Michael Weisser rettet die Reise für die Kunst: Ausstellung im Syker Vorwerk

Amerika, wir kommen!

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Die Wildnis in uns: Amerikas Wälder, fotografiert, komprimiert und collagiert von Michael Weisser.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Reisebilder im Syker Vorwerk, man mag das zunächst kaum glauben. Es wird doch wohl kein Diavortrag werden? Über die x-te Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn? Für die Kunst jedenfalls dürfte sich das Thema Reise ja erledigt haben – heute, da jeder schon überall gewesen ist.

Doch es ist tatsächlich ein künstlerischer Anspruch, den Michael Weisser in seiner Ausstellung verfolgt. Zu allem Überfluss auch noch einer, der sich um die ganz klassischen, scheinbar verbrauchten Vokabeln dreht: um Begriffe wie den „Weg“ und das „Sehnen“.

Auf ersteren schickt Weisser sein Publikum gleich zu Beginn der Schau. Wir sehen Fotografien von endlos anmutenden Straßen, die sich mal gerade bis zum Horizont erstrecken, mal durch gebirgiges Terrain schlängeln. Der Nordwesten der USA liegt vor uns, erkundet und abgelichtet auf einer Strecke von insgesamt 6 000 Kilometern in gerade einmal zwei Wochen.

Man sieht ihn auf kompakten, kleinformatigen Fotografien wie auf großflächigen Bildern. Klein, wenn sich die Landschaft in ihrer unverstellten Schönheit offenbart. Groß, wenn diese Offenbarung in Streifen geschnitten und am Rechner gestaucht zu einer collagenartigen Fläche verdichtet wird. Dann ist von den bei voller Fahrt fotografierten Wäldern nurmehr eine Struktur zu sehen: grünes Gewebe mit hellbraunen Elementen, hier und dort ein blau aufblitzendes Stück Himmel.

Indem Weisser das Konkrete bis zur Abstraktion verzerrt, kommt er dem Sinn seiner Reise auf die Spur. Denn selbstverständlich geht es hier nicht um Nordwestamerika, nicht um die Dokumentation vermeintlich fremder Regionen oder um den stolzen „Ich war da“-Effekt. Es geht vielmehr um den Reisenden selbst: um seine Wahrnehmung statt um das Wahrgenommene und um sein Innen statt um das Außen.

Wenn also amerikanische Wälder durch Komprimierung und Collage zum Sinnbild der Wildnis werden, so ist es die Wildnis des Unbewussten. Reisen entpuppt sich dann als Ausflucht aus dem Gefängnis unseres auf Ordnung und Kultur abzielenden Bewusstseins, als Zugeständnis an das Chaos. Es bedarf offenbar einer physischen Veränderung, um der Seele diese Ausflucht zu ermöglichen.

Im Konkreten lässt sich das Motiv für dieses Zugeständnis erahnen. Es zeigt sich etwa im Kontrast des hell erleuchteten Gebirges mit seinen kargen, geradezu unheimlich einsamen Geröllfeldern einerseits und dem dunklen Tannenwald im Vordergrund andererseits. Man muss unwillkürlich an Caspar David Friedrich denken, an die romantische Reibung des Irrationalen an der Vernunft. Im Erblicken der Extreme, so scheint es, im Wahrnehmen von Nähe und Ferne, Hell und Dunkel, Idylle und Gefahr, spürt der Mensch seine Existenz.

Zur Faszination dieser Extremerfahrungen gehört die Erkenntnis, dass diese Polaritäten keineswegs immer den üblichen Zuschreibungen entsprechen. So verleiht Weisser mit seiner Technik der Komprimierung dem Holz der Bäume eine fast schon fließend organische Struktur. Während das Wasser des Bachs, in seiner verdichteten Präsenz seltsam massig und wuchtig wirkt.

Schäfchen- und Zirruswolken vor Variationen der Farbe Blau fragen implizit nach dem Grund dafür, dass wir erst in der Fremde gen Himmel schauen, dort aber besonders lang und gerne. Es ist ein Freiheitsempfinden, das auf einem Widerspruch beruht: zwischen der Sehnsucht nach der Wildnis in uns und der Vergewisserung einem vertrauten Dach über uns da draußen.

In der Stadt hilft bei der Bewältigung dieses Widerspruchs eine Glasscheibe. Hochhausfassaden, Straßenschilder, Autorückleuchten: Alles drängt sich bei Weisser zu einer aufregenden Metropolästhetik zusammen, stets begleitet von der verräterischen Reflexion der Windschutzscheibe – Wildnis mit Airbag.

Eigentlich bedarf es für diese Reise keiner Autofahrt durch Nordwestamerika. Ist es doch eine Expedition durch uns selbst, durch unsere Sehnsüchte und Zwänge. Und doch bedarf es dieser Reise: Weil der Mensch die sinnlichen Erfahrung braucht, um seine eigenen Strukturen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen. Und sinnlich bleibt eine solche Reise ungeachtet der Tatsache, dass es für die Menschheit längst nichts mehr zu entdecken gibt. Dem Einzelnen nämlich zeigt sich die Fremde gleichwohl als unberührter Ort: von ihm selbst unberührt, von der eigenen Wahrnehmung neu zu entdecken, zu ertasten und zu erspüren.

Diese sinnliche Dimension kann Michael Weissers Ausstellung ihrem Besucher nicht wirklich erschließen, da ist er schon selbst gefordert, seinen Koffer zu packen. Eine Idee von den tatsächlichen Vorzügen des Reisens – jenseits aller Bildungs- und Erholungsklischees der Tourismusbranche – wird aber sehr wohl evident. Amerika, wir kommen!

Bis 7. Juli im Syker Vorwerk. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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