Stundenlang gediegener Wohlklang: Jan Garbarek überzeugt in der Glocke

Angst um die Identität

Bremen - Von Wilfried Hippen(Eig. Ber.) · Für Jazz gibt es in Bremen kein großes Publikum. Die Glocke füllt kaum einer der ganz großen Namen und deswegen treten etwa Sonny Rollins oder Keith Jarrett nicht in dieser Stadt auf. Zurzeit gibt es wohl nur einen Jazzmusiker, bei dem das Konzerthaus stolz das Wort ausverkauft an den Kassen aushängen kann, und das ist Jan Garbarek.

Der Saxophonist aus Norwegen hat seit Jahrzehnten in Deutschland eine treue Hörerschaft, und dies hängt auch damit zusammen, dass er ihre Erwartungen mit jedem Auftritt erfüllt, ohne sich dabei zu offensichtlich zu wiederholen. So spielte er am Mittwochabend vor natürlich vollem Hause viel neues Material, das aus seiner neuen CD stammt und teilweise sogar noch gar nicht im Studio vom mönchsgleichen Produzenten Manfred Eicher verewigt wurde.

Und doch gab es keinen Moment, der das auf ihn eingeeichte Publikum überrascht hätte. Da waren sie wieder, die melancholischen Seufzer auf dem Sopransaxophon und die dunklen Koloraturen auf dem Tenor. Keith Jarrett hat vor einiger Zeit in einem Interview bemerkt, Garbarek habe „immer Angst, bei freien Improvisationen seine Identität zu verlieren“, und sein Auftritt war im Grunde ein Beleg für diese These. Aber jeder gute Künstler kann gerade aus seinen Schwächen kreatives Kapital schlagen, und in diesem Sinne gab Garbarek ein gutes Konzert.

Das war natürlich auch der so präzise eingespielten Band geschuldet. Mit dem Keyboarder und Hochromantiker Rainer Brünighaus spielt Garbarek schon seit Jahrzehnten zusammen, und auch der Urbassist seiner Group Eberhard Weber wäre sicher noch mit dabei, wenn er nicht seit Jahren an einer schweren Krankheit leiden würde. Der junge Yuri Daniel kann ihn am bundlosen E-Bass natürlich nicht ersetzten, aber als Begleitmusiker beweist er ein gutes Ohr und Einfühlungsvermögen. Nur sein Solo war dann die Enttäuschung des Abends, weil er darin als Jünger von Jaco Pastorius nur seine Virtuosität ausstellte und keinen eigenen Ton fand.

Mit diesen Musikern kann Garbarek stundenlang gediegenen Wohlklang produzieren, aber weil er um diese Gefahr weiß, hat er sich mit dem Perkussionisten Trilok Gurtu einen Joker in die Gruppe geholt. Dieser schlug so inspiriert und temperamentvoll auf seinem Arsenal von Schlaginstrumenten ein, zu denen auch die Tablas und ein traditionelles Schlagzeug gehörten, dass die Musik auf der Bühne zum Teil regelrecht in Jazzrock ausartete.

Garbarek weiß inzwischen genau, wann es auf der Bühne genug ist mit seiner skandinavischen Schwermut, und dann spielt er als Kontrapunkt auch mal karibisch angehauchte Wohlfühlmusik mit dem überdeutlichen Titel „Maracuja“, bei der er übrigens die melodienärrisch überschäumende Phrasierung von Sonny Rollins sehr gut nachempfinden kann. Und so ist dieser zumindest als Zitat doch noch in der Glocke zu hören gewesen.

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