? Zunächst einer unmenschlichen, polizeilichen Praxis. Er ist aber auch sehr viel grundsätzlicher Opfer einer verfehlten Asylpolitik geworden, die Menschen vom legalen Gelderwerb abschneidet. Daneben wurde die Praxis der Brechmittelvergabe fast ausschließlich an Afrikanern angewandt. Da kann man sich schon einmal fragen, ob man es hierbei vielleicht mit Racial Profiling zu tun hatte.

Warum ist dieses Denkmal noch nicht realisiert?

Hartog: Das ist eine gute Frage, denn auch dieses Denkmal ist offensichtlich bereits finanziert. Es hängt irgendwo zwischen den Behörden fest. Aktuell ist es wohl so, dass der zuständige Beirat Mitte es seit drei Jahren nicht schafft, eine Entscheidung hierzu auf die Tagesordnung zu setzen.

Beide Denkmäler sind lokal ausgeschrieben worden. Ist das ein Nachteil?

Hartog: Gar nicht. Der Vorteil bei lokalen Ausschreibungen ist, dass die Künstler den Ort und die Interessen kennen und ihre Entwürfe sich direkt zur spezifischen Situation in der Stadt verhalten.

In anderen Städten gehen Initiativen mit ihren Denkmalswünschen anders vor: In Hamburg gab es ja ebenfalls einen bekannten Fall von Brechmitteltod. Der Mann hieß Achidi John, heute ist der Platz vor der Roten Flora nach ihm benannt, zwar inoffiziell, aber gültig und sichtbar.

Hartog: Eine solche Form autonomer Gegenöffentlichkeit gibt es in Bremen nicht. Stattdessen gibt es einen behördlichen Apparat, der solcherart Initiativen kapern und sogar zerreiben kann – wenn sie nicht über ausreichend Ausdauer verfügen. Es ist kein Zufall, dass bisher keines der beiden Denkmäler steht. Aber die Situation ist nicht hoffnungslos, da beide Initiativen Zähigkeit beweisen.

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