Gepriesene Nachwuchs-Medienkunst im Oldenburger Edith-Ruß-Haus

Die Ameise und das Absurde

Kunst aus der Insektenkolonie: die Blattschneideameisen beim Blattschneiden und -transportieren. ·
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Kunst aus der Insektenkolonie: die Blattschneideameisen beim Blattschneiden und -transportieren. ·

Oldenburg - Von Rainer Beßling. Das große Krabbeln kommt in strenger Form daher. In einem Doppelkreuz aus durchsichtigen Röhren tummelt sich eine Kolonie Blattschneideameisen. Außen liegen in Gestalt von Pilzgärten die Wohntrakte, mittig ist der Nahrungsspeicher platziert.

Auf der unteren Achse befinden sich die Endlagerstätten der Futterverwertung und Population. Der Erbauer der Glasinstallation heißt Kuai Shen. Seit Jahren untersucht er Lebensführung und -organisation der Ameisen. Das Ergebnis seiner Recherche und deren Einbettung in ein künstlerisches, medial gestütztes Werk beschert ihm nun den „Edith-Ruß-Haus Nachwuchsförderpreis für Medienkunst der Sparda-Bank 2013“. Weitere Trägerinnen der erstmals ausgelobten Auszeichnung sind Hyun Ju Song und Mi Lyoung Bae. Auch deren gepriesene Arbeit ist vom 2. bis 27. Oktober im Oldenburger Haus für Medienkunst zu sehen.

Kuai Shen ebnet dem Publikum mehrere Zugänge zur Teilnahme am Ameisen-Treiben. Lupen vergrößern den Einblick. Noch näher rückt das Geschehen auf Monitoren heran, von Kameras mit Live-Impressionen aus dem Innenleben der Kolonie gespeist. Mit Geduld lässt sich erstaunliche Vielfalt erkennen: Unterschiedliche Körpergrößen und Bewegungsarten deuten auf verschiedene Aufgaben der Tiere hin. Neben visuellen hält die Installation mit dem monströsen Titel „Oh!m1gas: biomimetic stridulation environment“ auch akustische Eindrücke bereit.

Die Ameisen kommunizierten mittels Geräuschen, die durch Reibung von Körperteilen hervorgerufen würden, verrät der Künstler. Diese Töne, per Mikrofon verstärkt, sind über Kopfhörer zu erleben. Zugleich läuft eine Schallplatte mit eingespielten Beispielen dieser Geräusche. Damit nicht genug: Die Körperbewegungen, die den Klang erzeugen, werden zu Impulsen, die auf den Tonarm des Plattenspielers einwirken: Die kommunikativen Kratzgeräusche der Krabbler mischen sich mit „Scratching“.

Hier träfen nun Natur und Kultur aufeinander, lautet ein kuratorischer Hinweis. Überhaupt zeichne sich die Arbeit durch ihre „Biomimetik“ aus, durch Simulation von Natur also, was für Kunst weder sonderlich neu noch überraschend ist. Allerdings war diese lange verpönt. Nun wird die Arbeit von Kuai Shen aber nicht als Nachahmung, sondern wegen einer besonderen Kooperation gelobt. Gemäß einer Ökologie, die sich der „Zusammenarbeit mit einer anderen Spezies“ verschrieben habe, verbündeten sich Künstler und Ameisen hier in der „Produktion eines kulturellen Artefakts“. In der Tat reisen die Blattschneideameisen jetzt schon eine ganze Zeit mit dem Künstler durch die Ausstellungslandschaft.

Die Jury thematisiert noch einen anderen Aspekt: Zeigt sich Kuai Shen selbst eher als Forscher und Künstler über „Stärke, Organisiertheit, Anpassungsfähigkeit und Beharrlichkeit“ der Ameisen begeistert, identifizieren die Juroren in der auf Kooperation basierenden Kolonie ein Modell für menschliche Sozialität und eine Kritik an einer individuelle Ziele und Zwecke favorisierenden Gesellschaft. Schade, dass wir die Sprache der Ameisen nur assoziativ verstehen und die Insekten nicht direkt fragen können, ob sie mit ihren Rollen zufrieden sind oder eine durchlässigere soziale Struktur vorziehen würden.

Gleichfalls um Klang und um Kommunikation geht es in der gemeinsamen Arbeit der beiden anderen Preisträgerinnen, Hyun Ju Song und Mi Lyoung Bae. In einer monumentalen Projektion mit Sound treten fragmentierte Buchstaben und Wörter in immer neuen Figurationen und Kombinationen auf. In tänzerischen Bewegungen zwischen Schrift und Ornament formieren sich Geraden und Bögen nur selten zu entzifferbaren Wörtern oder Sätzen. Häufig sind geometrische Muster, bisweilen naturnahe Formen zu sehen – ein stetes skripturales Vexierbild.

„The Moment at which we are lost for words“ lautet der Titel des Werkes. Diesen „Augenblick, in dem uns die Worte fehlen“ sehen die beiden Koreanerinnen als einen „absurden Moment“. Auf einem Grenzstreifen, in dem sich Lesbarkeit entzieht, siedelt das Künstlerduo „Absurdität“ an. Ihre Installation umspielt diesen Moment spannungsreich, indem die Choreografie der Buchstaben-Figuren Bedeutung verweigert und den Betrachter doch körperlich anzieht. Camus stand am Anfang der Beschäftigung des Künstlerinnen-Duos mit „Absurdität“, andere Autoren wie Kierkegaard und Sartre folgten, Klassiker bilden also den Text-Fundus für die „Moment“-Aufnahmen.

Ob Sprachlosigkeit oder eher die klar formulierbare Erkenntnis der Sinnfreiheit von Existenz Absurdität kennzeichnet, ist nur eine der Fragen, die „Moment“ hervorruft. Ohne Frage ist die Installation reizvoll, spricht sie doch unser existenzielles Grundbedürfnis nach Sinnstiftung an, und das in der wirklichkeitsnahen dynamischen Form des steten Wandels.

Edith-Russ-Haus, Oldenburg. Bis 27. Oktober. Di-Fr 14-18 Uhr. Sa+So 11-18 Uhr.

Eintritt: 2,5o Euro

Eröffnung heute, 19 Uhr.

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