Joachim Meyerhoff stellt neues Buch vor

Aus der „Anstalt“

Kreiszeitung Syke
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Bremen - Von Jens Laloire. Das Agieren im Rampenlicht ist für Joachim Meyerhoff Alltag. Der 1967 im saarländischen Homburg geborene, in Schleswig aufgewachsene Meyerhoff ist studierter Schauspieler und gehört seit 2005 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters.

Am Freitag stand der groß gewachsene Darsteller in der Bremer Schwankhalle allerdings nicht im Rampenlicht, um Theater zu spielen, sondern saß hinter einem schlichten Tisch und las aus seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“.

Erzählt wird darin die Geschichte des kleinen Joachim, genannt „Josse“, der mit seiner Familie auf dem Gelände der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg in Schleswig lebt. Sein Vater ist der Direktor der Psychiatrie, weshalb die Familie die Direktorenvilla im Zentrum des Geländes bewohnt. So begegnet Josse täglich Patienten wie dem „Glöckner“, einem bärtigen Riesen im Bundeswehrparka, der am liebsten mit zwei massiven Glocken in den Händen und Josse auf den Schultern bimmelnd über das Gelände rast. Weihnachten zieht Josse mit seinem Vater von Station zu Station, um mit Torte und Cola seinen Magen zu strapazieren und den Patienten dabei zuzuschauen, wie sie sich euphorisch auf ihre Geschenke stürzen, sie aus ihrer Verpackung reißen und innerhalb von fünf Minuten in alle Einzelteile zerlegen.

Meyerhoffs Roman hat etwas Episodenhaftes, ganz im positiven Sinne. Jede Episode kann voll szenischer Kraft und mit sprühendem Witz für sich alleine stehen. Gleichzeitig verbinden sich die Einzelteile zur Geschichte einer Familie, der es (entgegen den Wünschen der Mutter) nicht gelingt, ein „normales Leben“ zu führen. Zum Kaffeekränzchen am 40. Geburtstag des Vaters kommen nicht die Verwandten, Freunde oder Arbeitskollegen, sondern die Nachbarn – das sind die Patienten. Diese Geburtstagsfeier ist eine der lustigsten Szenen im ganzen Buch und sorgte bei den etwa 70 Zuhörern in der Schwankhalle für minutenlanges Gelächter. Obwohl die Szene ihren Humor aus der Verhaltensweise der Patienten zieht, macht Meyerhoff sich nie lustig über die Figuren, sondern erzählt mit warmherzigem Witz von dem Zauber, der von ihren Eigenheiten ausgeht. Meyerhoff gelingt auf wunderbare Weise der Wechsel zwischen irrekomischen Szenen und tieftraurigen Momenten.

Nach seinem literarischen Debüt „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ – 2012 mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet – legt Meyerhoff mit „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ den zweiten Teil einer geplanten Trilogie vor. Der neue Roman kann unabhängig vom ersten gelesen werden. Auf den dritten Teil darf man gespannt sein, die Lesung unterstrich, dass Meyerhoff ein begnadeter Erzähler ist.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Alle Toten fliegen hoch, Teil 2. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 352 S., 19.99 Euro

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