Ressortarchiv: Kultur

Die Qual mit der Wahl

Die Qual mit der Wahl

Bremen - Von Mareike Bannasch. Soll sie’s machen? Oder lieber doch nicht? Soll sie hineinspringen ins Haifischbecken Politik? Dort, wo vor allem Männer etwas zu sagen haben. Wo jahrzehntelang gepflegte Seilschaften noch immer darüber entscheiden, wer die wichtigen Posten bekommt.
Die Qual mit der Wahl
Paula mit Gefühl

Paula mit Gefühl

Bremen - Von Mareike Bannasch. Nachdem er mit den Fingern ausgiebig über Paula Modersohn-Beckers Gesicht, ihre Haare und ihren Oberkörper gefahren ist, bleibt Joachim Steinbrück nur noch eine Frage: Welche Haarfarbe hat sie? Der Landesbehindertenbeauftragte Bremens konnte bis zu seinem 15. Lebensjahr sehen; seit die Welt im Dunkeln verschwand, malt er Bilder im Kopf. So auch Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, das gestern als Relief vorgestellt wurde.
Paula mit Gefühl
Gegen die Kultureliten

Gegen die Kultureliten

Bremen - Von Rolf Stein. „Ihr denkt an das Ende der Welt, wir denken ans Ende des Monats, ihr bestellt den Biowein, den wir in den fünften Stock schleppen“ – diese und weitere Sätze schleudert eine körperlose, aber zornige Stimme dem Premierenpublikum von „Rückkehr nach Reims“ in der Bremer Schwankhalle entgegen, die vehement einen Perspektivwechsel einfordert: Weg von Identitätsfragen, hin zu dem, was die Linke früher einmal Klassenfrage genannt hat. Es lenkt den Blick auf jene Menschen, die die Drecksarbeit erledigen und daran kaputtgehen. Auf das Prekariat der Logistik- und Lieferdienste ebenso wie auf jene, die sich im Baugewerbe oder unter Tage verschleißen lassen.
Gegen die Kultureliten
Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt Ricardo Brey

Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt Ricardo Brey

Bremen - Von Frank Schümann. Es ist leicht und fast schwebend, wie Ricardo Brey im Bremer Gerhard-Marcks- Haus auftritt. Dort, wo er ab 1. Dezember für drei Monate ausstellt: leicht und schwebend wie seine Kunst. Das Schwebende, das Fließende, das sich treiben lassen (gleich Adrift) ist nicht nur ein zentrales Thema im Werk des Bildhauers, Zeichners und Installationskünstlers, sondern auch im Leben von Ricardo Brey, der 1955 in Havanna geboren wurde und der seit 1991 in Belgien lebt. Er habe sich auf Kuba immer wie ein Fremder gefühlt, sagt Brey: „Es fühlte sich selbstverständlich an, wegzugehen. Wie ein weiterer Schritt. Ich war der Erste in der Gruppe, der gegangen ist. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas verlor. Was ich brauchte, kam alles mit mir.“
Das Gerhard-Marcks-Haus zeigt Ricardo Brey
Mehr Differenzierungen, bitte!

Mehr Differenzierungen, bitte!

Hannover - Von Jörg Worat. Theater für Besucher ab 18 Jahren? Auch das hat das hannoversche Schauspiel jetzt im Angebot: Minderjährige haben bei Johannes von Dassels „Dark Room“ keinen Zutritt. Im Ballhof Zwei lief nun die Uraufführung.
Mehr Differenzierungen, bitte!
Das Erbärmliche der Existenz

Das Erbärmliche der Existenz

Hannover - Von Jörg Worat. Welch größere Weihen kann sich der Normalsterbliche vorstellen, als mit einer eigenen Schöpfung in den Duden einzuziehen? Karikaturist Manfred Deix ist dies gelungen: Eine „Deixfigur“ ist demnach eine „ins Lächerliche verzerrte Darstellung eines Menschen“. Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt jetzt unter dem schnörkellosen Titel „DEIX“ eine umfangreiche Ausstellung zum Werk des 2016 verstorbenen Österreichers, der im Februar 70 Jahre alt geworden wäre.
Das Erbärmliche der Existenz
Besser als Brecht

