Interview mit Bremer Ex-Professorin

Erinnerungen an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“

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„Niemand hat die Deutungshoheit übernommen“ – Jimi Hendrix spielte erst am Montagmorgen.

Bremen - Am Donnerstag vor 50 Jahren wurde in der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York ein Festival eröffnet, das längst eine Chiffre für eine ganze Ära geworden ist. Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Carlos Santana, The Who und viele andere traten vor rund 400.000 Menschen auf. Ein Dokumentar-Film und ein Dreifach-Album machten das Festival zum Mythos. Annelie Keil, emeritierte Professorin an der Bremer Uni, war damals mittendrin. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert sie sich.

Als Sie vor 50 Jahren nach New York reisten, wussten Sie da, dass ganz in der Nähe ein Festival mit den wichtigsten Musikern der Zeit geben würde?

Nein, das wusste ich nicht.

Kannten Sie denn Musiker wie Jimi Hendrix oder Janis Joplin?

Die waren mir als Namen bekannt.

Was hat Sie denn auf das Woodstock-Festival gebracht?

Ich hatte 1968 promoviert und dann an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen angefangen. Dort gab es Kontakte zu einem Professor in New York. An einer der Universitäten hatte er das Institut „Science for Hope“, also: Wissenschaft für Hoffnung, mit aufgebaut. Ich nahm dort an einer Tagung teil, bei der es um die Jugendzentrumsbewegung ging. Mich hat immer der Praxisbezug von Wissenschaft interessiert. Auf dieser Tagung erzählte dann einer der Teilnehmer, es gebe da am Wochenende dieses Festival. Er hatte Verwandte in der Nähe von Woodstock, und so sind wir hingefahren. Für mich war Amerika damals eigentlich ein No Go, unter anderem wegen des Vietnamkriegs, auch wenn ich natürlich wusste, dass es viele Menschen gab, die anders waren. Insofern war Woodstock eine Überraschung. In Deutschland gab es so eine Hippie-Bewegung nicht. Überrascht haben mich weniger nackte Hippies im Schlamm, sondern dieses Herumziehen: dass die Leute ihre Gitarren dabei hatten, dass es keine Aggressionen gab. Als bei einer Band ein angetörnter Fan auf die Bühne gesprungen ist, wurde er umarmt, bekam noch eine Zigarette, und dann ging er wieder. Es gab keine Security. Es hatte etwas Amerikanisches, das ich mochte, dieses Unkonventionelle, dieses „easy going“. Woodstock war ein unglaubliches Aufbruchsgefühl: Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, der Black Panthers. Joan Baez, schwanger, ihr Mann saß im Gefängnis, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte, sang „We shall overcome“ – das war eine Kombination, wo ich dachte: Das ist meine Generation!

Gab es in Deutschland diese Verbindung von Popkultur und Politik nicht?

Auch Bob Dylan wollte ja damit nichts zu tun haben. Er hat ganz bewusst gesagt, seine Lieder hätten mit Politik nichts zu tun. Er ist ja auch nicht nach Woodstock gekommen. Am ersten Tag haben ständig Leute länger gespielt, weil niemand durchkam. Aber es hat keiner gebrüllt, wo denn dieser und jener ist. Einige Namen waren bekannt. Aber es war nicht wie heute. Ich war jedenfalls sehr erstaunt, dass es dieses Amerika gibt, das ich eher wissenschaftlich kannte, weil ich mit der theoretischen Linken zu tun hatte, die es eher in Kalifornien gab, vor allem in Berkeley. Für mich war der Blick auf diese Mischung und das Kennenlernen von Musik entscheidend – Joan Baez kannte ich schon vorher, aber vor allem Jimi Hendrix am Montagmorgen, das war schon umwerfend.

Spielten denn Gruppen wie die Black Panther Party, die sich gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner engagierte, eine Rolle in Woodstock?

