Günter Grass liest in der Bremischen Bürgerschaft aus seinem neuesten Buch

Appell an die abwesende Jugend

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Nach der Lesung wird der Autor noch einige Werke signieren. Allerdings nur drei, wie es bereits vor Beginn heißt. Enttäuschte Gesichter. Ein Teil wird wieder eingepackt.

Im Zuge der Ausstellung „Der politische Grass“, die momentan in der Bremischen Bürgerschaft zu sehen ist, hat die Günter Grass Stiftung am Montagabend zu einer Lesung aus dem neuesten Buch ihres Hausautors geladen. „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“ heißt es: ein Werk über die Entstehung des unvollendeten Wörterbuchs der Gebrüder Grimm.

Erstes Kapitel. Grass schildert mit großen Gesten den Weg der Brüder in ihr unfreiwilliges Exil in Hessen. Durch ihre Teilnahme bei den „Göttinger Sieben“, eine Gruppe von Professoren, die sich in der Universitätsstadt gegen eine Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover einsetzte, wurden Jacob und Wilhelm Grimm 1837 des Landes verwiesen.

Bei der Schilderung der Ereignisse rund um die letzte Kutschfahrt auf hannoverschem Boden löst sich Grass aus der distanzierten Beobachterposition. Anschaulich kommentiert er das Geschehen an der Grenze zwischen Hannover und Hessen. Immer wieder gibt er Einblick in das Seelenleben der beiden Brüder. Dabei verschwimmt für den Zuhörer die Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Die Trauer des vertriebenen Jacob Grimm ist zu deutlich, zu sehr greifbar, um reines Produkt der Fantasie zu sein. Verarbeitet Grass hier eigene Erlebnisse? Oder findet dieser Eindruck seinen Ursprung in der Vortragsweise? Seufzer und eine leiser werdende Stimme kreieren ein Gefühl des Verlusts. Selbst im klinisch kalten Sitzungssaal des Bremer Parlaments. Ohne Zweifel verfügt Günter Grass auch über schauspielerisches Talent.

Doch nicht nur die Trauer über den Verlust der Heimat bestimmt die Stimmung im ersten Kapitel des Romans. Bei Grass nicht unerwartet beanspruchen politische Diskussionen und ihre Bedeutung ihren Platz. Der Einsatz für politische Veränderungen, sagt er, lohne sich immer, selbst wenn dafür hohe persönliche Opfer gebracht werden müssen. Grass als Vertreter der Achtundsechziger, als Ermahner einer vermeintlich desinteressierten Jugend. Doch seine Botschaft verhallt nahezu ungehört. Denn in den gefüllten Reihen des Plenarsaals ist nur eine überschaubare Anzahl junger Zuhörer zu finden.

Für die Mehrheit der Zuhörer – und Buchbesitzer – hat Grass im vierten Kapitel ebenfalls einen Anknüpfungspunkt parat. Und zwar Jacob Grimms Rede an das Alter, die der Göttinger Professor im Jahre 1860 hielt. In nicht immer ganz ernsten Passagen über den Geiz der Greise findet sich das ältere Publikum wieder und honoriert die etwa einstündige Lesung mit lang anhaltenen Applaus – bevor es sich in die Schlange vor dem Signiertisch stellt.

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