Regisseurin Tatjana Gürbaca inszeniert in Bremen „Simplicius Simplicissimus“ von Karl Amadeus Hartmann

„Appell an unseren Humanismus“

Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper „Simplicius Simplicissimus“ ist nur selten auf den Spielplänen der Republik zu finden. In Bremen wird sich das am Samstag nun ändern. - Fotos: Jörg Landsberg

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Der kleine Simplicius Simplicissimus ist übrig geblieben im großen Morden des Dreißigjährigen Krieges und schließt sich dem Einsiedel an, der ihm das Leben beibringt. Er kommt schließlich zu den Soldaten und an den Hof, wird als Narr gehalten und deutet sich selbst seinen Traum vom Lebensbaum, der die brutale Hierarchie der Gesellschaft trägt. Karl Amadeus Hartmanns 1934/35 entstandene Oper „Simplicius Simplicissimus“, verschwand in der Schublade – wie so viele andere Werke dieses hellsichtigen Komponisten aus der inneren Emigration in der Schweiz.

Nun kommt in Bremen diese Kammeroper auf die Bühne, unter der musikalischen Leitung von Clemens Heil und in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca, deren nachdenkenswerte Inszenierungen in Bremen – Tschaikowskis „Mazeppa“ und „Eugen Onegin“ und György Ligetis „Grand Macabre“ – noch in bester Erinnerung sind.

Frau Gürbaca, das Libretto und die Musik sind überreich an Stilen, Metaphern und Allegorien. Wir finden Brechtisches episches Theater, Zitate der Musikgeschichte, einen fast unübersichtlich heterogenen Musikstil. Wie haben Sie sich dem Stoff genähert und zu welchen szenischen Entscheidungen hat das geführt?

Tatjana Gürbaca

Tatjana Gürbaca: Neben dem Inhalt dieses grandiosen, auf Grimmelshausen beruhenden Antikriegsstückes hat gerade das Heterogene des Werks mich interessiert. Ich hatte in letzter Zeit viel Wagner inszeniert und fand den enormen Kontrast seiner großen Opern zu Hartmanns präziser und effizienter Ausdrucksweise reizvoll. Er experimentiert ja mit verschiedenen Mitteln und trennt die unterschiedlichen Ebenen stark voneinander: So finden wir neben der gesungenen Musik auch reine Instrumentalmusik, gesprochene Texte, Tänze und Chöre. Und im kammermusikalisch besetzten Orchester wurden die Instrumente zu einem eigenständigen sprechenden Organ: die Holzbläser, Klarinette, Flöte, aber auch alle anderen Spieler kommentieren das Geschehen mit ihrer jeweils eigenen Stimme. Das ist aufregend.

Nochmal genauer zu diesen verschiedenen Musikstilen: Der „Prokofiev“-Marsch – katatrophenartig, neoklassizistisch. Das Zwischenspiel (die „Tränen des Vaterlands” zu dem Gedicht von Andreas Gryphius) – zweite Wiener Schule. Der Foxtrott am Ende, die Strawinsky-Anklänge, der Bach-Choral. Die jüdische Melodie, die zum Tod des Einsiedel erklingt.

Gürbaca: Hartmann benutzt diese Zitate sehr bewusst, manchmal konterkariert er sie, verleiht ihnen Ironie, manchmal tiefere Bedeutung. Im jüdischen Lied Elijahu ha-navi, das zum Tod des Einsiedels erklingt, geht es um die Wiederkehr des Messias, der Tod kann überwunden werden, die Idee überlebt.

„Zwischen Bänkelsang, Choral und psalmodierendem Recitando“, meinte der Dirigent Hermann Scherchen zu der von ihm angeregten Partitur.

Gürbaca: Simplicius ist der in die Welt geworfene Mensch, eine Identifikationsfigur für uns. Er leidet Kälte und Hunger und wandert nur mit seiner Sackpfeife bewehrt durch eine finstere, beängstigende Welt, in der er zum Schauenden, zum Zeugen wird. Der ihm an die Seite gestellte Erzähler – bei uns ein Kind – ist ein alter ego, entsprechend dem mehrfach gebrochenen Erzähler aus dem Roman.

Wie haben Sie das Bild vom Baum, dem Abbild der Klassengesellschaft, von dem Simplicius ja auch viel spricht, umgesetzt?

Gürbaca: Simplicius beschreibt eine Gesellschaft, die ihre Wurzeln bis ins Mark aussaugt, um nach oben hin kuriose Blüten zu treiben. Dafür wie dieser Glaube an unendliches Wachstum monströse Züge annimmt, haben wir ein Bild gefunden, das ich hier noch nicht verraten möchte.

Auch Doppeldeutigkeiten sind zu bewältigen: zum Beispiel die Soldaten, die am Ständebaum für die Zerstörung anderer zuständig sind, letztendlich aber selbst zu Opfern werden. Kann man das Stück als eine Persiflage auf den Nationalsozialismus verstehen? Ist der Wolf eine Allegorie für Hitler?

Gürbaca: Das hat mich weniger interessiert. Als Werk ist es ein „Memento Mori“, ein Totentanz, eine Erinnerung daran, dass wir alle sterben müssen. Und weil wir sterblich sind, sollten wir uns der Kostbarkeit des Daseins bewusst sein und der Verantwortung, die wir tragen, wenn es um seine Gestaltung geht. Das Werk ist ein großer Appell an unseren Humanismus.

Ist der Einsiedel autobiographisch zu denken?

Gürbaca: Ja sicher. Hartmann befand sich ja im inneren Exil und wollte mit seiner Oper ein Bekenntnis setzen. Wie der Einsiedel hat er eine Botschaft an uns.

Hartmann hat bis heute nicht den Bekanntheitswert, der seiner Bedeutung entspricht. Die kleine Oper sei „ein Juwel“, sagte der Opernkenner Ulrich Schreiber. Wie erklären Sie sich das?

Gürbaca: Das stimmt. In der Nazizeit hatte er nicht die geringste Möglichkeit, seine Werke zu spielen. Nach dem Krieg prägte die Faszination an der zweiten Wiener Schule, an der Musik von Schönberg, Berg und Webern die Szene. Da gab‘s keinen Platz mehr für ihn mit seiner oft auch tonalen gebundenen oder freitonalen Musik wie übrigens auch für Ernst Krenek, Walter Braunfels und viele andere nicht. Es scheint eine verbrannte Generation. Ich hoffe, dass ihre Zeit noch kommt.

Karl Amadeus Hartmann, „Simplicius Simplicissimus“. Premiere ist morgen um 19.30 Uhr am Theater am Goetheplatz.

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