Sie waren einfach da, wie die Frauenbewegung auch. Man erkannte sie. Was wir in Europa in den Berichten davon übrig gelassen haben, war vor allem die sexuelle Befreiung. Das Aufregende war aber für mich: Sie waren alle da, und niemand war der Führer. Bei uns in Deutschland wurde unter den K-Gruppen der Kampf um die Wahrheit geführt, was in den 70er-Jahren auch die Anfänge der Bremer Uni bestimmt hat. Woodstock war zwar ein Riesen „melting pot“, aber niemand hat die Deutungshoheit übernommen. Das war auch auf der Bühne so. Hauptsache, die haben überhaupt gespielt. Manche Zuschauer haben nicht mal auf die Bühne geschaut. Viele hatten eine Gitarre dabei und sangen ihre eigenen Lieder. Das hat mich total geöffnet. Wir haben auch kein Marihuana geraucht, das war gar nicht der Punkt. Ich war sehr schnell von der Stimmung stoned und hatte keinerlei Befürchtungen, ob ich da heil wieder rauskomme oder dass ein Hubschrauber in die Menge stürzen könnte. Dieses utopische und immer noch notwendige: We can live with peace and love – das ist ja nicht nur kitschig. Das gibt es auch schon bei Franz von Assisi und seiner Theologie der Geschwisterlichkeit und seinem Plädoyer für die Eigentumslosigkeit. Ich hatte damals das Gefühl, dass da etwas zusammenkommt, das anders ist als das, was wir hier mit der Studentenbewegung erreichen wollten. Es war doch großartig, als die Bauern auf dem Traktor kamen und ein paar geschmierte Brötchen brachten!

Der Tourneeveranstalter Berthold Seliger hat gerade das Buch „Vom Imperiengeschäft“ veröffentlicht (siehe unsere Kritik auf dieser Seite), in dem er schreibt, Woodstock sei schon Kommerz gewesen, anders als das Festival in Monterey, zwei Jahre zuvor. Würden Sie widersprechen?

Das ist keine überraschende These. Und die armen Jungs, die das nächste Woodstock in Deutschland veranstaltet haben, das Festival auf Fehmarn, zahlen heute noch. Kapitalismus bedeutet eben auch: Man versucht, keinen Eintritt zu zahlen. Open-Air-Festivals haben sich zu einem Riesengeschäft entwickelt. Das kann sich auch im Vergleich mit Fußball durchaus sehen lassen. Und natürlich wollten die Veranstalter in Woodstock auch was verdienen.

Vor wenigen Wochen war der 50. Todestag von Theodor W. Adorno, der in „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ schon in den 40er-Jahren gesagt hat, dass alle Kultur Ware ist. Adorno sind Sie auch einmal begegnet, oder?

Ich kam im zweiten oder dritten Semester in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Die hatten immer spannende Tagungen. Als Adorno sein Buch „Negative Dialektik“ geschrieben hat, gab es ein Seminar mit ihm. Das war natürlich toll. Adorno hätte mit Woodstock wohl nichts am Hut gehabt. Aber diese 60er-Jahre waren, wenn schon kein Aufbruch, dann doch eine Zusammenfassung einer Stimmung. Und für mich war es eine wichtige Einsicht, dass man nicht nur durch Analyse und Adorno oder Bloch Veränderungen erreichen kann, sondern dass der Aufbruchswille in jedem Menschen steckt. Und dass die Verzweiflung über das, was Menschen zugemutet wird, auch überall ist.

Was ist für Sie persönlich wichtiger gewesen? Adorno oder Woodstock?

Für meine Arbeit sicherlich Adorno. Woodstock ist eher das, wohin man sein Wissen bringt. Das ist kaum vergleichbar. Ich bin froh, dass ich als Intellektuelle diese andere Seite entdeckt habe. Adorno und andere haben wichtige Hintergrunderklärungen für die Studentenbewegung geliefert. Seine Studien zur autoritären Persönlichkeit waren eine wichtige Grundlage.

Gehen Sie heute noch auf Open-Air-Konzerte?

Ich bin ja nicht mehr so gut zu Fuß und muss mir immer junge Begleitung suchen. Aber ich war bei Udo Lindenberg, den finde ich immer noch gut. Und vor einigen Jahren habe ich Santana in Aurich gesehen. Schon dieser Geruch, der über so einem Konzert liegt, den finde ich immer noch toll, die Mischung aus Marihuana und Bratwurst. Das  ist immer noch großartig.

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