Besser als Brecht

Oldenburg - Von Jan-Paul Koopmann. Ob es nun Blut ist, was Eva da übers Kinn rinnt, oder doch nur verschmierte Schminke: Es kommt gar nicht mehr drauf an. Die Verletzung und die Demütigung zielen ohnehin auf ihr Ganzes. Vielleicht gerade weil sie im Grunde ihrem Vater gelten, dem fetten Gutsbesitzer, der beim Zugucken ihrer Misshandlung ins Grübeln kommt. „Es hat mir gut gefallen, wie du sie geprüft hast“, wird er kurz darauf zum Täter sagen. Doch da ist sie schon wieder von der Bühne, klitschnass und keuchend, weil man sie gerade beinahe in dem Pool am Bühnenrand ertränkt hätte.
Besser als Brecht
Anna Ternheim: Herzschmerz auf Eis

Anna Ternheim: Herzschmerz auf Eis

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Da klingt immer auch Verlustangst mit, wenn einer sagt, ein Künstler sei „poppiger“ geworden – oder gleich im vergifteten Lob: „radiotauglich“. Singer-/Songwriterin Anna Ternheim aus Schweden hat solche Einschätzungen und Befürchtungen vor allem mit ihrem im September erschienenen achten Album „A Space for Lost Time“ befeuert. Und das gar nicht unbedingt, weil die Musik eine Spur seichter ist, sondern weil Anna Ternheim heute stimmlich entschieden ausdifferenzierter und durchkomponierter klingt als früher. Mit Spannung erwartet wurde darum auch, wie die neuen Songs live anschlagen, auf der Tour, die nun im Bremer Schlachthof Station gemacht hat.
Anna Ternheim: Herzschmerz auf Eis
„Die Rote Zora und ihre Bande“ überzeugt in Bremen mit visueller Wucht

„Die Rote Zora und ihre Bande“ überzeugt in Bremen mit visueller Wucht

Bremen - Was für ein Glück es doch ist, wenn die Bösen solche Trottel sind! So hat man nämlich erstens auch als Kind noch eine Chance und zweitens was zu lachen. Bei der Roten Zora gilt das gleich doppelt, weil die Kinderbande es hier mit einem Trio Infernale der ganz besonders liebreizenden Art zu tun bekommt: der reichste Mann der Stadt (Helge Tramsen), der Bürgermeister (Guido Gallmann) und der offenbar einzige diensthabende Polizist (Matthieu Svetchine). Und deren Stolpern, Fuchteln und Scheitern wäre für sich schon wunderbar anzuschauen, würden die drei Schauspieler nicht auch noch immer wieder in eher unvorteilhaften Schuluniformen auftreten, um dazu ihre Söhne zu spielen: „Die Gymnasiasten“, die nächste Generation der Kleinstadtbourgeoisie.
„Die Rote Zora und ihre Bande“ überzeugt in Bremen mit visueller Wucht
Jodi Bieber im Syker Vorwerk: Was ist schön?

Jodi Bieber im Syker Vorwerk: Was ist schön?

Syke - Was braucht Frau, um schön zu sein? Einen wohlgeformten Hintern? Straffe Brüste? Lange Beine? Wenig bis gar keinen Speck auf den Hüften? Wenn es nach Werbung und Medien geht, treffen sicherlich all diese Punkte zu. Allerdings spiegelt diese Konstruktion des Weiblichen nur selten das wieder, was Frau selbst als schön empfindet. Auch wenn ihre Selbstwahrnehmung natürlich massiv von gesellschaftlichen Idealen beeinflusst wird.
Jodi Bieber im Syker Vorwerk: Was ist schön?
„Wir bauen ein Schiff“

„Wir bauen ein Schiff“

Bremen - Von Rolf Stein. Bühnenbildner, Schauspieler, Puppenspieler, Regisseure, Tänzer: Die freie Bremer Szene der darstellenden Künste feiert sich heute bei der Vergabe des „fabelhaften Bremer Schlüssels“. Wir sprachen vorab mit Jonathan Prösler, einem der Initiatoren des Preises, und Frederike Behrens aus dem Vorstand des Landesverbands freie darstellende Künste Bremen über den Preis und die freie Szene.
„Wir bauen ein Schiff“
Wer schnell ist, zahlt weniger: Weserburg bietet neues Ticketsystem

Wer schnell ist, zahlt weniger: Weserburg bietet neues Ticketsystem

In der Weserburg, dem Bremer Museum für Museum Kunst, gibt es in der Adventszeit eine ganz besonderes Ticket-Regelung: Man zahlt, je nachdem, wie lange man das Museum besucht. Das Weserburg-Team reiht sich damit ein in eine Reihe ungewöhnlicher Bremer Lösungen für Kulturtickets.
Wer schnell ist, zahlt weniger: Weserburg bietet neues Ticketsystem
Reiche Küste

