Jugendrichterin Kirsten Heisig warnt in ihrem Vermächtnis vor Parallelgesellschaften – auch in Bremen

Die arabischen Clans von der Weser

„Ein Vertrag auf Gegenseitigkeit“: Die vor zwei eineinhalb Monaten verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig hat eine Debatte um Integration angestoßen.

Detlef SieloffSYKE (Eig. Ber.) · Es ist eine Expedition in eine Parallelwelt. Eine Parallelgesellschaft mit einem eigenen Rechtsverständnis, die sich in der Mitte unserer Gesellschaft und vor unseren Augen ausbreitet, und die wir doch kaum wahrnehmen und noch weniger durchschauen. Wir sehen nicht hin, sondern lieber weg.

Die Berliner Jugendrichtern Kirsten Heisig, die sich Ende Juni das Leben nahm, hat in ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ den Blick auf diese Welt der straffälligen Einwandererfamilien gelenkt und damit eine neue gesellschaftliche Debatte über die Grenzen der Integration ausgelöst. Es ist schwer, Probleme der Eingliederung zu beschreiben, ohne in den Ruch dumpfer Ausländerfeindlichkeit zu geraten. Aber: „Integration ist ein Vertrag auf Gegenseitigkeit“, betont Heisig. Das Buch ist ein Vermächtnis – und ein später Notruf. Ohnmächtig hatte die 48-jährige Juristin erleben müssen, dass die von ihr verurteilten Jugendlichen immer wieder und wegen immer schwererer Delikte vor den Schranken ihres Neuköllner Gerichtssaals auftauchten. In ihrer Streitschrift erlaubt Kirsten Heisig in klarer Sprache, mit Sachkunde und ohne Voreingenommenheit erhellende Einblicke in diese Parallelgesellschaft und zieht eine ernüchternde Bilanz der von Ignoranz und Angst geprägten Integrationsbemühungen.

Anschauungsobjekt der Richterin ist der Bezirk Neukölln – der Bezirk, in dem Kirsten Heisig zwei Jahrzehnte richtete. Ähnliche Verhältnisse finden sich aber auch in anderen deutschen Städten.

Etwa 200 Intensivtäter leben in Neuköln. Delinquenten, die innerhalb eines Jahres mindestens zehn erhebliche Delikte begangen haben. „Die jugendlichen Intensivtäter entstammen meist vor vielen Jahren aus dem Libanon oder der Türkei zugewanderten Familien mit sechs Kindern oder mehr“, schreibt Heisig, wobei die Araber gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil die Mehrheit der Intensivtäter stellten. „Viele Einwanderer haben inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit, die meisten leben von Kindergeld und staatlichen Transferleistungen.“ Die Mütter, die nie Deutsch gelernt hätten, überließen die Jungen schon früh sich selbst – aus ihrer Tradition heraus, wonach Söhne kleine Männer sind. Die Folge: Die Jungen, die nur sporadisch eine Schule von innen sehen, treiben sich im Kiez herum und begehen, meist aus der Gruppe heraus, die ersten Straftaten.

Was mit kleinen Diebereien anfängt, eskaliert rasch: Heisig traf auf 14-Jährige, die es bereits auf mehrere Raubüberfälle, schwere Körperverletzungen und Drogendelikte brachten. Während Schulen, Jugendämter und Gerichte sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben, machen die Kinder weiter, was sie wollen.

Worin liegen die Ursachen dieser besorgniserregenden Entwicklung? „Es gibt in Deutschland zugewanderte Menschen, die nie vorhatten, sich einzufügen, sondern immer schon in einer parallelen, in einigen Fällen rein kriminell ausgerichteten Struktur gelebt haben“, erklärt Heisig. Besonders in Berlin, Bremen und dem Ruhrgebiet seien die arabischen Clans aktiv.

Ihre Mitglieder, meist aus dem Libanon, reisten meist ohne oder mit nur kurzfristig gültigen Papieren in Deutschland ein, was ihre Abschiebung nach dem Asylverfahren unmöglich mache – denn dazu muss das Herkunftsland feststehen. Zunehmend würden auch weit unter 14-Jährige gezielt für kriminelle Aktivitäten eingeschleust – weil die noch nicht strafmündig sind.

Was ist zu tun? In ihrem Vermächtnis benennt Kirsten Heisig die vordringlichsten Aufgaben des Staates: Die Kinder und Jugendlichen – notfalls in geschlossenen Heimen – von den Clans zu isolieren, ihnen Ausstiegsprogramme anzubieten und die Einreise konsequenter zu kontrollieren.

Kirsten Heisig: „Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“; Kartoniert/Broschiert, Herder-Verlag: Freiburg 2010; 205 Seiten; 14,95 Euro.

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