An Anmut und Würde fehlt‘s, den Geist zu unterhalten: Schillers „Maria Stuart“ am Theater Bremen

Showdown mit Dummchen

Maria, lass dein Haar herunter! „Hair“, zweiter Teil, mit Betty Freudenberg am Theater Bremen.
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Maria, lass dein Haar herunter! „Hair“, zweiter Teil, mit Betty Freudenberg am Theater Bremen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Für die Medien wäre es heute ein Zickenkrieg. Die Eine, Königin von England, fühlt sich von der Schönheit der Anderen in ihrer Eitelkeit gekränkt. Die Andere, Königin von Schottland, fühlt sich von der Macht der Ersten in ihrem Stolz verletzt. Dünkel und Befindlichkeiten: Auf diese Dimension würde der zentrale Konflikt wohl reduziert.

Dabei liegen Friedrich Schillers „Maria Stuart“ komplexere Fragen zugrunde. Etwa jene, wonach ein Herrscher handeln soll. Nach dem Willen seines Volkes? Oder nach seinem eigenen Gewissen? „Maria Stuart“ ist ein Drama über den Wirkmechanismus der Macht: der Macht über ein Land, aber auch der Macht jedes Einzelnen über sich selbst.

Am Samstagabend hatte das Stück am Theater Bremen Premiere. Zumindest ein Stück, das seinen Namen trägt. Denn viel Schiller steckte nicht drin, in diesem Abend unter der Regie von Anne Sophie Domenz.

Das fängt an mit einem Auftritt der englischen Königin: Elisabeth (Nadine Geyersbach) als Stimme aus einem Riesenkissen. Sie monologisiert vom ewigen Prinzip des Kämpfens, des Unterliegens und Trotzdemweiterkämpfens. Sie spricht von Leere und von Monotonie. Man glaubt, Zitate herauszuhören aus diversen „Maria Stuart“-Lektüren von Stefan Zweig bis Elfriede Jelinek. So kämpft sich diese Elisabeth durch die Rezeption ihrer eigenen Geschichte wie auch durch die sie umgebenden Zwänge des Hofes: Nicht einmal einen kleinen Hopser bekommt sie hin in ihrem gigantischen Polster.

Wie anders ergeht es Maria Stuart (Betty Freudenberg)! Eben noch sahen wir sie als Glamour-Girl in wallendem Haar auf ihrer Jacht über die Bühne brausen. Jetzt, nach einem wenig furchterregenden Anschlag mit ein bisschen „Peng!“ und Qualm, flüchtet sie auch schon ins Exil: der Kerker ihrer Kontrahentin Elisabeths, der äußerlich wie eine bühnenhohe Bombenattrappe anmutet, innen aber eine großzügige Suite offenbart (Bühne: Franziska Waldemer). Hier räkelt sich Maria nun lasziv mit rotem Schmollmund am Fenster und rollt die Augen.

Ihre Amme (Lisa Guth) klagt über karge Wände und raue Böden, mit denen sich der königlich zarte Fuß nun begnügen muss: „An Büchern fehlt’s, den Geist zu unterhalten!“ Doch mit Verlaub: Dieser Königin scheint’s nach anderem zur dürsten als nach Literatur. In Rapunzelmanier lässt sie ihr güldenes Haar herab, auf dass sich ein Märchenprinz einfinden möge. Der dann auch tatsächlich kommt, in Gestalt des affig lila angemalten Ritters Mortimer (Justus Ritter). Hier die von politischer Verantwortung geknechtete Kreatur, dort das luftige Pop-Sternchen, das sich in seiner hohen Geburt bequem einrichtet: Diese Setzung wirkt dann doch allzu glatt, allzu platt.

Allerlei Albernheiten muss man ertragen. Graf von Leicesters „Ich liebe dich“ – Schiller schreibt nicht grundlos eine Betonung des Pronomens vor – wird in Bremen zu einem Geständnis, über das sich sowohl Graf (Robin Sondermann) als auch Königin für eine halbe Ewigkeit schlapplachen. Als später Ritter Mortimer den verbündet geglaubten Leicester stellen will, kommt es zum Minuten währenden Fangenspiel. Es sind die üblichen Modemarotten der Theaterregie, fehlt nur stummes gegenseitiges Ohrfeigen und In-den-Schritt-gucken.

Was kann unter solchen Bedingungen noch beim High Noon herauskommen? Beim Showdown zwischen Elisabeth und Maria Stuart? Die Schottenkönigin verspielt ihre Chancen auf Begnadigung weniger aufgrund ihres Ehrgefühls als durch kapriziöses Gehabe. Was bei Schiller eine Frage von Anmut und Würde ist, reduziert sich hier auf ein Problem von Weinerlichkeit und Blödheit. Die Bühne wird derweil eifrig mit Symbolen zugestellt, hinten hängen plötzlich Luftballon-Friedenstauben, links produziert ein Apparat Seifenblasen. Nur ein Requisit vermisst man schmerzlich: den Sinn.

Die Schauspieler geben in dieser mit ästhetisch wie inhaltlich dünnem Textmaterial angerührten Inszenierung ihr Bestes, vor allem Nadine Geyersbach vermag ihrer Figur wenigstens die Ahnung eines inneren Konflikts um das eigene Machtverständnis einzuschreiben. Dem Auftrag einer poppig knalligen Maria Stuart wird Betty Freudenberg überaus gerecht, was die Fragwürdigkeit dieses Auftrags freilich umso deutlicher herausstellt.

Am Ende streckt Maria triumphierend den Rapunzelzopf über ihr eigentlich doch schon entledigtes Haupt. Mag die Politikerin Elisabeth auch einen strategischen Sieg davongetragen haben: Die Sympathien gehören gleichwohl dem Dummchen der Popindustrie. Das wiederum wirkt erschreckend realistisch.

Kommende Vorstellungen: am 5. und 10. Juli, jeweils um 20 Uhr sowie am 13. Juli um 18.30 Uhr im Theater Bremen.

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