Anstelle eines Happy Ends

Karin Beier inszeniert Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ in Hamburg

Joachim Meyerhoff als Shylock im „Kaufmann von Venedig“. - Foto: Matthias Horn

Hamburg - Von Rolf Stein. Es wird kein Zufall gewesen sein: Am Sonnabend war der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg feierte – ausgerechnet – William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ Premiere, jenes Stück, das eine der am kontroversesten Figuren der Theatergeschichte vorstellt: den Geldverleiher Shylock, seines Zeichens Jude.

Und als solcher wird er durchaus vorgeführt: Vom Kaufmann Antonio um ein Darlehen gebeten, willigt er ein. Für den Fall der Nichterfüllung des Vertrags verpflichtet er Antonio darauf, ein Pfund des eigenen Fleisches herzugeben. Und wo sich die christliche Gesellschaft Venedigs ihrer Werte rühmt, besteht Shylock auf sein Recht. Barbarisch, oder? Auch wenn Shakespeare ihm in einem berühmten Monolog immerhin Gelegenheit gibt, all die Demütigungen zu schildern, die ihm, Shylock, der doch auch ein Mensch ist, angetan wurden.

Karin Beier, Intendantin des größten deutschen Sprechtheaters, hat sich der Sache nun mindestens in der gebotenen Ausführlichkeit angenommen. Und – auch wenn man sich lange fragt, worauf sie hinauswill – eine nachdenkenswerte Lesart vorgelegt, die das Personal der Vorlage ernst nimmt, es aber auch immer wieder reflektiert.

Brutalistischer Kastenbau

Was nicht bedeutet, dass der Abend trocken wäre. Beier bettet die Diskurse des Stücks in ein textlastiges, nicht selten rätselhaftes, zumindest aber Fragen aufwerfendes, aber zugleich pralles Theater. Ein durchweg exzellent besetztes Ensemble, aus dem vor allem Joachim Meyerhoff als Shylock, Gala Othero Winter als dessen Tochter Jessica und Carlo Ljubek als Antonio herausstechen, tut das Seine zum Gelingen bei.

Das Bild (Bühne: Johannes Schütz) dominiert eine Art brutalistischer Kastenbau, unter dessen erstem Geschoss hindurch sich Shylock verbiegen muss, um hindurchzugelangen. Der zu Antonio überlaufende Diener Shylocks, Lorenzo, wird die ganze Konstruktion später mit einer wüsten Bande bei der Befreiung Jessicas in Schutt und Asche legen, sodass nur ein gigantischer Tisch übrig bleibt – im Weiteren auch in seiner konventionellen Form ein Requisit in Jessicas höchst eindrücklich vorgeführter Identitätskrise. Er mag stehen für den Verhandlungstisch, für den Katheder, von dem Recht und Wissenschaft gesprochen werden, kurz: für die bürgerliche Ordnung.

Profane Herrschaftszusammenhänge

Und der Schutt, er liegt auch nach der Pause da. Etwas Wesentliches ist kaputtgegangen: die Fassade, die nach ihrem Ruin den Blick freigibt auf die profanen Herrschaftszusammenhänge.

Den Veblendungszusammenhang bricht Beier auch auf der Textebene auf: Antonio lässt sich über die Widersprüchlichkeiten des Toleranzgebots philosophieren, Shylock eine kleine Kunstgeschichte des Goldes referieren. Vor allem aber ist es Jessica, auf die der Abend gegen Ende fokussiert. Sie trägt schwer an dem Tisch, also an dem, wofür er wohl steht, zerbricht an den in ihr, der trotz Konvertierung zum Christentum nie in der Mehrheitsgesellschaft Angekommenen, wütenden Widersprüchen.

Die nächsten Vorstellungen: Mittwoch, 20 Uhr, Samstag, 20 Uhr, Freitag, 23. Februar, 20 Uhr, Deutsches Schauspielhaus Hamburg.

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