Anna Ternheim: Herzschmerz auf Eis

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Anna Ternheim

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Da klingt immer auch Verlustangst mit, wenn einer sagt, ein Künstler sei „poppiger“ geworden – oder gleich im vergifteten Lob: „radiotauglich“. Singer-/Songwriterin Anna Ternheim aus Schweden hat solche Einschätzungen und Befürchtungen vor allem mit ihrem im September erschienenen achten Album „A Space for Lost Time“ befeuert. Und das gar nicht unbedingt, weil die Musik eine Spur seichter ist, sondern weil Anna Ternheim heute stimmlich entschieden ausdifferenzierter und durchkomponierter klingt als früher. Mit Spannung erwartet wurde darum auch, wie die neuen Songs live anschlagen, auf der Tour, die nun im Bremer Schlachthof Station gemacht hat.

Am denkbar undankbaren Montagabend haben Anna Ternheim und ihre Band ein mit 20 Songs ziemlich dichtes Set mit nur sehr kurzen Pausen runtergespielt: durchgehend an Keyboard, Schlagzeug und Akustikgitarre – zwischendurch aber auch mit Akkordeon und Trompete, wo seichte Erinnerungen an die herrlich unterkühlten Folkmomente von damals aufschimmern.

Interessanterweise sind es aber gar nicht die synthetisch geschmierten Abläufe, die irritieren, sondern ganz im Gegenteil: eine dezente Spur mehr Druck als auf der Platte. Live sitzen die Ecken und Kanten noch etwas härter, was zwar mitreißt, dafür aber von der sphärischen Grundstimmung ein wenig abknappst. Insgesamt jedenfalls funktionieren Ternheims alte Sachen im Schlachthof besser, insbesondere die von „Leaving on a Mayday“ von 2008, dem Überalbum – ihrem Meisterwerk. Natürlich weiß sie das selbst, und platziert die Stücke am Höhepunkt kurz vor den Zugaben. Ein wirklich schöner Moment ist das, in der dieses Kunststück noch funktioniert: Melancholie mit Wucht zum Klingen zu bringen.

Wer gemein sein will, könnte in ihrem als Zugabe gespielte Song „Shoreline“ eine Diagnose ausmachen. Das Cover der Schwedischen 90er-Indierockgröße Broder Daniel erzählt nämlich irgendwie auch vom Altern: „We are shadows“, heißt es da, „Shadows in the alley / You die when you’re young“. Aber nein, tot ist Anna Ternheim keinesfalls und statt schemenhaft wirkt sie physisch präsenter als je zuvor. Nur erwachsener geworden ist sie dann eben doch: stimmlich-melodisch um Längen geschulter, atmosphärisch einen halben Schritt zurück. Am Ende bleiben gemischte Gefühle – gerade weil es zwischendurch so wunderschön war.

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