Reiche Küste

Syke - Von Juliane Klug. Roland Berens hat das Paradies gefunden. Zumindest sein irdisches. Es liegt in Zentralamerika und heißt Costa Rica. Weil ihn das Land schon lange begeistert, hat Berens „111 Gründe, Costa Rica zu lieben – Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt“ geschrieben. Diese Gründe sind in 14 Kapiteln verpackt, die sich um das Land drehen, seine Menschen, Feste, Exportgüter – und viel Natur.
Reiche Küste
Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Schon der Beginn von Franz Xaver Dusseks Symphonie in B-Dur ist mitreißend: Die Bremer Philharmoniker spielen unter der Leitung des Venezianers Marco Comin mit einer wunderbar leichten Eleganz, dabei jede Geste mit einer großen Präzision und einem perfekten Gleichgewicht zwischen Bläsern und weitgehend vibratolos spielenden Streichern.
Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie
Sascha Hommer hält der Welt in „Spinnenwald“ einen Spiegel vor

Sascha Hommer hält der Welt in „Spinnenwald“ einen Spiegel vor

Syke - Was gehen einen schon „Waltrauder“ an, was „Punkis“ – und was diese riesigen fliegenden Augen? Selbst wer gegenüber der Fantasy nicht eh feindselig eingestellt ist, kann kirre werden bei all diesen fiktiven Ethnien, Dynastien, Spezies und was nicht noch. Es ist eine historisch gewachsene Ungerechtigkeit, dass es so stramm organisiert und durchsortiert ausgerechnet in einem Genre zugeht, wo theoretisch alles möglich wäre. Sascha Hommers Comic „Spinnenwald“ (Reprodukt) muss man zugute halten, dass es hier mit voller Absicht passiert – aus guten Gründen. Aufmerken lässt bereits, dass Hommer überhaupt Fantasy macht. So verbreitet ist das schließlich nicht in der Kunstcomicszene, der man den ehemaligen Feuchtenberger-Schüler und heutigen Lehrer an der Hochschule für angewandte Wissenschaften durchaus zuschlagen kann. Wobei das keine Scheuklappen unterstellen soll: Hommer ist auch als Mitinitiator des jährlichen Comicfestivals Hamburg bekannt, das zuverlässig völlig allürenfrei über sämtliche Tellerränder hinaus stürmt.
Sascha Hommer hält der Welt in „Spinnenwald“ einen Spiegel vor
Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Bremen – Die Schriftstellerin Barbara Honigmann (70) erhält den mit 25 000 Euro dotierten 66. Bremer Literaturpreis 2020. Die Auszeichnung wird ihr am 20. Januar im Rathaus der Hansestadt für ihren Roman „Georg“ übergeben, teilte die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung in Bremen mit. Die Preisverleihung ist der Höhepunkt der 44. Literarischen Woche in Bremen. Sie steht im Januar unter dem Motto „Liebe in unübersichtlichen Zeiten – Lebens- und Liebesstile im Sog der Veränderung“.
Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann
Auftragswerk fürs Junge Schauspiel: „Antigone. Ein Requiem“

Auftragswerk fürs Junge Schauspiel: „Antigone. Ein Requiem“

Hannover - Von Jörg Worat. Die „Rekomposition“ eines klassischen Stoffs: Klingt das nicht furchtbar gespreizt, und muss das nicht zwangsläufig schiefgehen? Muss es offenbar nicht, und wie immer der Begriff klingen mag, beim Stück „Antigone. Ein Requiem“ ist er angemessen. Es hat seine Gründe, dass der österreichische Autor Thomas Köck mit seinen 33 Jahren bereits zahlreiche Preise abgeräumt hat – die Uraufführung seines neuesten Textes ist jetzt im Ballhof Eins in Hannover zu erleben. Und zwar als Auftragswerk des Staatstheaters, genau genommen für das Junge Schauspiel, doch gerade bei dieser Produktion sind erwachsene Besucher mindestens ebenso gut aufgehoben.
Auftragswerk fürs Junge Schauspiel: „Antigone. Ein Requiem“
Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremen - Der Norden ist wohl die bescheuertste Himmelsrichtung: scheinbar superwichtig, weil der Kompass drauf zeigt, in echt aber total lästig. Keine Sonne, keine Pinguine und dafür laufen einem ständig irgendwelche Nazis über den Weg, die sich hier ihre Schwachsinnsmythologie zusammenklauben. Natürlich ist das nicht fair und die Polarregionen können nichts dafür. Dass man auf der Suche nach dem Norden aber stolpern und in gefährliche Fahrwasser geraten kann – davon erzählt die Gruppenausstellung „Norden“ im Atelierhaus Friesenstraße.
Keine Sonne, keine Pinguine
Krasse Aufmischungen

