Angela Schubot beschwört in der Schwankhalle den Ausnahmezustand

Personifizierte Leerstelle

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Bleibt auf der Bühne auch abseits des tanzenden Egos noch Platz? Angela Schubot sagt Ja.

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist ein amüsantes Bild: Wann sieht man schon einmal in einem den darstellenden Künsten gewidmeten Haus schwitzende Menschen mit Handtuch um den Körper von draußen ins Foyer eilen, wo sie hinter einer provisorischen Wand verschwinden, ohne dass es Teil einer Aufführung wäre?

Dabei gehört das in diesem Ambiente eher eigenartige Treiben zum Programm: „Körper im Ausnahmezustand“ nennt sich nur scheinbar alarmistisch ein Schwerpunkt in der Schwankhalle, die am Freitag ihre Winterpause beendete. Im Untertitel klingt es schon deutlich versöhnlicher: „Entspannung, Achtsamkeit und Gelassenheit zum Jahresbeginn“, steht da. Vor und nach einigen der Vorstellungen zum Jahresanfang lädt das Haus zum Saunagang ein. Wie am vergangenen Wochenende, als Angela Schubot „Körper ohne Macht“ zeigte.

Ein Widerspruch ist dabei immanent: Einen Körper jenseits von Macht zu zeigen, erfordert natürlich, den Körper auf die Bühne zu bringen und ihn dort auf Zeit zu einer Darstellung zu bewegen, also auch Macht über ihn auszuüben. Und das gilt auch für den Raum, in dem dies stattfindet. Angela Schubot, die den „Körper ohne Macht“ in einer Reihe von Performances erforscht, aus der nun eine in Bremen zu sehen war, bezeichnet ihren Zyklus als „Experiment, sich jenseits von Macht aufzuhalten, genau das ‚Unbesetzte‘ zu ertragen, zu feiern“. Das „Unbesetzte“ beschreibt sie als unbekannten Raum, der sich dem performenden Menschen beim Tanzen auftun kann, der nicht „besetzt“ ist von einem tanzenden Ego, in der Regel aber immer möglichst schnell besetzt werde. Tanz wäre also auch als gestaltende Macht über den Raum zu verstehen. Diese Überlegungen, im Programmblatt zum Abend angerissen, sind durchaus ein nützlicher Schlüssel zum Bühnengeschehen.

Schubot, die schon häufiger in der Schwankhalle zu Gast war, als Tänzerin, aber auch als Schauspielerin, sitzt zunächst nur auf dem Boden, in einem löchrigen Pullover und einer schlichten Jeans, barfuß und mit gesenktem Haupt. Murmelnd. Langsam fährt ein Finger knatschend über den Holzboden. Später sammelt sich Speichel im Mund, den Schubot langsam zu Boden sinken lässt. Das Murmeln wird lauter, „die, die, die“ könnte das heißen, englisch ausgesprochen und damit „sterben, sterben, sterben“ bedeutend, was passen würde. Denn im Tod hat der Mensch die Macht über den Körper endgültig verloren. Vielleicht ist es aber auch ein kleinkindliches „dai, dai, dai“, in dem sich eine noch nicht vollständig erlangte Macht über den Sprechapparat manifestiert? Was auch zu dem „nga, nga, nga“ passen würde, das später ertönt?

Die Performerin wird im Folgenden durchaus auch einmal aufstehen, schreiten, sich auf alle Viere niederlassen und beängstigend intensiv atmen. Sie wird noch mehr Speichel auf den Boden tropfen lassen, in embryonaler Haltung liegen und hinter einer Säule verschwinden und am Ende ganz vorn links in einer Ecke sitzen und Laute äußern, die Dinge wie „Liebe“ bezeichnen könnten, aber wohl nicht müssen. Wie es vorher eine Art Improvisation auf die Silbe „ton“ gab, die sich allmählich in so etwas wie „torn“ verwandelt, was im Englischen „zerrissen“ bedeutet. Aber auch darüber erlangen wir keine Klarheit. Was Teil des Konzepts sein mag, den hier weitestgehend in seinem Grundzustand belassenen Bühnenraum nicht mit Eindeutigkeiten zu besetzen, Macht über ihn zu erlangen. Wobei die Performerin selbst diese Leerstelle personifiziert, die nichtbesetzten Räume gleichsam einkreist. Woraus sich eine subtile, aber spürbare Spannung ergibt, die sich durchaus als Ausnahmezustand bezeichnen ließe. Die Frage, inwieweit sich die Macht über den Körper aufgeben lässt, beantwortet dieser Abend allerdings nicht befriedigend. Die Sauna wäre möglicherweise ein effektiverer Ort der Entmächtigung des Körpers.

Die nächsten Termine von „Körper im Ausnahmezustand“: 16. Januar, 20 Uhr, und 17. Januar, 19 Uhr, Kat Válastur: „Ah! Oh! A contemporary ritual“.

29. und 30. Januar, jeweils um 20 Uhr, Ksenia Ravvina & Kristina Veit: „Rockinsong“.

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