Andere Wirklichkeiten

Bremen - Von Rainer Beßling. Es ist nicht auszuschließen, dass Achim Bertenburg den Namen Eugène Carrière schon länger kennt. Dass seine Bilder aber einmal in der Bremer Kunsthalle neben denen des französischen Symbolisten (1849-1906) hängen würden, hätte der 1954 geborene Maler wohl kaum jemals vermutet – schon gar nicht, dass dabei so viele Korrespondenzen und Parallelen erkennbar würden.

Die Idee zu der Gegenüberstellung hatte Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin des Museums. Das Projekt fügt sich in das Konzept der Sammlungspräsentation, zeitgenössische mit historischen Arbeiten zu konfrontieren. Das Werk Carrières, der zu Lebzeiten vor allem als Porträtist bekannt und gefragt war, ist im deutschen Ausstellungsbetrieb selten anzutreffen. Die Kunsthalle Bremen besitzt die größte öffentliche Carrière-Sammlung in Deutschland. Eine Ausstellung des Museums im Jahr 2006 anlässlich des 100. Todestages Carrières ermöglichte unter dem Titel „Intimität der Gefühle“ eine intensive Begegnung mit dem Gesamtwerk des Franzosen.

Nun geht es in einem Kabinett mit acht Werken Carrières und vier Arbeiten Bertenburgs noch intimer zu. In dieser Konzentration zeigen sich nicht nur thematische Bezüge, sondern vor allem auch maltechnische Verwandtschaften.

Ein Charakteristikum im Werk des Franzosen, in dem Bildnisse, darunter zahlreiche von Kindern, sowie die Darstellung der Mutterschaft dominieren, ist die schemenhafte Figurenzeichnung. Die Konturen scheinen sich aufzulösen, Figur und Grund fließen ineinander. Die dargestellten Personen verschmelzen mit ihrer Umgebung und wirken dabei immaterialisiert, fast transparent. In dieser Aufhebung von Körper, Ort und Zeit rücken Stimmung und Atmosphäre in den Vordergrund. Die Protagonisten der Bilder geben sich ganz ihren Gedanken und Gefühlen hin, der Betrachter wird in diffuse Szenen und ein unbestimmtes, rätselhaftes Innenleben hineingezogen.

Das ganze Motivrepertoire der Symbolisten klingt an: die reine ebenso wie die dunkle Seite des Menschen, existenzielle Grenzsituationen, das Mystische, Unerklärliche und Visionäre. Carrière sucht diese diffuse „andere Wirklichkeit“ bildnerisch mit weichen Vermalungen und einer engen Farbskala aus Grau- und Brauntönen. So lassen sich Ansätze von Abstraktion und Monochromie entdecken, die im Werk Bertenburgs nun ein Echo finden.

Auch der Bremer Maler bevorzugt in vielen Bildern Varianten von Grau und Braun. Auch hier finden sich unbestimmte Räume, Figurationen und Atmosphären, wobei die Spiritualität, die in den Bildräumen mitschwingt, von großer stofflicher Präsenz des malerischen Ereignisses begleitet wird. Auch in der virtuosen, breit gefächerten Pinselarbeit der beiden Künstler entdeckt Hansen auffällige Parallelen: Einkratzungen, deutliche Spuren der Borsten in eher lasierenden Bildbezirken, aber auch fein vermalte Flächen ohne jeglichen persönlichen Duktus.

Lässt sich aus den Gemeinsamkeiten nun schließen, dass beide Künstler trotz des Epochenabstands und der Unterschiede in den kulturellen und ästhetischen Einflüssen ähnliche Ziele verfolgen? Bertenburg geht es mehr als ein Jahrhundert nach der analytischen Annäherung an das menschliche Innenleben kaum um die numinose Psyche. Er ist eher an der Malerei an sich interessiert, erkundet dabei gleichwohl eigenständige Bildwirklichkeiten, die mit der sichtbaren Realität weniger figürlich als mit gleichgestimmten Atmosphären korrespondieren. Bertenburgs Bezugsfeld ist dabei eher die Landschaft, an die die abstrakten Formationen des Bremer Künstlers immer wieder denken lassen.

Bei aller frappierender Ähnlichkeit der Bildsprachen lassen sich doch unterschiedliche Richtungsverläufe ausmachen: Während Carrières Figurenzeichnung zu vormoderner Abstraktion tendiert, stellen sich bei Bertenburg, unbelastet von Dogma der Ungegenständlichkeit, aber dennoch um die gegenstandsfreien Mittel der Malerei kreisend, immer wieder Assoziationen zur Natur ein. Natur tritt dabei als physisches und geistiges Ereignis auf, in visueller Wahrnehmung und körperlichem Erspüren. Vor allem präsentiert sich Wahrnehmung im Modus der Versenkung, wie sie eine Fotografie Bertenburgs beschreibt. Diese zeigt den Sohn des Malers schreibend über ein Blatt gebeugt: Diese Aura der Stille und des Ein- und Abtauchens hätte auch Carrière gefallen. In seinem Bild „Elise mit Tintenfass“ aus dem Jahr 1890 beschreibt er eine ähnliche Szene und Stimmung.

Bis 20. Dezember. Kunsthalle Bremen, Gemäldegalerie.

Mi-So 10-18 Uhr, Di 10-21 Uhr. Eintritt: 11 Euro

Rubriklistenbild: © Foto: Blindow

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