Krasse Aufmischungen

Delmenhorst - Von Ute Schalz-laurenze. „Ekstatisch gekreischt“, „performiert vermorst“, „in sich quirlig vermanscht“, „spuckig“, „zerknautscht“, „näselnd verbeult“, aber auch „näselnd verpresst“ und weiter: „kreischRISSscratch“ oder „mit reichem Dämpferspiel irres geklitter vielfältiger Echoschwingungen erzeugen“. Derlei Spielanweisungen gibt es in den Partituren von Hans Joachim Hespos, die ein rein professionelles Abspielen nicht erlauben, sondern eine totale Identifizierung provozieren.
Krasse Aufmischungen
Alles fließt: Sibylle Springers weinende Männer

Alles fließt: Sibylle Springers weinende Männer

Bremen - Sie ist längst mehr als ein Geheimtipp: Die Bremer Kunsthalle hat ein Werk von Sibylle Springer in der Sammlung. Im Syker Vorwerk war die Künstlerin neulich in der Gruppenausstellung „Animal Turn“ vertreten. Und es ist auch nicht lange her, dass ihre „Serial Killers“ in der Weserburg zu sehen waren. Nun zeigt die Galerie K’ neue Arbeiten. Die Galerie vertritt die Künstlerin seit 2016, „Neue Lügen“ ist ihre dritte Einzelausstellung dort.
Alles fließt: Sibylle Springers weinende Männer
„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Bremerhaven - Von Tim Schomacker. Irgendwann wird sich die Hinterbühne in Richtung Publikum neigen. Ganz langsam. Aus einem Turm weißroter Trommeln werden sich zwei lösen und über die Bühne rollen. Wir werden den rollenden Trommeln zuschauen. Wir werden uns fragen, ob das genau so geplant war. Wir werden erleben, wie sich Gegenstände ihren Raum erobern. So wie sich Grass‘ notorische Blechtrommel ihren Raum genommen hat. Im Leben des Oskar Matzerath. In der Weltliteratur.
„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater
Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

Syke - Von Rolf Stein. Es klingt abenteuerlich, aber es gibt dafür immerhin eine Quelle: Dass Shakespeare nicht nur schon zu seinen Lebzeiten auf einem Schiff in afrikanischen Gewässern gespielt wurde. Und der „Hamlet“ gar zuallererst vor der Küste Sierra Leones vor Portugiesisch sprechenden Afrikanern und nicht etwa irgendwo in England. Der Bericht allerdings dürfte auf immer verschollen sein – und damit auch die Möglichkeit, ihn auf seine Echtheit zu überprüfen.
Wahn und Wirklichkeit
Traurig bis tieftraurig - die Bildwelten von Instagram

Traurig bis tieftraurig - die Bildwelten von Instagram

Hannover - Von Jörg Worat. Schein oder Nichtschein? Auf Instagram verschwimmen die Grenzen regelmäßig: Wer sich hier inszeniert, zeigt nicht zwangsläufig, wie er ist, sondern oft, wie er gern wäre beziehungsweise wahrgenommen würde. Florian Müller, Lehrbeauftragter im Studiengang „Fotojournalismus und Dokumentarfotografie“ an der Hochschule Hannover, ist einigen dieser Selbstdarstellern privat begegnet und präsentiert nun in der „Galerie für Fotografie“ die Ausstellung „Hashtags Unplugged – Von Lastern und Leitmotiven“.
Traurig bis tieftraurig - die Bildwelten von Instagram
Mit Sang und Klang zum Untergang

