Bremer Literaturpreis: Das freundliche Romandebüt des Förderpreisträgers Andreas Stichmann / Heute

Anders Reisen mit dem „großen Leuchten“

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Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Tim SchomackerDraußen lauert. „Die wirkliche Welt, der rohe Raum. Das nackte und grauenhafte Draußen“, wie es an einer Stelle heißt. Es gibt eine alte Kriminalgeschichte, eine von Patricia Highsmith, glaube ich, in der kurbelt jemand das Wagenfenster herunter.

Und blickt statt wie vorher auf blühende Landschaften in eine wabernde, schreckliche Weltmasse. Gefundenes Fressen seinerzeit für französische Philosophen wie Lacan, ihre Idee vom „Realen“ zu illustrieren, das hinter der Welt lauert, wie wir sie tagtäglich wahrnehmen.

Auch Rupert, der jugendliche Ich-Erzähler in Andreas Stichmanns erstem Roman, „Das große Leuchten“, kurbelt das Wagenfenster seiner Weltsicht herauf und herunter. Rupert benutzt für seine Wahrnehmungsstudien den körpereigenen Fensterheber, das Augenlid. Immer wieder bemüht er sich, nicht zu blinzeln. Er schaut der Welt beim Verschwimmen zu. Manchmal wirkt diese dann wie ein gigantisches Gerhard-Richter-Bild. „Blinzeln bedeutet Angst haben, sagte ich mir, man muss sich aber bereit machen für dieses Grauen.“

Während Rupert, dessen Mutter sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat, nach Strukturen im Draußen sucht – um zu verstehen, um vorbereitet zu sein –, hat er zwei Figuren an seiner Seite: Den schizophrenen Robert, bisweilen sein Ziehbruder und bester Freund, Sohn einer Fundamentalchristin auf dem Land und mit allerlei parapsychologischen Vorstellungen gesegnet. Und Ana, frühreife Tochter eines traurigen iranischstämmigen Alkoholikers, die ebenfalls ohne Mutter aufwächst.

Ana ist in vielerlei Hinsicht Ruberts Komplementärfigur. Nicht nur, weil die beiden ein romantisches Gangster- und Liebespaar abgeben, als sie zusammen aus der Kleinstadt abhauen – das große Ziel: Anas Mutter, eine kommunistische Untergrundkämpferin im Iran, zu suchen. Auch Anas Weltsicht scheint das exakte Gegenteil der Rupert‘schen: Statt der Strukturen dahinter, glaubt sie, ganz Jungidealistin, daran, dass sich letztlich alles nur im (und aus dem) eigenen Kopf zusammenbaut.

Stichmann baut diese und andere Überlegungen in eine Abenteuerroman ein, der einer freundliche Grundkomposition zweier einander abwechselnder Erzählstränge folgt. Die Erzählgegenwart berichtet von Ruperts und Roberts Trip durch den Iran – inzwischen nicht nur nach Anas Mutter auf der Suche, sondern auch nach Ana selbst. In eingelassenen Rückblenden erzählt Rupert, wie er Ana kennen lernt, wie sie ihrem Mutterphantom nachhängt (das zweifellos aufregender daherkommt als seine eigene tragisch-banale Mutterlosigkeit), wie sie gemeinsam losziehen mit dem Fernziel, die Untergrundmama als Dokumentarfilm wieder einzufangen – und wie Ana ihm schließlich abhanden kommt. Emotional zunächst, dann leibhaftig.

Man hat den Eindruck, Stichmann habe die erzählerische Struktur und den dazugehörigen Plot absichtlich einfach gehalten, um sich ausgiebig der detaillierten Ausschmückung widmen zu können. Dass das Oberhaupt einer iranischen Orangenpflanzergroßfamilie „schlurfend, aus den Weiten seines dunklen Gartens“ – von allen möglichen Worten an dieser Stelle! – „entsteht“. Dass Rupert bei der Beisetzung einer Mutter „überall diese kleinen, selbständigen Geräusche, die gar nichts mit der Beerdigung zu tun hatten und trotzdem existierten“ auffallen. Dass er auf den jugendlichen Streifzügen mit Robert „nie eine Chance gehabt hätte, den Rückweg nicht mehr zu finden“. Dass ein Stadtplan von Teheran „überhaupt nichts bringt, weil er eher nach einer Kinderskizze aussieht als nach einem wirklichen Plan“. Alles Momente, in denen man Stichmanns Talent dankbar sein darf – für einen ganz kurzen, ungeahnten Literaturmoment.

„Das große Leuchten“ liest sich in einer gefühlten Nähe zu Wolfgang Herrndorfs Romanen „Tschick“ und „Sand“, bisweilen fast wie ein Querschnitt aus beiden. Beide sind Vertreter einer Generation von Schreibenden, die literarische so ganz anders reisen können (und wollen können) als, sagen wir: Hubert Fichte oder Michael Roes. Die Notwendigkeiten, aus denen heraus deren Bücher über die Karibik oder die arabische Welt seinerzeit entstanden, sind andere als jene, die Stichmann zu den Bildern des Iran (und auch der deutschen Provinz) führen. Beide Gegenden wurzeln letztlich phantasmatisch in der Erlebniswelt von Stichmanns Figuren, sind als ungefähre Landschaften Material für einen Entwicklungsroman. Diesen schreibt Stichmann bemerkenswert leicht.

Ihm gelingt neben diversen szenischen Miniaturen eine vorwärtstreibende Bilderfolge des Heranwachsens inmitten einer Vielzahl von Haltlosigkeiten. Allein der erzählerischen Schließung, die so gar keine jener Fragen offen lässt, die das Lesevergnügen der 220 bisherigen Seiten auch ausmachten, hätte es nicht bedurft. Sie nimmt viel zurück von dem Grauen da draußen, auf das der nichtblinzelnde Rupert sich – und uns – vorbereitet hat.

Andreas Stichmann: „Das große Leuchten“, Roman, Rowohlt Verlag: Reinbek 2013; 240 Seiten, 19,95 Euro.

Für „Das große Leuchten“ erhält Andreas Stichmann heute (12 Uhr in der Oberen Rathaushalle) den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis. Zum Hauptpreisträger Wolf Haas („Verteidigung der Missionarsstellung“) lesen Sie morgen einen ausführlichen Bericht.

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