Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova zeigen in Bremen Zeugnisse des Rauschs

Urin? Ganz recht!

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„Attention“: Papageien warnen in der Bremer GAK vor der Auflösung der Utopie.

Bremen - Von Andreas Schnell. Sie sind glücklich, meistens jedenfalls, produzieren genossenschaftlich, nehmen psychedelische Drogen – die Bewohner von Pala, einer fiktiven Insel, auf der Aldous Huxley, Schöpfer berühmter Dystopien, der Menschheit ein wenig Hoffnung gönnt. Bevor er sie wieder zunichte macht.

Huxleys letzter Roman, „Das Eiland“, ist ein zentraler Bezugspunkt der Ausstellung „Ah, soul in a coma, act naive, attack“ von Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova, die heute in der GAK – Gesellschaft für Aktuelle Kunst eröffnet wird. Auf der Materialliste stehen nebst anderem Bücher, geschmolzene Eurocentmünzen, Teppich, trainierte Papageien, Draht, Lysergsäurediethylamid, Zucker, Gelatine, Muscimol und Urin.

Urin? Ganz recht. Und zwar mit jenem Muscimol, das, kurz gesagt, ein rauscherzeugender Inhaltsstoff des Fliegenpilzes ist, der nicht dem Betäubingsmittelgesetz unterliegt. Die beiden Künstlerinnen haben im Selbstversuch den Rausch gesucht und die physischen Resultate mit Zucker und Gelatine angedickt, um daraus eine Art verführerisch anzuschauende Pralinés zu gießen, die nun in der GAK auf Silbertellern angerichtet sind – natürlich nur zum Anschauen.

Und das Lysergsäurediethylamid, im Volksmund besser bekannt als LSD, ist gleich hinter Glas gesperrt, auf juristischen Rat hin, wie Janneke de Vries, die Direktorin der GAK erklärt. Die Seiten eines englischen Wörterbuchs sind damit getränkt, das wiederum in einem Glaskasten wie aufgeblättert liegt, lesbar nicht als Wörterbuch, sondern als Sinnbild für die Auflösung des Bekannten in psychedelischer Entgrenzung. Die ist als Teil der Transformation unabdinglich, als Ausgangspunkt möglicher Veränderung in ganz globalem Verständnis: Auch die anderen Arbeiten im ersten Teil der Ausstellung, die die beiden Künstlerinnen eigens für die GAK konzipiert haben, handeln davon.

Auf einer Schaumstoffsteleninsel finden wir die erwähnten eingeschmolzenen Münzen – sichtlich von menschlicher Hand verformt zu Gegenständen, die an archaische Werkzeuge erinnern. Oder: Die flambierten Bücher, die als Totempfähle umherstehen. Wo die Worte an ihr Ende gekommen seien, so die Behauptung, kann ihre Materiatur noch zum Material für etwas Neues werden. Ein brenzliger Gedanke, der im Übrigen durchaus auch so riecht.

So richtig finster wird es aber erst im zweiten Teil. Um neue Welten zu finden, müssen wir offenbar auch noch die letzten alten Bilder verlieren. Völlige Dunkelheit umgibt uns, für ängstliche Menschen vielleicht nicht ganz das Wahre, weshalb es auch einen lichteren Umweg in die dritte Phase gibt, die für einen Neuanfang steht.

Als hätte man wirklich ein wenig von den Pralinen genascht oder am Wörterbuch geleckt, scheint sich der Boden des Raumes zu wellen, erstehen die Linien des Teppichs zu einer Skulptur empor – und dann sind da auch noch zwei Papageien, eine weitere Huxley-Referenz, die, mit ein bisschen Glück, „Here and now“ sagen oder: „Attention“, wie die Vögel auf Pala, die damit sagen wollen, dass es um die Gegenwart geht und um Aufmerksamkeit, für den Moment, für den Menschen selbst. Bevor, was mitzudenken ist, die Utopie zuschanden geht, wie im Roman.

Eine in ihren vielfältigen inneren und äußeren Bezügen enorm kraftvolle Arbeit, die in ihrer politischen Kraft zugleich einen hohen Abstraktionsgrad erreicht. Der übrigens, das als Fußnote, in dem Beitrag der beiden Künstlerinnen zu den diesjährigen „Jahresgaben“, die ebenfalls heute Eröffnung feiern, eine Fortsetzung findet: Das souveräne Spiel mit Materialien findet sich in den Pflastersteinen wieder, die rein äußerlich an Straßenkampf erinnern mögen, aber in ihrer Materialität von unerwarteter Leichtigkeit sind.

Eröffnung: heute um 19 Uhr, bis 31. Januar in der GAK – Gesellschaft für Aktuelle Kunst. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, www.gak-bremen.de

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