Mark Zurmühle inszeniert „Unterwerfung“ am Stadttheater Bremerhaven

Die Antwort auf alle Fragen

Sind wir nicht alle ein bisschen Francois? Elif Esmen, Volker Muthmann, Henning Bäcker und Christoph Finger (v.l.) gemeinsam in der Hauptrolle. - Foto: Heiko Sandelmann

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ erschien in Frankreich am 7. Januar 2015. Am selben Tag stürmten islamistische Terroristen unter anderem die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und töteten mehrere Mitarbeiter.

Das Datum der Bremerhavener Premiere der Bühnenfassung von „Unterwerfung“ am Stadttheater fiel am Samstag auf den Jahrestag der Anschläge in der französischen Hauptstadt vom vergangenen Jahr, bei dem unter anderem im Club „Bataclan“ etliche Menschen dem Terror zum Opfer fielen.

Zufall oder nicht: Aufgeladen ist die Atmosphäre nicht nur in Frankreich ohnehin. Houellebecqs Roman, der in einer nahen Zukunft spielt, erweist sich nicht nur bezüglich der letzten Terroranschläge als geradezu gespenstisch visionär. Schließlich erzählt das Buch auch von einer turbulenten Präsidentschaftswahl, bei der Marine Le Pen mit dem rechtsextremen Front National stärkste Kraft wird. Im Umfeld der Wahl kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rechten Identitären und Migranten, das Wort Bürgerkrieg macht die Runde.

Bei Houellebecq gewinnt ein Muslim die Wahl, der von den Sozialisten mitgewählt wird, um Le Pen zu verhindern. Frankreich, wenn nicht Europa, hat sich bis auf Weiteres gründlich verändert. Wobei die Bilanz des neuen Präsidenten selbst Skeptiker überzeugt: Die Kriminialität befindet sich ebenso im Sinkflug wie die Arbeitslosigkeit.

Mark Zurmühle hat mit der Dramaturgin Anna Gerhards für das Stadttheater Bremerhaven eine Bühnenfassung erarbeitet, die wie Houellebecqs Roman die verschiedenen Ebenen der Geschichte klug verschneidet. Da sind – natürlich – die politischen Ereignisse. Aber es geht nicht zuletzt auch darum, wie ein zynischer, sexistischer, mittelalter weißer Intellektueller mit Gourmet-Allüren jene Unterwerfung an sich vollzieht, die emblematisch über dem Roman steht und auf die Bedeutung des Wortes Islam anspielt, das sich auch als Hingabe übersetzen lässt. Wie und warum sich Francois, der Ich-Erzähler in dem Roman, schließlich hingibt, arbeitet Houellebecq mit bösem Witz heraus.

Mit einem vierköpfigen Ensemble, das sowohl verschiedene Facetten von Francois’ Charakter abbildet, als auch virtuos in die verschiedenen weiteren Rollen wechselt, inszeniert Zurmühle die „Unterwerfung“ in gleichen Teilen als innergesellschaftlichen Diskurs und als Selbstgespräch der Hauptfigur, was Volker Muthmann, Henning Bäcker, der kurzfristig eingesprungene Christoph Finger und Elif Esmen, allesamt in Schwarz gekleidet, virtuos besorgen.

Angesiedelt hat Bühnen- und Kostümbildnerin Eleonore Bircher das Geschehen in einem eindrucksvoll schlichten runden Raum, der von einer sich im Verlauf in die Höhe hebenden Glocke umgeben ist und außer den Schauspielern und einem monströsen Dinosaurierskelett im Hintergrund lediglich ein paar schlichte Tische und Stühle aufweist, die auch in einem Seminarraum stehen könnten – also am Arbeitsplatz des Literaturwissenschaftlers und Hochschuldzenten Francois.

Der eingangs berichtet, wie mit seiner Dissertation und ihrer Veröffentlichung ein Lebensabschnitt zu Ende ging, der wahrscheinlich der glücklichste seines Lebens war. Und zwar in zweierlei Hinsicht: erotisch und intellektuell. Mit den politischen Umschwüngen wird seine Sinnkrise noch durch eine materielle Dimension verschärft: Weil die Muslim-Partei weiß, dass der Schlüssel zur Zukunft die Bildung ist, setzt sie politisch dort ihren Schwerpunkt. Die Sorbonne, an der Francois gelehrt hat, wird zur muslimischen Universität – und Francois verliert seinen Job, weil er nicht konvertiert ist.

Der neue Direktor Rediger, ein charismatischer Seelenfänger, von Henning Bäcker hinreißend gespielt, umgarnt Francois mit viel Geschick und schließlich erfolgreich. Eine Szene, für die Zurmühle die postdramatische Spielordnung zugunsten effektiven Theaterzaubers aufgibt: Rediger betritt umnebelt aus geheimnisvollem Licht die Szenerie, wo er für alle Krisen und Fragen Francois' Antworten die Anwort hat: Wenn er konvertiert, darf er in seinem alten Beruf arbeiten, bekommt ein mehr als ordentliches Gehalt dafür – und dank des Islams ist auch die Sache mit dem Sex geregelt. Drei Frauen, so stellt Rediger ihm in Aussicht, sollten bei seinem Gehalt drin sein. Als Sahnehäubchen gibt es die spirituelle Heimat obendrauf.

Insofern bietet für den bekennend unpolitischen Francois die neue Gesellschaft nicht nur wenig Grund zur Klage – sie wirkt verglichen mit der vorherigen Situation gar regelrecht attraktiv. Wobei Zurmühle und Gerhards den Diskurs noch mit dem Hinweis garnieren, dass sich Familien- und Frauenbild von Identitären und Islamisten gar nicht so substanziell unterscheiden.

Die Bremerhavener „Unterwerfung“ wirft so einen präzisen Blick auf Houellebecqs Roman und bietet zugleich vitales Schauspielertheater, das den Weg nach Bremerhaven unbedingt lohnt.

Die nächsten Vorstellungen: Freitag, 25.11., Donnerstag, 1.12., Sonntag, 4.12., 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare