Andrew Manze ist neuer Chef der NDR-Radiophilharmonie in Hannover

Bloß nicht vom Blatt

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Andrew Manze (Foto) wird neuer Chefdirigent der NDR-Radiophilharmonie.

Hannover - Von Jörg Worat. Ein Dirigent ist eine gottgleiche Gestalt, aristokratisch bis zur Unnahbarkeit? Wer so denkt, hat Andrew Manze noch nicht erlebt. Der neue Chef der NDR-Radiophilharmonie, der zur kommenden Saison als Nachfolger von Eivind Gullberg Jensen durchstartet, versteht es im Gespräch, den Zuhörer spätestens nach zwei Minuten abzuholen – der 49-jährige Brite ist ein erstklassiger Kommunikator.

Manze, dessen Name sich „Mänsie“ ausspricht und der auf einen italienischen Großvater mit der Schreibweise „Mansi“ verweist, ist bekannt geworden als Spezialist für Alte Musik und historische Aufführungspraxis. Dass er nun einem modernen Orchester vorsteht, überrascht kaum noch – der Kollege Thomas Hengelbrock beispielsweise ist einen ähnlichen Weg gegangen. Ganz zu schweigen davon, dass Grenzen für Andrew Manze ohnehin zum Überschreiten da sind.

So interessierte sich das Multitalent zwar schon früh für die Welt der Klänge und spielte mit elf Jahren in einem Orchester, entschloss sich aber zunächst zu einem Latein- und Griechischstudium in Cambridge und weiß noch heute von einer Vorliebe für Tacitus und Plato zu berichten. Die Musik gab Manze indes darüber nicht auf; es folgte ein Violinstudium, und als der Cembalist Richard Egarr die Gründung eines Barock-Ensembles vorschlug, ging Manze darauf ein. Eine weitere entscheidende Begegnung fand 1988 statt, nämlich die mit Ton Koopman, dem Dirigenten des Amsterdam Baroque Orchestra. Dort begann Manze bei den zweiten Geigen, stieg aber alsbald zum Konzertmeister auf. Seit 1993 konzentriert er sich aufs Dirigieren, ab 2006 war er Chefdirigent des Helsingborg Symphony Orchestra. Die gesamte Aufzählung seiner Aktivitäten würde den Rahmen dieses Artikels sprengen: Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das City of Birmingham Symphony Orchestra und das Seattle Symphony Orchestra sind nur einige seiner Stationen; dazu kommen zahlreiche CD-Einspielungen.

Hat er jemals bedauert, die Violine zur Seite gelegt zu haben? „Nein“, kommt die prompte Antwort. „Es gibt so viele gute Geiger, denen ich gerne zuhöre.“ Dass die eigene Ehefrau dazu gehört, macht die Sache wohl noch etwas einfacher: Mit Tale Olsson lebt Manze in einem schwedischen Naturparadies. Das Paar hat zwei Kinder, Luigi (10) und Clara (8), und der Wohnort soll so bald auch nicht aufgegeben werden. Wenngleich der Dirigent bekennt, nicht besonders gut Schwedisch zu sprechen, und auch mit dem Deutsch hapert es noch kräftig: „Sprachen liegen mir nicht so“, meint er etwas zerknirscht.

Seine Musiker werden ihn trotzdem verstehen, zumal sie sich ja nach einigen Gastdirigaten explizit für den neuen Chef ausgesprochen haben. Das Orchester darf sich auf manche Freiheiten freuen, denn Manze ist ein erklärter Feind des sturen Vom-Blatt-Spielens. In seiner Zeit als Violinist hat ihm das schon saftige Kommentare eingebracht: „Man könnte ihn glatt mit einem vornehmen britischen Musikologen verwechseln, bis er die Violine unters Kinn klemmt und sich in eine Art verrückten Wissenschaftler verwandelt, der in einem imaginären Klanglaboratorium des 18. Jahrhunderts Amok läuft“, meinte etwa einst der Kritiker der „New York Times“ leicht befremdet.

Wenn es auf das Thema der so genannten Werktreue kommt, ist Manze kaum noch zu bremsen: „Es kann doch nicht darum gehen, ein Stück immer wieder auf die gleiche Weise wiederzugeben. Die Interpretation muss aus dem Moment heraus entstehen, und dabei können so viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.“ Der Dirigent erinnert sich an eine sehr spezielle Aufführung: „Da hat der Klaviersolist eine eigene Komposition gespielt, und ich bemerkte auf dem Pult, dass er vom Notentext abwich, bis ich irgendwann wieder wusste, wo er war. Aber ich fand es vollkommen schlüssig so. Beim Beethoven danach hat er dasselbe gemacht. Der Notentext ist nur eine Art Landkarte, aber den Weg darauf muss man sich jedes Mal neu suchen.“

Neue Wege will Manze auch bei seinem ersten Programm mit der NDR Radiophilharmonie gehen. Zum Auftakt des Rings A am 13. September darf er sich angesichts der andauernden Feierlichkeiten zur königlichen Personalunion an seine britischen Wurzeln begeben und bei den „Hannover Proms“ unter anderem Händel, Walton, Holst, Elgar und den von ihm ganz besonders geschätzten Vaughan Williams dirigieren.

Manzes Bereitschaft, sich mit dem Zeitgenössischen auseinanderzusetzen, wird etwa an einem Programmpunkt wie Detlev Glanerts „Fluss ohne Ufer“ deutlich: „Wirklich tonal ist das nicht. Aber die musikalischen Strukturen beziehen sich deutlich auf die Tradition.“ Wo verläuft für den Dirigenten denn die Grenze zum Spielbaren? Bei Ligeti, bei Stockhausen? „Irgendwo zwischen diesen beiden. Sagen wir so: Wenn ich beim Lesen der Musik noch den Eindruck von Noten habe, ist alles in Ordnung. Aber nicht mehr, wenn es mir wie ein Stück Tapete vorkommt.“

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