Interview mit „TANZ Bremen“-Festivalleiterin Sabine Gehm

„Als Tanzstadt präsent“

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„Eine Hommage an die Kunst des Tanzes“, heiß es im Programm: Im Jahr 2002 war Kenneth Kvarnström mit dem Stück „Fragile“ in Bremen.

Bremen - Von Rolf Stein. Am Freitag in zwei Wochen heißt es: „Eintanzen“. Bei freiem Eintritt gibt Tom Bünger einen Einstieg in die Themen des Festivals „TANZ Bremen“, das in diesem Jahr zum 20. Mal Tänzer aus Bremen und aller Welt an die Weser holt. Zwischen dem 17. und dem 24. März steht dann die Stadt im Zeichen des zeitgenössischen Tanzes.

Anlässlich des Jubiläums sprachen wir mit Festivalleiterin Sabine Gehm über Geschichte, Gegenwart und Zukunft von „TANZ Bremen“.

Frau Gehm, wie hat „TANZ Bremen“ angefangen?

Sabine Gehm: Gegründet wurde es 1988 unter dem Namen „Tanzherbst“ als Workshop-Festival für die Szene. Daraus hat es sich zu einem Festival mit internationalen Gastspielen entwickelt, wobei es immer Bezüge zur Bremer Szene gab. Zumal Bremen für eine Stadt dieser Größe eine sehr rege Szene hat. Mit dem Wechsel vom Herbst ins Frühjahr wurde es in „TANZ Bremen“ umbenannt.

Sie kommen aus Hamburg, wo es eine große Balletttradition gibt. Wie haben Sie Bremen wahrgenommen, bevor Sie bei Tanz Bremen angefangen haben?

Gehm: Für mich war Bremen als Tanzstadt mit zeitgenössischen Choreografen, die am Theater die Tanzsparte leiten, immer sehr präsent. Damals bin ich extra nach Bremen gefahren, um mir beispielsweise Inszenierungen von Hans Kresnik anzuschauen. Das war spektakulär. Auch für Choreografen wie Gerhard Bohner oder Reinhild Hoffmann ist man von Hamburg nach Bremen gereist. In Hamburg gab es vor allem das Ballett von John Neumeier. Es hatte sich zwar daneben auch eine freie Szene entwickelt, aber der zeitgenössische Tanz war lange Zeit sehr begrenzt.

Wie wurden Sie künstlerische Leiterin von „TANZ Bremen“?

Gehm: Ich war damals auf Kampnagel im Programmteam unter anderem für das Tanzprogramm verantwortlich und hatte auch das internationale Netzwerk für Performance Arts „Junge Hunde“ mitgegründet. Daher kannte ich Honne Dohrmann, der damals in der Leitung von „TANZ Bremen“ war. Als Susanne Schlicher und Birgit Freitag 2002 aufhörten, hat Honne mich gefragt, ob wir das Festival zusammen machen wollen. So kam ich nach Bremen. Von 2004 bis 2012 haben wir das Festival gemeinsam geleitet. Dieses Jahr ist es meine siebte Ausgabe.

Die Finanzierung des Festivals war oft prekär. Erst fand es jährlich statt, dann sollte es alle zwei Jahre stattfinden.

Gehm: Mit dieser Vorgabe habe ich angefangen. Ab 2004 sollte es eine Biennale sein. Dann hieß es, 2005 solle es auch ein Festival geben. Bremen bewarb sich damals als Kulturhauptstadt, deswegen gab es Geld dafür. Danach war der Topf erst einmal leer. Das nächste Festival gab es erst wieder 2008. Danach lief es relativ rund. 2012 hieß es dann, dass nicht genügend Mittel für 2014 zur Verfügung stünden, weshalb wir auf 2015 verschoben haben.

Sind diese Turbulenzen überwunden und können wir uns in zwei Jahren wieder auf „TANZ Bremen“ freuen?

Gehm: Es wurde uns signalisiert, dass das Festival wieder regelmäßig alle zwei Jahre stattfinden soll. Allerdings hoffen wir, dass es dann auch wenigstens wieder so unterstützt wird wie 2012.

Sie haben in einem Aufruf 20 Bremer gesucht, die eine Mauer bauen sollen. Was steckt dahinter?

