Staatsschauspiel Hannover bringt Erich Kästners „Fabian“ auf die Bühne

Die Angst vor dem großen Knall

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Schwer angeschickert: Florian Hertweck und Juliane Fisch in „Fabian“. ·

Hannover - Von Jörg WoratKrawall und Gefühl: Ein wahrhaft zwiespältiger Abend wartete auf die Besucher bei der Premiere von Erich Kästners „Fabian“ in der Cumberlandschen Bühne. Das Staatschauspiel hat das Sittenbild von der Roman- in die Theaterform und vom Erscheinungsjahr 1931 in die Jetztzeit gebracht.

Zumindest die letztgenannte Transformation fällt nicht sonderlich schwer. Krisenstimmung, Moralverlust, Zusammenbruch eines Systems und die Angst vor einem wie auch immer gearteten großen Knall: Stichworte, die auch im Hier und Heute Glocken zum Klingen bringen. Es hat schon seine Gründe, weshalb der Stoff in diesen Jahren öfters mal in Theater-Spielplänen auftaucht.

Zentrale Figur ist Dr. Jakob Fabian, der seinen Lebensunterhalt als Werbetexter für Zigaretten verdient. Ein Musterbeispiel für den Typus des Beobachters: Dass etwas faul ist im Staate Deutschland, entgeht ihm keineswegs, doch mangelt es Fabian an jeglichem Ehrgeiz – weder will er Gewinn aus der Situation ziehen noch sie verändern. So lässt er sich durchs sündige Berlin treiben, bei Bedarfsfall mit milder Ironie auf der Zunge. Bis er auf Cornelia trifft und so etwas wie eine Liebesbeziehung anfängt, die wiederum ein jähes Ende findet, als der neuen Flamme eine Filmkarriere in Aussicht gestellt wird. Zugleich verliert Fabian den Job und muss auf den Trümmern seiner Existenz nun doch seine Lebenseinstellung noch einmal genau überprüfen.

Regisseur Nick Hartnagel verzichtet auf gar zu krampfhafte Aktualisierungen und begnügt sich damit, hier mal „gender studies“ zu erwähnen und dort eine Pizza vom Bringdienst aufzutischen, derweil der Protagonist von zukünftigen Zeiten fabuliert, da auf einen Telefonanruf hin ein geflügelter Bote - „nennen wir ihn Joey“ - erscheinen und die gewünschten Nahrungsmittel liefern werde.

Auch der Einstieg gelingt: Dass Florian Hertweck in der Titelrolle quasi erst zum Mitspielen überredet werden muss, passt zum Charakter der Figur. Das wär’s allerdings auch fürs Erste mit den erfreulichen Nachrichten, denn die Skizzierung des urbanen Lebens in seiner ganzen Verkommenheit misslingt gründlich. „Durch Aktionismus behauptete Exzessivität“ will Hartnagel laut Interview im Programmheft um jeden Preis vermeiden und bietet doch genau das: Rauchschwaden, Nervmusik, blendende Lichter und was das entsprechende Repertoire noch hergibt – statt Intensität erzeugt man so weit eher Abstumpfung.

Ungefähr in der Mitte der knapp zweistündigen Aufführung bricht die wilde Jagd ab, prompt wird die Sache viel eindringlicher. Da scheint in der flammenden Rede von Fabians Freund Labude (Henning Hartmann) bei allem Pathos der echte Wunsch durch, etwas zu bewirken. Und die schwer angeschickerte Cornelia wirkt zugleich naiv, bemitleidenswert und hart – Juliane Fisch meistert das Kunststück, zugleich verwaschen und verständlich zu sprechen, übrigens besser als Partner Hertweck. Kurz: Wer die erste Hälfte der Vorstellung aussitzt, wird in der zweiten mit einer ganzen Menge Glaubwürdigkeit belohnt.

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