Im Anfang war die Tat: „Hedda Gabler“ als destruktive Kraft in Oldenburg

Ab ins Feuer

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Frau am Abzug: Hedda Gabler (Eva Maria Pichler) lässt ihre Waffe sprechen. ·

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Nur neunzig Minuten? Hurra! Langweilig kann es damit eigentlich kaum werden in der Oldenburger „Hedda Gabler“. Zumal Ibsens Klassiker ja auch an sich schon ein echter Krimi ist mit Sex, Erpressung, Mord und Totschlag.

Entsprechend düster nimmt sich im Kleinen Haus des Staatstheaters das Bühnenbild aus. Hedda Gabler (Eva Maria Pichler) darf einen schwarzen Kasten ihr Zuhause nennen, ausgeschmückt lediglich mit einem sich spiralförmig nach hinten verengenden, schwarzweiß gemusterten Band (Bühne: Matthias Koch). Schwarzweiß ist auch die Kleiderordnung: schneewittchenhaft die kühle Schöne selbst, dunkel dagegen alle anderen, vom Richter Brack (Gilbert Mieroph) bis zum aufstrebenden Wissenschaftler Eilert Lövborg (Henner Momann). Lediglich Jörgen Tesman (Bernhard Brackmann), Heddas Angetrauter und Lövborgs akademischer Konkurrent, mag sich nicht recht entscheiden zwischen Weiß und Schwarz, Engel und Teufel.

Damit – neunzig Minuten und Schwarzweiß – wäre auch schon das Wesentliche gesagt über Ronny Jakubaschks Inszenierung, die am Mittwochabend Premiere hatte. Es ist diesem Regisseur erkennbar nicht daran gelegen, dem Rätsel dieses Stücks auf psychologische oder dialektische Weise auf den Grund zu gehen.

Statt feinsinnig ausdifferenzierter Dialogführungen und atmosphärischer Brechungen hetzen Hedda und Jörgen routiniert durch die Exposition. Zack! Steht auch schon Thea (Sarah Bauerett) vor der Tür, um die Ankunft von Eilert Lövborg zu verkünden. Schnell ist verstanden, dass Jörgen mit dem spröden Charme eines Buchhalters seiner Hedda wenig Gelegenheit für romantische Begeisterungsstürme zu geben vermag. Und noch schneller haben wir kapiert, dass es sich bei Jörgens unverhofft eingetroffenem Konkurrenten Eilert um den weitaus empfindsameren Ex-Lover der nun mit einer wandelnden Büroklammer verheirateten Schönen handelt.

Das alles geht so flott und holzschnittartig über die Bühne, dass da nichts zu entstehen droht, keine wirkliche Krise und keine seelische Veränderung. Hedda Gabler, der eiskalte Engel, geleitet von der Begierde, Macht über andere zu erlangen: Sie wird das nicht, sie ist es schon von Anfang an.

Ärgerlich ist das allein für die Bühnenästhetik, der man ein glücklicheres Timing mit ein wenig mehr Ruhe und damit auch mehr Entwicklungspotenzial wünschen würde. Schließlich steht nirgendwo geschrieben, dass das Lange immer und ausschließlich auch mit der Weile verknüpft ist.

Inhaltlich ist die These einer solcherart stabilen Persönlichkeit gar nicht mal so abwegig, zumal das sprichwörtliche Schwarzweiß-Schema zumindest den Mechanismus kenntlich macht, der hinter Heddas an sich unerklärlichem Handlungsmotiv steht. Es ist die dionysische Kraft als Gegenpol zur apollinischen, die schwarze als Kontrast zur weißen.

Oder mehr noch die mephistophelische Kraft in einer Welt des Faustischen: Könnte doch „Im Anfang war die Tat“ geradezu als kollektives Motto jener auf Forschung und Karriere bedachten Gesellschaft gelten, in die sich Hedda Gabler hineingeworfen findet. Es ist eine Gesellschaft der Tätigen, die das untätige Wesen allenfalls in Funktion der treuen Ehefrau zur Dekoration auf dem heimischen Sofa duldet. Weil sich der menschliche Wille aber nicht so einfach neutralisieren lässt, wandelt er sich einfach um – ins Destruktive als Gegenstück zum Produktiven.

Also ab ins Feuer mit Eilert Lövborgs so mühsam erarbeitetem Manuskript fürs neue Buch! Und her mit der Pistole für den verzweifelten Verfasser! Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: Tod und Vernichtung, das sind die Waffen der Untätigen. Und Hedda Gabler ist das schwarze Loch, in dem alle weiße Materie verschwinden muss. Bloß: Welche Relevanz hat diese destruktive Kraft der zur Untätigkeit Verdammten in unserer Zeit der allgegenwärtigen Angebote zur Selbstverwirklichung? In einer Gesellschaft, die das bei Ibsen beschriebene Ehe-Modell für überwunden hält?

Im Oldenburger Regiekonzept hat diese Frage keinen Platz. Das mag auch an Eva Maria Pichler liegen, die ihre Hedda etwas zu glatt ans Klischee des eiskalten Engels fügt. Bernhard Hackmann gelingt es in dieser formstrengen Inszenierung noch am ehesten, seiner Figur des Jörgen Tesman Momente des Zweifels und Widerspruchs abzuringen. Da leuchten wenigstens in Gedanken auch mal Farben jenseits der Schachbrettästhetik auf.

Schwarz oder Weiß, Kopf oder Zahl, ja oder nein? Am Ende erweist sich Jakubaschks Ibsen-Inszenierung als solides Unentschieden.

Kommende Vorstellungen: heute und am 20. Februar, jeweils um 20 Uhr.

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