Gehm: Das ist für die Produktion „Gute Pässe Schlechte Pässe – eine Grenzerfahrung“ von Helena Waldmann, die immer sehr gesellschaftkritische Themen aufgreift, wie die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie in Bangladesch oder Beschränkungen für Frauen im arabischen Raum. Dafür recherchiert und castet sie ihre Tänzer vor Ort. Als Weltreisende in Sachen Tanz ist sie viel mit den Künstlern ihrer Projekte unterwegs. Dabei ist ihr aufgefallen, dass sie mit ihrem Pass an den Grenzen immer durchgewunken wird, während ihre Mitwirkenden ohne europäischen Pass oft lange festgehalten und befragt werden, sofern man sie überhaupt über die Grenze lässt. Diese Erfahrung war für sie der Impuls, sich mit dem Thema Grenze zu beschäftigen. In ihrem Stück lässt sie die Welt der Akrobatik auf die des zeitgenössischen Tanzes prallen. Und es ist erstaunlich, wie schnell gegenseitige Vorurteile dazu führen, dass Mauern errichtet werden, die nicht leicht zu überwinden sind. Freiwillige auf der Bühne verkörpern diese Mauer. Sie ist einerseits eine Grenze, aber auch etwas Fluides, was sich auflöst und an anderer Stelle wieder entsteht.

Kürzlich befasste sich das Tanzkollektiv Bremen mit dem Formationstanz. Ist das Überwinden der Grenzen des zeitgenössischen Tanzes ein neuer Trend?

Gehm: Choreografen suchen im zeitgenössischen Tanz eigentlich immer nach der Erweiterung der Kunstform, und sie tun das auch hinsichtlich populärer Bewegungsformen. Bei der letzten Ausgabe des Festivals gab es zum Beispiel ein Stück von Christian Ubl zu sehen, das sich mit Volkstanz beschäftigt hat, was in Deutschlands zeitgenössischem Tanz lange verpönt war. Es gibt auch die Tendenz, den Zuschauer oder Laien stärker mit ins Geschehen einzubeziehen, wie es Helena Waldmann auch tut.

Sprechen wir doch noch einmal kurz über politische Grenzen: Macht sich die politische Großwetterlage auf der organisatorischen Ebene eines internationalen Festivals wie „TANZ Bremen“ bemerkbar?

Gehm: Ich habe im vergangenen Jahr in Hannover den Tanzkongress organisiert, und da haben wir durchaus erlebt, dass es für einige Künstler vor allem aus dem arabischen Raum komplizierter geworden ist, Visa zu bekommen. Insgesamt hat sich die Weltlage so verändert, dass es für Künstler aus bestimmten Ländern schwieriger geworden ist, zu reisen. Bei „TANZ Bremen“ hatten wir aber bis jetzt keine Probleme.

"TANZ Bremen" der letzten Jahre

1997: Charleroi Danses-Plan K © Fabien de Cugnac
1997: Charleroi Danses-Plan. © Fabien de Cugnac
2002: Jérôme Bel © Jérôme Bel
2002: K.Kvarnström & Co. © K.Kvarnström & Co.
2004: Het Hans Hof Ensemble © _Het Hans Hof Esemble
2004: Koen Augustijnen-Les Ballets C. de la B. © Chris van der Burght
2004: Lia Rodrigues © Lucia Helena Zaremba
2005: Cie 1 er Temps-Andréya Ouamba © Antoine Tempé
2005: Marie Chouinard_Chorale © Marie Chouinard
2005: Marie Chouinard_Préludes © Marie Chouinard
2005: Mathilde Monnier © Marc Coudrais
2008: Jean-Claude Galotta © Jean Claude Galotta
2008: Régine Chopinot © Alex Suban
2010: Bruno Beltrão © Bruno Beltrão-Grupo de rua de niterói
2010: C de la B_Foto © Chris van der Burght
2010: Club Guy & Roni_Foto_ © Wim te Brake
2010: Iceland Dance Company © Golli
2012: Club Guy & Roni © Roelof Bos
2012: Dave St. Pierre © Dave St-Pierre Company
2012: Gallim Dance © Gallim Dance
2015: Marcos Morau - Carte Blanche © Helge Hansen
2015: Ramirez Wang © Compagnie RamirezWang

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