Mit Sang und Klang zum Untergang

Bremen - Von Henning Bleyl. 28 Liter. 28 Liter Schnaps pro Jahr und Kopf, Kinder eingerechnet: Die DDR war Alkohol-Weltmeister. Was sie für ihre Bewohner sonst noch alles war – Heimat, Alltag und harte Diktatur – erfährt man so sinnlich wie reflektiert in der Revue „Verschwundenes Land“ im Bremer Theaterkontor in der Schildstraße. Am Mauerfall-Wochenende hatte die Produktion des Figurentheaters „Mensch, Puppe!“ ihre Premiere.
Mit Sang und Klang zum Untergang
Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Bremen - Von Markus Wilks. Koloraturen, Koloraturen und noch mehr Koloraturen. Es war ein Sängerfest, was da am Sonntag im Theater am Goetheplatz zu erleben war. Das Bremer Theaterensemble demonstrierte eindrücklich, dass die 1735 uraufgeführte Oper „Alcina“ von Georg Friedrich Händel auch heute die Herzen des Publikums erreichen kann: Mit ungetrübtem Jubel feierte dieses die Premiere.
Im barocken Zaubertheater
Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Bremen - Von Jan-paul Koopmann. Die Leiche nicht wegzuschaffen, war wirklich ein Geniestreich. Denn obwohl sich in Ibsens „Rosmersholm“ ohnehin alles um die vorab verblichene Beate dreht, macht es einen schon richtig kirre, wie sie da die ganze Zeit in ihrer kalten Pfütze liegt. Im schmuddelweißen Kleid der Wasserleiche steckt Lisa Guth, die krampfig zuckt und die sich windet, wenn die anderen über sie sprechen: ein Resonanz-Zombie, der in seiner Gelenkigkeit ein bisschen an dieses furchtbare Mädchen aus „Der Exorzist“ erinnert, oder an Hideo Nakatas Ring – an Horror jedenfalls, auch wenn Armin Petras‘ Geistergeschichte unterm Strich doch sehr viel trauriger ist als unheimlich.
Wiedergänger mit Herz
Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit voraus

Hamburg - Von Michael Pitz-grewenig. Sie war schon zu Lebzeiten ein Mythos: Else Lasker-Schüler. Gekleidet in exzentrische Gewänder, gab sie sich mythische Namen. „Tiger Jussuf, Prinz von Theben“ wurde ihr dichterisches Alter Ego, gestaltet nach der Legende des alttestamentarischen Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauften. Später kamen Tino von Bagdad, Isaak, Ruth, Esther und andere hinzu.
Ihrer Zeit voraus
Jeder Scheinwerfer ein Universum

Jeder Scheinwerfer ein Universum

Bremen - Von Frank Schümann. Wer sich in der Pause eines Theaterbesuchs am Goetheplatz im sogenannten Balkonfoyer aufhält, hat sie vielleicht schon mal gesehen – die unscheinbare Tür, die sich zwischen den Treppenauf- und Abgängen verbirgt. Der Raum hinter dieser Tür ist das sogenannte Stellwerk. Hier wird das Licht für den gesamten Bühnenabend geregelt – und das ist mit reichlich Arbeit verbunden.
Jeder Scheinwerfer ein Universum
Fruchtbare Fragezeichen

Fruchtbare Fragezeichen

Hannover - Von Jörg Worat. Blackfacing? Beim hannoverschen Staatsschauspiel ist neuerdings Whitefacing angesagt. In einem Projekt, das auch ansonsten aus dem Rahmen fällt: „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ von Milo Rau im Ballhof Zwei ist in mehrfacher Hinsicht ein irritierender Abend. Es handelt sich um eine Übernahme vom Volkstheater Wien, die im hannoverschen Repertoire verbleibt – dieses Prinzip wird die neue Intendanz auch auf einige weitere Inszenierungen mit frisch in die niedersächsische Landeshauptstadt gewechselten Ensemblemitgliedern anwenden.
Fruchtbare Fragezeichen
„Eine Art zu reden“

„Eine Art zu reden“

Bremen - Von Rolf Stein. Sie ist in aller Munde: die DDR. Zwischen Nostalgie und scheckbuchgepflegtem Feindbild, zwischen „andere deutsche Diktatur“ und „gut gemeint, aber schlecht gemacht“. Da prallen Kindergartenplätze auf allgegenwärtige Überwachung, stete Gängelung auf das Recht auf Wohnen. Aufzuarbeiten gibt es offenbar auch 30 Jahre nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze eine Menge. Die aktuellen Schlagzeilen zum Thema schillern zwischen Warnungen vor der Wiederkehr des Sozialismus angesichts des Wahlerfolgs der Linken in Thüringen und der Frage, ob das Erstarken der politischen Rechten in den östlichen Bundesländern ein Produkt der DDR ist. Jeannette Luft, im sächsischen Zwickau aufgewachsen, vom Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“ setzt sich in „Verschwundenes Land“ jetzt theatralisch mit ihrer alten Heimat auseinander.
„Eine Art zu reden“
Juan Diego Flórez mit neuem Repertoire

