Paula-Modersohn-Becker-Preis: Peter-Jörg Splettstößer stellt auf dem Worpsweder Barkenhoff aus

Analyse und Augenschein

Der Worpsweder Künstler Peter-Jörg Splettstößer und seine „Fragmente“.

Von Rainer BeßlingWORPSWEDE · Das Gebäude ist legendär, seine Architektur eine Ikone. Vor rund 100 Jahren war der Barkenhoff das Zentrum der Worpsweder Künstlerkolonie. Nach einer wechselvollen Geschichte wurde das Haus in den 80er Jahren wieder zu einem Ort der Kunst, insbesondere ein Forum für die Erinnerung an die heroische Vergangenheit des Künstlerdorfes.

In diesen Wochen gelingt dort erstmals ein Brückenschlag zwischen Kunstgeschichte und gegenwärtigem Kunstgeschehen – und damit auch eine Rückbesinnung auf historische Avantgarde. Neben Werken von Barkenhoff-Schöpfer Heinrich Vogeler und Zeugnissen zu dessen Vita finden sich Arbeiten von einem Künstler, dessen Leben ebenfalls lange eng mit dem Haus verknüpft war und der Worpswede künstlerisch maßgeblich mitgeprägt hat und weiter prägt: Peter-Jörg Splettstößer.

Im vergangenen Jahr wurde der 1938 in Pommern geborene Künstler erst mit einer Retrospektive in der Städtischen Galerie Bremen gewürdigt. Kurz darauf erhielt er den Sonderpreis des ersten Paula-Modersohn-Becker-Kunstpreises. Für den Auftakt konnten sich der auslobende Landkreis Osterholz und die Juroren keinen besseren Preisträger wünschen. Splettstößers Schaffen repräsentiert nicht nur ausdauernde, kontinuierliche Arbeit an fundamentalen Fragen der Malerei in der Auseinandersetzung mit der Tradition und mit aktuellen Konzepten. Im Wirken des Mitbegründers der Bremer Produzentengalerie Gruppe Grün geht es immer wieder auch um Präsentation, institutionelle Ermöglichung und Förderung von Kunst.

Als langjähriger Bewohner des Barkenhoffs, als Träger und Begleiter des Barkenhoff-Stipendiums in den 70er und 80er Jahren kämpfte der zwischen Ateliers in Worpswede, Bremen, Berlin, Paris und Amsterdam vagabundierende Splettstößer nicht zuletzt um ein Künstlerdorf der Gegenwart. Zwischen Naturanschauung und struktureller Kompositionsanlage kreist sein Werk um Mechanismen und Magie der Wahrnehmung.

In Atelier- und Ausstellungsräumen des Barkenhoffs spiegeln nun ausgewählte Werkgruppen leitende Fragestellungen des Künstlers wider, zugleich dokumentieren Zeichnungen und Gemälde den hohen ästhetischen Reiz jeder einzelnen Arbeit. Im Atelier-Schauraum präsentiert Splettstößer mit Teilen seiner „Fragmente“, der Dekonstruktion und bildobjekhaften Neustrukturierung einer Reproduktion von Michelangelos „Jüngstem Gericht“, ein konzeptuelles Langzeitprojekt. Direkt gegenüber sind in „Petersburger“ Hängung dynamische und zugleich filigrane Zeichnungen zu sehen, spontane Chroniken tänzerischer Bewegungen, weniger Niederschrift sichtbarer Körperlichkeit als Nachvollzug der Energie, mit der Tanz den Raum füllt und das betrachtende Auge mitnimmt.

Zwischen Atelier- und Wohnambiente hängen Stempelarbeiten und aktuelle Werke, in denen sich das prozessuale Abarbeiten an figürlichen Realitätsausschnitten mit Flächen „reiner Malerei“ trifft.

In den heiligen Hallen des Haupthauses, bislang der Vogeler-Verehrung vorbehalten, zeigt Splettstößer Fensterbilder, die in einem Rasterverfahren Ausschnitte des Blicks vom Atelier in die Außenwelt aneinander fügt und ablaufende Zeit zusammen mit malerischer Fokussierung des Raums als Strukturprinzip auf der Fläche einsetzt. Varianten der Wirklichkeit und Veränderungen des Blicks korrespondieren miteinander, was deren Wechselbeziehung sinnfällig macht.

Einen hohen malerisch-koloristischem Reiz besitzen Papierarbeiten und Leinwände in Rot-Gelb-Tönen, in denen gleichermaßen pflanzliche Formen und gestische Schwünge gesehen werden können. Die Arbeiten stehen für Ambivalenzen, die in Splettstößers Schaffen Spannung und Reibung aufbauen.

Ein Stein-Paar verweist auf Kraft und Aura des Stofflichen, auf eine Materialität, die man eher spüren als sehen kann und die immer auch mit dem gesamten Raumgeschehen sowie der Position und Haltung des Betrachters zusammenhängt. In den Oktogon-Saal mit seinem Vogeler-Werk-Panorama stellt Splettstößer eine Stele auf, die als Raumachse die Blicke anzieht und Malerei in untrennbarer Verbindung zu den Objekteigenschaften des Bildträgers zeigt, die über die Proportionen des Raumes ebenso wie über die Maßstäblichkeit von Werk und Künstler, Exponat und Publikum, damit über Bedingungen und Gelingen von Wahrnehmung reflektiren lässt.

Mit dem Barkenhoff als Ausstellungsforum für Träger des Paula-Modersohn-Becker-Preises ist ein positives Signal für die Lebendigkeit des Künstlerdorfes gesetzt. Natürlich bot sich der Ort bei Peter-Jörg Splettstößer in besonderer Weise an. Es könnte aber auch interessant sein, wie künftige Gepriesene mit der Legende umgehen. (Noch bis 30. Januar)

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