Kunsthalle zeigt Arbeiten der für den 47. Kunstpreis der Böttcherstraße nominierten Künstler

Alltägliches im Nato-Draht

Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Heimat und Hölle: „A fine line“ von Jesse Darling, hier auf dem Glasgow-Festival.
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Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Heimat und Hölle: „A fine line“ von Jesse Darling, hier auf dem Glasgow-Festival.

Bremen – Sie leben in New York, Hannover, Wien, Leipzig und – natürlich – Berlin. Ihre Wurzeln liegen in Pakistan, der Türkei, Korea und anderen Ländern: Die zehn Künstlerinnen und Künstler, die für den 47. Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen nominiert wurden, sind so unterschiedlich wie nur was. Ihre Arbeiten, die von heute bis zum 1. November in der Bremer Kunsthalle zu erleben sind, legen auch in dieser Hinsicht Zeugnis ab von einer globalisierten Kultur.

Der Kunstpreis der Böttcherstraße ist mit 30 000 Euro Preisgeld nicht nur eine der am höchst dotierten, sondern auch anerkanntesten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst im deutschsprachigen Raum. Und laut Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg nicht zuletzt auch ein Indikator für Tendenzen in der Szene.

Eine Disziplin scheint demnach besonders angesagt zu sein: Eine ganze Reihe von Arbeiten, zum Teil sogar eigens für die Ausstellung in Bremen entstanden oder zumindest modifiziert, nimmt sich Raum, fordert das Publikum auf, Kunst zu erfahren – nicht einfach nur zu betrachten. Bei Anne Duk Hee Jordans „Atmospheres of Breathing“ wird man sogar eingeladen, es sich auf einer Luftmatratze bequem zu machen, um mit dem Rhythmus des Raumes eins zu werden, der mit Projektionen von Meereslebewesen, einer Seifenblasen produzierenden Krabbe und ozeanischen Klängen erfüllt ist. Alles ist dabei mit allem verbunden, und die Matratze atmet mit.

Den Hals recken muss man für Jesse Darlings Installation „A fine line“: Unter der Decke ist eine auf den ersten Blick spielerische Versammlung von alltäglichen Gegenständen an einer Wäscheleine zu sehen, die sich im Zickzack spannt: Babykleidung, Blumentöpfe, Geschirrhandtücher, ein Wimpel mit englischem Willkommensgruß: „Welcome“. Bis man entdeckt, dass da nicht nur auch Taubenspikes hängen, sondern mehrere Meter sogenannten Nato-Drahts, bei der Bundeswehr offiziell Widerhakensperrdraht genannt. Nicht nur Staatsgrenzen sind damit bewehrt, auch Privatunternehmen haben schon darauf zurückgegriffen. So zeigt Darling mit vordergründiger Leichtigkeit die Brutalität auf, mit der politische und ökonomische Macht sich abgrenzen – zugunsten des privaten Raumes, der damit seine vermeintliche Harmlosigkeit verliert.

Mit einer nicht mehr existierenden Grenze befasst sich die in Zwickau geborene Künstlerin Henrike Naumann, nämlich der deutsch-deutschen, mitsamt dem, was davor und danach kam. Ihre Installation zitiert im Titel die berühmte Rede des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der DDR im Dezember 1965, in der er forderte, man müsse Schluss machen mit der „Monotonie des Yeah Yeah Yeah“. Naumann hat in einem der Räume der Ausstellung das ausgediente Mobiliar eines Schuhgeschäfts im brandenburgischen Perleberg aufgestellt und bietet auch sonst allerlei Wegsortiertes: Unterrichtstafeln zur Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen, nach Marx bekanntlich eine Geschichte der Klassenkämpfe. Zu den Objekten gehören aber auch Relikte des DDR-Alltags, die sie einer Archäologin gleich sichtet. Dazu zählen Geschichten aus vergangenen Zeiten: Einen Lehrfilm der DDR verschneidet die Künstlerin mit Szenen aus der TV-Serie „Familie Feuerstein“ und dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, die, so laut Naumann eine marxistische Lesart, als Arbeitskräfte ausgemustert werden und sich mit ihrem Überfall auf das Räuberhaus zurückholen, was ihnen zusteht. Privat kommt schließlich vom lateinischen Wort „privare“, und das bedeutet: rauben.

Einem anderen Aspekt deutscher Geschichte widmet sich Janine Jembere in „Residence Time (Reverberations of Christina Sharpe’s In The Wake: On Blackness And Being)“. In ihren Fotos von Meereswellen und den Rändern von Akten des Reichskolonialamtes ist das Erbe kolonialer Gewalt auf poetische Weise Thema: In den Meeren dieser Welt ist das Blut ihrer Opfer aufgehoben, für Millionen von Jahren, wie Sharpe geschrieben hat.

Andere Positionen der sehenswerten Schau, die Mara Kinne kuratiert hat, sind weniger offensiv politisch, beschäftigen sich mit eher kunstimmanenten Diskursen, wie beispielsweise die Arbeiten von Ulrike Müller und Toulu, die sich mit dem Ausstellungsraum an sich beziehungsweise abstrakter Malerei befassen. Große Themen wie Vergänglichkeit und Tod sind Gegenstand der Installationen von Stephan Vogel und Raphaela Vogel, während Bani Abidi in ihrer Klanginstallation zur Teilnahme an einem auf den Klang von Schlägen auf die Brust reduziertes schiitischen Trauerritual teilzunehmen.

Nachlesen lässt sich dazu übrigens viel Spannendes in dem Katalog zur Ausstellung. Wen die unabhängige Jury für preiswürdig hält, erfahren wir erst gegen Ende der Ausstellung, die Preisverleihung ist für den 27. Oktober, 19 Uhr, in der Kunsthalle geplant. Die Jury dürfte es allerdings nicht leicht haben, zu einer Entscheidung zu kommen.

Sehen

Ab morgen, bis 1. November, Kunsthalle Bremen.

Von Rolf Stein

Es ist Blut in diesen Wogen: „Residence Time“ von Janine Jembere.

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