Witzig war das nie 

Robert Crumb untersucht in „Amerika“ die Seele der Weltmacht

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Heutzutage braucht es nun wirklich keinen Mut, um politisch unkorrekte Zoten zu reißen. Man muss nur sehr ignorant dafür sein – und vielleicht ein bisschen dumm.

Der anarchische Witz hat jedenfalls nichts Befreiendes mehr an sich, seit die Herrschenden ihrerseits nicht mehr prüde tun, sondern im Gegenteil ganz vorne mit dabei sind, wenn es ums Lockermachen geht. Und so ein neuer Band mit alten Comicstrips von Robert Crumb, wie er gerade bei Reprodukt erschienen ist, hat heute keinen rebellischen Charme mehr – und ist trotzdem wichtig.

Erstmal aber sind Robert Crumbs Geschichten geschmacklos und bösartig. Die Episode „Wenn die Nigger an die Macht kommen“ wäre selbst ohne die explizit gezeigten Massaker und Vergewaltigungen eine Zumutung – und die Fortsetzung „Wenn die verfluchten Juden an die Macht kommen“, mag äußerlich weniger brutal sein, ist inhaltlich aber noch schlimmer. Beide Stories beschwören die wahnhaften Angstwelten von Rassisten und Antisemiten, indem sie sie auf dem Papier wahr machen.

Crumb hat damals großen Ärger für diese Strips bekommen, auch weil er die Angstlust von Rechtsaußen wohl unterschätzt hatte. (Im meist übersehenen dritten Teil sind die dann übrigens dran mit der Weltherrschaft.) Tatsächlich haben Faschisten die Geschichten gefeiert, während die linksliberale Leserschaft unter die Decke ging. Provokateure leben schließlich immer in schlechter Gesellschaft, auch wenn sie irgendwo recht haben. Zugestehen muss man Crumb nämlich, dass er wirklich etwas zu sagen hat, über die Angstwelten der Faschisten. Gerade wo er in diesen beiden Geschichten die Unterschiede von Antisemitismus und Rassismus in (entsetzlichen) Bildern ausdifferenziert, weiß Crumb viel mehr zu berichten als weite Teile der Vorurteilsforschung von heute. Gezeichnet hat Crumb die im Band „Amerika“ gesammelten Strips in den Jahren von 1969 bis 1996. Er wollte die „amerikanische Seele“ untersuchen und hat – das ist heute klar – weit mehr zutage gefördert als nur tagesaktuelle Probleme. Vieles wirkt beklemmend aktuell, nicht nur weil ein gewisser „Immobilienhai Donald Trump“ drin vorkommt: „einer der übelsten Menschen der Welt“.

Der Band ist übrigens kein Hasspamphlet gegen die USA, auch wenn man ihn hierzulande (wie jede amerikanische Selbstkritik) so lesen wird. Das bürgerliche Psychodrama betrifft uns alle, auch wenn die Verdrängungsstrategien hier und da etwas anders ausfallen mögen. Crumb selbst ist zwischenzeitlich nach Frankreich ausgewandert und hat die Genesis aus dem Alten Testament als Riesencomic realisiert. Reprodukt erinnert mit „Amerika“ nun an den alten Crumb und belegt außerordentlich materialreich, wie vielschichtig und komplex sein Werk tatsächlich ist. Es sind auch schwache Geschichten darunter und Crumbs lustvolle Dekonstruktion rassistischer Stereotype ist heute wie damals nicht unproblematisch. Aber lohnen tut es schon, sich dem auszusetzen. Vielleicht ja gerade, weil das befreiende Lachen heute ausbleibt.

Zum Weiterlesen

Robert Crumb: Amerika, Reprodukt 2019, 96 Seiten, Hardcover mit Leinenrücken, 29 Euro.

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