„Wie alles kam“: Mit Henry James auf Erkundungsfahrt in unserer zwischen Unschuld und Erfahrung ausgespannten Seele

Architektonische Fehlleistungen im Haus der Liebe

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. In Deutschland beschränkt sich sein bescheidener Ruhm auf eine Oper. „The Turn Of The Screw“ lautet die Novelle von Henry James, deren Vertonung von Benjamin Britten vor einem Jahr am Theater Bremen zu erleben war.

Viel mehr kennt das deutsche Publikum nicht von diesem amerikanischen Erzähler, der im Zuge des Ersten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.

Mit der im Manesse Verlag erschienenen Neuübersetzung (von Ingrid Rein) einiger Erzählungen könnte sich das jetzt ändern – und sollte es auch. Denn Henry James war ein Meister der Seelenerkundung, ein scharfsinniger Analytiker des menschlichen Handelns. So lässt sich kaum ein passenderer Buchtitel vorstellen als jener, der nur scheinbar zufällig einer Erzählung entnommen ist. Denn wo James Figuren skizziert und Konflikte beschreibt, geht es ihm einzig und allein um das Finden und Benennen von Ursachen: um Antworten auf die Frage danach, „Wie alles kam“.

Wie es zum Beispiel dazu kommen konnte, dass die verheißungsvoll begonnene Liebe zwischen der reichen Georgina und dem mittellosen Marineleutnant Raymond so tragisch enden musste. James entwirft eine Romeo-und-Julia-Idylle mit bösen Schwiegereltern, die für ihre Tochter eine bessere Partie im Blick haben. Mit heimlichen Treueschwüren in New Yorks finsteren Winkeln. Und hochfliegenden Eheplänen, allen gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz.

Doch dann zeigen sich die Risse im Fundament dieser Beziehung. Oder besser: die architektonischen Fehlleistungen. Denn nicht etwa schicksalhafte Wendungen führen das Scheitern dieser Liebe herbei, sondern bereits in ihrer Keimzelle angelegte Unstimmigkeiten. Etwa jene, die das Movens des Verhältnisses betreffen. Für Georgina etwa ist es weniger die Liebe zu Raymond als vielmehr die Gelegenheit zur Befreiung von familiären Erwartungen. Und Raymond umgekehrt sieht in Georginas kühler Vornehmheit eine Würde, hinter der sich in Wahrheit nichts weiter als Eigensinn verbirgt.

In „Augengläser“, einer Erzählung über die Macht des Scheins über das Sein, begleiten wir die schöne Flora auf ihrem Weg in die Dunkelheit. Eine Augenkrankheit führt ihre allmähliche Erblindung herbei, ein Prozess, der sich zum Preis einer Brille beheben ließe. Doch diese Brille mit dicken Gläsern würde eine enorme Verunstaltung ihres hübschen Gesichts bedeuten und damit das Ende der gegenwärtig noch so grandiosen Aussicht auf einen attraktiven Ehemann.

Dieses Gefüge aus Eitelkeit und Sehnsucht, aus äußeren Makeln und inneren Werten könnte klischeehaft wirken, käme nicht eine weitere Instanz ins Spiel: Mrs Meldrum, Offizierswitwe und „hässlichste aller Frauen“, hässlich nicht zuletzt wegen ihrer überdimensionierten Brille, deren alltäglicher Gebrauch ihr den Erhalt des Augenlichts garantiert.

Während die eine auf Liebe hofft, entscheidet die andere auf Leben, wo diese sich ins Dunkel stürzt, bleibt jene im Licht. Es sind zwei konträre Entwürfe eines Umgangs mit Schicksal. Was dieser Kontrast für das Verhältnis der beiden zueinander bedeutet, wie sich darin Gewissen, Missgunst und am Ende doch wieder Zuneigung spiegeln: In der Reflexion dieses Prozesses zeigt sich ein für das ausgehende 19. Jahrhundert bemerkenswerter psychologischer Blick.

Was den Autor umgetrieben habe, resümiert Angela Schader in einem Nachwort, sei die „zwischen Begehren und Anstand, zwischen Unschuld und Erfahrung ausgespannte Seele“ gewesen. Die hier so treffend bezeichneten Pole des menschlichen Gemüts haben sich auch fast hundert Jahre nach dem Tod von Henry James nicht verschoben. Seine Erzählungen vermögen immer noch, verborgene Schichten unseres Bewusstseins aufzudecken: ein Dichter von ungeahnter Aktualität.

Henry James: „Wie alles kam“, Erzählungen, Manesse Verlag: Zürich 2012; 480 Seiten; 22,95 Euro.

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