Juan Diego Flórez mit neuem Repertoire

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Der 1973 geborene peruanische Tenor Juan Diego Flórez ist ein Ausnahmesänger. Nicht nur in Bezug auf seine durch und durch perfekte, charismatische Stimme, sondern auch in Bezug auf seinen Umgang mit ihr. Flórez hat noch nie Partien gesungen, die ihm nicht liegen, nur weil sie gut bezahlt waren. Das nimmt der Größe seines Gesanges jegliche Künstlichkeit, macht jeden Ton zu seiner Natur.
Juan Diego Flórez mit neuem Repertoire
Leicht, aber nicht leichtsinnig

Leicht, aber nicht leichtsinnig

Hannover - Von Jörg Worat. Ein junger Mann wird im Schlaf zur Frau und lebt mehrere Jahrhunderte lang. Nun, so etwas passiert ja andauernd – könnte man angesichts einer neuen Inszenierung im Schauspielhaus zumindest vermuten: Ein ganz großer Pluspunkt dieser Version von Virginia Woolfs „Orlando“ ist die Selbstverständlichkeit, mit der die schräge Geschichte erzählt wird. Und die überhaupt keinen Platz für unangemessenes Pathos lässt.
Leicht, aber nicht leichtsinnig
Untergang und Utopie mit Dietmar Dath

Untergang und Utopie mit Dietmar Dath

Bremen - Dietmar Dath hat schon wieder ein Buch geschrieben. Weil das ständig passiert, bat das Satire-Magazin „Titanic“ den Schriftsteller vor einer Weile, er möge bitte „nicht schneller Bücher schreiben, als wir sie lesen können“. Geholfen hat das nicht: Da waren diese 688 Seiten „Neptunation“ (S. Fischer Verlag) Ende September, zwei Wochen später Daths Science-Fiction-Genreschau „Niegeschichte“ auf 942 Seiten (Matthes & Seitz Berlin) und jetzt „Du Bist Mir Gleich“ (Golden Press) auf geradezu knackigen 232 Seiten.
Untergang und Utopie mit Dietmar Dath
In den Bremer Pusdorf-Studios wird mit Industrie-Flair gefeiert

In den Bremer Pusdorf-Studios wird mit Industrie-Flair gefeiert

Bremen - Die Pusdorf-Studios im Bremer Stadtteil Woltmershausen – im Volksmund Pusdorf genannt – sind ein besonderer Ort. Einst residierte auf dem Areal ein Isolierbetrieb, am vergangenen Wochenende gab es dort Live-Musik. Manche Gäste müssen sich den Weg zu den Studios erst erfragen. Sie liegen etwas versteckt, nicht direkt an der Hauptstraße, sondern auf dem Deich am Woltmershauser Hafen. Über eine Rampe muss man gehen, bevor man den Eingang zu dem Gebäudekomplex hinter einer alten Fabrikhalle findet. Der Hof ist nur durch kleinen Lampen erhellt.
In den Bremer Pusdorf-Studios wird mit Industrie-Flair gefeiert
Innovation durch Spleens

Innovation durch Spleens

Hamburg - Von Radek Krolczyk. Fotografie ist das klassische Medium für die Aneignung der Welt. In gewisser Hinsicht ist Fotografie eine demokratisierte Variante des Malens. Für die Wiedergabe einer erlebten oder vorgestellten Wirklichkeit braucht es weniger Zeit, weniger Übung und – was den Vorgang deutlich entmystifiziert – auch weniger Talent. Natürlich gibt es gute und weniger gute Fotografie. Es gibt beispielsweise solche Fotografie, die dazu imstande ist, uns etwas zu zeigen, was wir bisher nicht kannten.
Innovation durch Spleens
Nie ganz dazugehören

Nie ganz dazugehören

Syke - Von Rolf Stein. Eine Sache dürfte wohl klar sein, wenn es um Winnetou und die nach ihm benannten Festspiele geht: Dass das, was wir dort vorgeführt bekommen, nicht die historische Lebenswelt der amerikanischen Erstbewohner abbildet, schon gar nicht die ganze. Lassen wir aber einmal für ein paar Absätze die Frage beiseite, ob man deshalb das Bad Segeberger Theater in seiner bekannten Form weiterführen darf, das, wie die Romane von Karl May, ohnehin vor allem etwas über unsere eigenen Sehnsüchte und Moralvorstellungen aussagt.
Nie ganz dazugehören