Annette Pullen inszeniert in Osnabrück Tennessee Williams‘ Südstaatendrama „Endstation Sehnsucht“

Hauptsache ausreichend Alkohol

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Heile Welt ist nicht: In „Endstation Sehnsucht“ bestehen Abhängigkeiten, wohin das Auge blickt.

Osnabrück - Von Beate Bößl. Anfangs wabert eine süßliche Tabakschwade ins Parkett. Zusätzlich flankieren Stimmengewirr und ein hübscher Song den ersten Eindruck der brodelnden Impro-Wohnwelt von Stella DuBois und Stanley Kowalski. Ganz egal, wo du bist, so suggeriert dieses New Orleans-Pixel, du kannst dir dein kleines Glück auch zwischen Campingstühlen und einer Schlafcouch einrichten.

Was in diesem Moment noch unsichtbar ist, ist die Klammer dahinter: Hauptsache die Nerven halten, und es ist ausreichend Alkohol im Haus!

Heile Welt, das wird Satz für Satz deutlicher, die war nicht und die ist nicht. Stattdessen Kompromisse, Abhängigkeiten und Durchhalten. Egal woher du kommst. Egal wohin du gehst. Als Zuschauer möchte man, es ist in diesem Fall ein gutes Zeichen, nach einem Drittel der Aufführung gern selbst etwas Hochprozentiges aus dem reichlichen Bühnenvorrat angeboten bekommen. Suff und Zoff und Zunder, das Begehren und (sich) verwehren nämlich, in Annette Pullens Inszenierung von „Endstation Sehnsucht“ am Osnabrücker Theater am Dom entsteht daraus ein intensives, in seiner Emotionalität gelegentlich überbordendes Spiel.

Mittendrin: Blanche DuBois, Tochter eines in den Ruin gefallenen Plantagenbesitzers. Einst waren da Geld und Dekadenz. Später das Nichts und das Sterben. Über die Zeit danach schweigt sie sich aus, als sie nach vielen Jahren bei ihrer Schwester und deren Mann an der Tür steht. Der eigene Lebensentwurf ist ihr da längst entglitten, die materiellen Restanten passen in Koffer und Tragetasche. Letztere übrigens trägt den Schriftzug einer der feinsten Osnabrücker Modeadressen. „Was ist Deine Schwester: Tiefseetaucherin? Piratin?“ will der grobe Stanley (lautstark: Patrick Berg) von Stella wissen, während er Blanches Schmuckschatulle mit den Perlenketten durchwühlt. Ausgerechnet er, der Trinker und Schläger, wird ihre nymphomanen Züge aufdecken, wird ihr mühsam konstruiertes Überlebensmodell aushebeln, als habe er den Auftrag, das Alibi einer Straftäterin zu entlarven.

Anteil daran, dass dieser Klassiker – 1947 von Tennessee Williams geschrieben – so gut funktioniert, haben vor allem Anne Hoffmann und Sonja Baum als die Schwestern Stella und Blanche. Sie wirken nicht selten, als gäbe es echte familiäre Bande zwischen ihnen und spielen mit einer Präzision und Präsenz, dass man ihnen selbst dann unwillkürlich nachschaut, wenn sie nur an Rande stehen.

Was heißt das für die Männer im Stück? Sie haben es nicht ganz so leicht, mitzuhalten. So braucht es eventuell einen Moment länger, um in Osnabrücks Publikumsliebling Patrick Berg die Figur des Stanely Kowalski zu sehen. Berg, häufig und hervorragend für schräge, ausgefallene Rollen besetzt, wirkt im aggressiven Modus ziemlich ungewohnt, das Spiel mit freiem Oberkörper ein klein wenig gewollt. Die Faszination für Sonja Baum entfaltet sich derweil beim ersten Schritt auf die Bühne, bei dem sie Blanche so verloren wirken lässt, dass nicht wenige Zuschauer sie am liebsten an die Hand nehmen und in Sicherheit bringen würden.

Zwei Stunden und vierzig Minuten hat man ab da noch Zeit, um ihr manipulatives Talent zu beobachten, bemerkt beim Schlusssatz, anfangs selbst darauf hereingefallen zu sein: „Auf die Freundlichkeit von Fremden“, sagt sie (und lächelt unwiderstehlich einem Arzt an, der sie abholt), „habe ich mich immer verlassen können“. Jeder Blick ein Trick. Es ist eine tragisch-glaubhafte Vorstellung auch deshalb, weil bei ihr keine Wohlstandsarroganz dominiert, die rasch mitleidlos machen würde. Bei dieser „Endstation Sehnsucht“ wird mehr auf psychologische Feinheiten (Dramaturgie: Marie Senf) fokussiert: Darauf etwa, wie Stella zum heulenden Mann zurückkehrt, der kurz zuvor auf sie einprügelt hat. Oder darauf, wie Blanche beim Anblick fremder Männer augenblicklich in einen subtilen Flirtmodus verfällt. Gern und gelungen schließlich auch darauf, wie Blanche sich in den anfangs so sympathischen Mitch (überzeugend: Stephan Ullrich) verliebt.

Tennessee Williams hat sein Südstaatendrama nach einer Straßenbahn (im Original: „A Streetcar named Desire“) benannt. In Osnabrück steigt man gern zu und wird sich gern an einen Satz erinnern, der beiläufig beim Blick auf eine der Getränkeflaschen fällt: „Southern Comfort – Was mag das sein?“ Bei der Premiere gab es viel Applaus für die facettenreiche Ensembleleistung.

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 7., 10. und 19. Juni, jeweils um 19.30 Uhr.

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