„Bewahrt ihre Spuren“:

Animierte Architektur

Alexander Dettmar: Neue Hauptsynagoge Hannover. Öl/Lwd 2006 ·
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Alexander Dettmar: Neue Hauptsynagoge Hannover. Öl/Lwd 2006

Bremen - Von Rainer BeßlingBis zum 9. November 1938 prägte sie das Erscheinungsbild des Bremer Schnoor-Viertels mit. In der Reichspogromnacht teilte sie das Schicksal von mehr als 1 000 jüdischen Gotteshäusern in Deutschland. Die Bremer Synagoge in der heutigen Kolpingstraße wurde niedergebrannt, später abgerissen und nach dem Krieg überbaut.

Nur das benachbarte „Rosenak-Haus“ blieb erhalten. Die Israelitische Gemeinde hatte es einst als Verwaltungsgebäude, Versammlungsstätte, Religionsschule und für die werktäglichen Gottesdienste genutzt. In dessen Kellergewölben, den letzten Relikten der Bremer Synagoge also, lebt die alte Architektur nun in künstlerischer Form wieder auf. Der Maler Alexander Dettmar zeigt in einem großformatigen Gemälde die historische Häuserzeile.

In vielfältig schimmernden Beige-Tönen strahlt die einstige Synagogenfassade aus dem Gebäude-Ensemble heraus. Die Architektur wirkt nicht originalgetreu rekonstruiert, sondern im freien Umgang mit Rechtwinkligkeit und Maßstabs treue wie ein animierter atmender Baukörper. Wärme und Wucht, schlichte Würde sind ins Bild gesetzt. Die reale Lücke schwingt in der virtuellen malerischen Erneuerung mit, Der Betrachter kann sich unmittelbar und schmerzhaft in die Situation versetzt fühlen, die Schnoor-Bewohner und -besucher von 1876 bis 1938 vorfanden. Die helle Fassade scheint einen Blick in das Innere der jüdischen Gemeinschaft und auf eine Spiritualität zu öffnen, die vor dem nationalsozialistischen Terror zum Leben und Denken in Deutschland gehörten.

Das Gemälde der alten Bremer Synagoge hat Dettmar eigens für eine Ausstellung geschaffen, die am kommenden Dienstag im Bremer Dom eröffnet wird, wo mehr als 50 Exponate zu sehen sind. „Bewahrt ihre Spuren – Painting to Remember“ heißt die durch zahlreiche Städte tourende Schau, die eine Auswahl aus dem Synagogen-Zyklus des 1953 in Freiburg geborenen Malers zeigt.

Eingeleitet wird die Werkreihe 1992. In diesem Jahr malt Dettmar die Neue Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße. Ein Jahr später ist der Maler in der Kunsthalle Bremen mit Bildern jüdischer Friedhöfe zu sehen. 1994 nimmt der Synagogen-Zyklus seinen eigentlichen Anfang: Während eines Arbeitsaufenthalts in Güstrow kommt Dettmar mit dem Dompfarrer ins Gespräch, der ihm von der gleichfalls 1938 niedergebrannten Synagoge in der mecklenburgischen Kleinstadt erzählt. Am einstigen Standort des Hauses befindet sich nun ein Parkplatz. Trauer und Wut über Vergessen und Verlust sind die Impulse, die Dettmar bis heute seine Bilder von zerstörten jüdischen Gotteshäusern malen lässt. Auch wenn Dettmar die mehr als 2 500 Synagogen, die es bis 1938 in Deutschland gegeben hat, nicht wird wiedererstehen lassen können – ein Ende der Serie ist nicht in Sicht.

Ein erster Blick auf die Bilder, die in der Südschiffkapelle, in der Ostkrypta und im Dom-Museum präsentiert werden, dokumentiert die Vielfalt und den Reichtum der historischen deutschen Synagogen-Architektur, Folge des Umstands, dass der Talmud kaum Regeln für die Bauweise vorgibt. Dettmar hält die Gebäude in ihrer Individualität und als Bestandteile einer organisch gewachsenen Ortssituation fest. Auch wenn keine Menschen auftreten, wirken die städtischen Szenerien nicht unbelebt.

Obwohl Dettmar die zerstörten Synagogen aus Fotografien, Zeichnungen und Schilderungen rekonstruieren muss, erscheinen die Situationen wie gesehen, wie mit allen Sinnen aufgesogen –  so wie es der Architektur- und Pleinairmaler bei anderen Motiven hält, die er aufsucht und vor Ort unmittelbar auf die Leinwand bringt. Geschichte und Gegenwart verschmelzen in den Gebäuden, Melancholie sowie Kraft und Wille der Erinnerung sprechen gleichermaßen aus den Bildern.

Als besonders passender und wirkungsvoller Ausstellungsort für Dettmars Synagogenbilder erweist sich die Krypta des Bremer Doms. Der „Maler der Steine“, wie er sich selbst auch nennt, wählt hier nicht den Kontrast, sondern das enge Zusammenspiel von dunklem Raum und Bild. Die erdigen Töne, in denen zerstörte Synagogen von Berlin, Nürnberg, Essen, Dortmund oder Hannover gemalt sind, erscheinen in der Korrespondenz mit dem Mauerwerk umso stofflicher. Die gemalten Gebäude gewinnen durch den Ausstellungsraum an plastischer Gestalt und an geistigem Gehalt. Die Präsentation lässt an das wechselvolle Verhältnis der Religionen denken. Die Synagoge von Hannover befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu christlichen Kirchen. Mit dem 9. November 1938 verlor Deutschland einen zentralen Pfeiler seiner religiösen Kultur. Die Synagoge als Stätte und Sinnbild für das Gespräch mit Gott und mit den Toten – nicht zuletzt das macht Dettmars Kunst wieder gegenwärtig.

Dom, Dom-Museum und Rosenakhaus Bremen. 20. August bis 26. September. Eintritt frei.

Eröffnung Di, 20.8., 19 Uhr.

Infos: http://www.stpetridom.de

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