Geschlechterkampf pur

Antoine Jully behandelt im Ballett das Verhältnis zwischen Mann und Frau

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Wirklich etwas Neues zu Männern und Frauen hat Oldenburgs Haus-Choreograf Antoine Jully nicht zu berichten, aber schön anzusehen ist seine neue Arbeit immerhin.

Oldenburg - Von Jens Laloire. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau hat als Sujet in der Kunst eine lange Tradition – man könnte auch sagen: Das Thema ist ein ziemlich alter Hut.

Dementsprechend stellt sich vor der Uraufführung des Ballettabends „Men an Women“ im Oldenburgischen Staatstheater die Frage, ob der französische Choreograf Antoine Jully dem Thema etwas Neues hinzuzufügen hat oder sich vielmehr an altbekannten Motiven orientiert.

Leere Bühne eröffnet Raum zur Darstellung

In seiner ersten abendfüllenden Inszenierung bringt Jully je sechs Tänzerinnen und Tänzer der Ballett Compagnie Oldenburg zusammen, um die Anziehung, Zuneigung, Spannung und Rivalität zu ergründen, die sich zwischen den Geschlechtern zu entzünden vermag. Im Fokus steht dabei die klassische Beziehung zwischen Frau und Mann mit ihren verschiedenen Stadien – vom ersten Kontakt, über das frisch Verliebtsein bis hin zum Liebeskummer oder dem Eifersuchtsdrama.

Schauplatz für diese Emotionen ist eine weitestgehend leere Bühne – nur zwei meterhohe weiße Leinwände mit schwarz gezeichneten Strichfiguren der Malerin Alexandra Telgmann ragen in die Höhe (im Laufe des Abends wechseln die Bilder mehrfach).

Musik scheint anfangs zu pompös

Ansonsten bietet die Bühne viel Raum für Begegnungen – zum Beispiel für die Bildung eines Paares, das quasi im Zeitraffer die diversen Beziehungsetappen durchzuspielen scheint, bevor es die auseinandergerissenen Partner in verschiedene Richtungen verstreut. Doch kaum sind die Protagonisten einer Sequenz verschwunden, entwickeln sich sogleich neue Episoden im Zentrum oder fast beiläufig im Hintergrund. Dabei entspinnen sich zahlreiche intensive Duette oder Trios, die oft aus Gruppenszenen hervorgehen oder sich darin auflösen.

Tempo und Dynamik der rasch wechselnden Konstellationen werden bestimmt von der Musik des Oldenburgischen Staatsorchesters, das unter der Leitung von Carlos Vázquez die 6. Sinfonie des schwedischen Komponisten Allan Pettersson spielt. Diese zwischen 1963 und 1966 komponierte Sinfonie hat Antoine Jully zu seiner Choreografie inspiriert. Gerade zu Beginn des Abends scheint die Musik jedoch an manchen Stellen fast zu pompös, vor allem für die Einzel- und Zweierchoreografien.

Doch genaugenommen passt die Dramatik der Musik perfekt zu den inneren Zuständen, wenn zwei Menschen in Liebe zueinander entbrennen, sich vor Sehnsucht verzehren oder in Konflikten miteinander ringen. Das Herz pocht wie wild und das Orchester dreht auf; aber es versteht sich natürlich auch auf die leiseren Töne. In den Passagen, in denen Bläser, Trommeln und Streicher sich zurücknehmen, entstehen Freiräume für ein sanftes Pas de deux oder ein introvertiertes Solo.

Brilliante Darsteller spielen Altbekanntes

Insgesamt harmonieren Musik und Choreografie überwiegend miteinander, ebenso wie die Tänzer auf der Bühne. Das Ensemble ist gut aufeinander abgestimmt, stets greifen die Szenen unmittelbar ineinander. So sehr die Akteure allerdings brillieren, so gelungen Dynamik und Raumaufteilung der Choreografie scheinen – wirklich Neues hat Jully offenbar nicht zum Thema Mann und Frau vorzubringen.

Die meisten Kombinationen entsprechen den traditionellen Rollenbildern. Mann und Frau ziehen sich an, stoßen sich ab, ringen miteinander. Oder der Mann umwirbt die Frau, packt sie, drückt sie an sich und wirbelt sie herum, wie es ihm beliebt. Passenderweise tragen die Männer zu den sonst uniformen beige-schwarzen Kostümen schwarze Hosen, während die Beine der Frauen nackt sind (ab und an von einem dünnen Rock leicht verdeckt). Teilweise steigern sich die Aktionen des Ensembles in geradezu martialische Arena-Situationen – Geschlechterkampf pur sozusagen. Zum Glück gibt es auch Momente, in denen mit Stereotypen gespielt wird. Zum Beispiel wenn das Männersextett sich synchron in Testosteron gesteuerte Männlichkeitsposen geriert, wie mechanisch aufgezogene Puppen.

Die spannendsten Momente sind allerdings dann doch jene, in denen die klassischen Muster aufgebrochen werden – wenn zwei Männer sich in einem zärtlichen Pas de deux verstricken, bis eine Frau sich einen der Männer krallt, mit sich zieht und für einen Augenblick das Duett beherrscht. Diese Momente sind allerdings rar, alles in allem dominieren eindeutig die typischen Rollenklischees. Das kann man kritisieren, scheint den Großteil des Publikums jedoch nicht gestört zu haben, schließlich hat es nach der Premiere einen lang anhaltenden Applaus mit zahlreichen Bravo-Rufen gespendet.

Weitere Termine: 29. März sowie am 5. und 12. April, um 19.30 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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