Analyse aus der Gesangsstunde: „Die Entführung aus dem Serail“ in Bremen

Eine Insel namens Mozart

Ist die monogame Liebe nur eine Illusion? Eine Antwort auf diese Frage gibt es in Benedikt von Peters letzter Inszenierung nicht, dafür aber pralles Theater.
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Ist die monogame Liebe nur eine Illusion? Eine Antwort auf diese Frage gibt es in Benedikt von Peters letzter Inszenierung nicht, dafür aber pralles Theater.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Die Ränge sind nicht besetzt, das Orchester sitzt flankiert von Zuschauern auf der Bühne, das Parkett ist weitgehend leergeräumt und vor dem auf dem Boden sitzenden Publikum steht ein riesiges Mischpult. Ein Bühnenbild gibt es nicht, die Zuhörer sollen sich bewegen, sich ihre eigene Mischung und Sicht herstellen. Das klingt nach einer Inszenierung des leitenden Regisseurs des Theaters Bremen Benedikt von Peter: ist es auch.

Von Peter hat zusammen mit dem Performancepaar Gintersdorfer/Klaßen, der ivorischen Sänger-Tänzer-Kombo Gotta Depri, Skelly und Gadoukou la Star, dem Punkmusiker Ted Gaier und den Bremer Philharmonikern unter der Leitung von Markus Poschner einen bejubelten Abend auf die Bühne gebracht, der sich „Les Robots ne connaissant pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail“ nennt. Aber es geht nicht um Mozart. Es gibt auch keinen Bassa Selim, diese unglückliche Person, die in so vielen ambitionierten Inszenierungen mit ihrer verzeihenden und toleranten Haltung einen herausragenden Stellenwert erhält.

Zwar wird die Geschichte erzählt – sie kennt ohnehin jeder –, aber das Autorenkollektiv interessiert sich mit seiner unterschiedlichen Herkunft für ganz andere Dinge: der Musiker und Gründungsmitglied der „Goldenen Zitronen“ Ted Gaier meint, dass die Welten der elektronischen Musik und Mozarts einander ausschließen, und doch untersucht er, wie sie sich in die jeweils andere hineinbegeben können. Monika Gintersdorfer mit ihren ivorischen Künstlern interessiert sich für den Zusammenknall von unbekannten Systemen und völlig anderen Arbeitsweisen. Benedikt von Peter untersucht auch dieses Mal seine Lieblingsfrage, was es mit der bürgerlichen Liebesmoral auf sich hat. Und Markus Poschner beleuchtet gern die Produktionsmechanismen des europäischen Musikmachens und will mit den Sängern sein Teil dazu beitragen, sie sichtbar zu machen.

Das sind viele Ideen und Fragen auf einmal, vielleicht zu viel für einen Abend. Das Publikum jedenfalls hat keine Chance, einer eben gehörten Idee nachzugehen, es geht Schlag auf Schlag in einem derart kurzweiligen Tempo, dass im Nu die zweieinviertel Stunden ohne Pause herum sind.

„Die Oper singt von der Liebe, und wir singen die Analyse“, sagt Ted Gaier am Anfang und das geht dann so: Die mitreißend gespielte Ouvertüre wird unterbrochen von der wilden Tanzeinlage des ivorischen Tänzers Skelly, der so das Hören anders als gewohnt lenkt. Nicole Chevalier als überragende Constanze erklärt, wie sie die atemberaubend schwierigen Koloraturen in einen existentiellen Ausdruck bekommt, die große Marternarie wird zu einer veritablen Gesangsstunde. Und legt dabei offen, wie das Stück „Doch, du bist entschlossen“ zu einem Pfeil für den Gegner – der ivorische Tänzer Gadoukou la Star – werden kann. Doch die Analyse geht noch weiter, wenn zum Beispiel Belmonte Hyojong Kim dem ivorischen Sänger „O wie ängstlich“ beibringen will und der ihm das emotionale Pendant mit viel Improvisation um die Ohren haut. Oder wenn Nerita Pokvytyté als Blonde „Mit Zärtlichkeit und Schmeicheln“ Gotta Depri beibringt, wie man freie Frauen behandelt und mit ihm ein heftiges Streitgespräch über die Liebe anzettelt. Klar, dass Patrick Zielke sich als Osmin ziemlich bemühen muss, um mit den Afrikanern irgendwie Schritt zuhalten und am Ende zu „Erst geköpft, dann gehangen“ von ihnen weggeschleift wird.

Wie schwer das Singen ist, zeigt dann der Schauspieler Hauke Heumann, der auch noch den Pedrillo singen darf oder muss. Heumann ist eine Art Moderator, der mit sehr unterschiedlichen, auch improvisierten ästhetischen, philosophischen, politischen Texten durch eine Aufführung leitet, der insgesamt eines gelingt: Die originelle Art von Selbstbefragung witzig und damit selbstironisch zu halten, die Musik von Mozart – insgesamt durchgehend transparent und inspiriert interpretiert – unangetastet zu lassen und ihr damit einen inselartigen Stellenwert zu geben. Sie leuchtet einzigartig neben dem ebenso einzigartigen körperlichen Ausdrucksradius der Afrikaner. Dadurch passiert etwas Unglaubliches: die allzu bekannte Musik Mozarts gewinnt durch die afrikanische Kunst eine neue Frische, und die Gesangs- sowie Tanzkunst der Afrikaner wird durch die Musik Mozarts wunderbar herausgestellt. Eine Antwort auf ihre Ausgangsfrage, ob die monogame Liebe eine Illusion ist, gibt die Aufführung, von Peters letzter Arbeit in Bremen, nicht, will sie aber vielleicht auch gar nicht, sondern lediglich „Selbstbefragung“ (Poschner) und das „Nachdenken über den Kontext der Oper“ (von Peter) sein und das ist gelungen. Ein nachdenklicher Abend und pralles Theater zugleich.

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