Alligatoah im Interview zum Album „Musik ist keine Lösung“

„Ich zitiere mich selbst“

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Alligatoah mit seinem Rap-Partner BattleBoi Basti.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Raus aus der Bahn, rein ins Taxi. Rüberrücken. Aussteigen bei Radio Bremen. Die Tasche in der Hand, die Jacke geöffnet. Lukas Strobel bleibt ruhig. Wer übernimmt die Taxi-Rechnung? Wer holt den Künstler ab, damit er ins Studio kommt? Ein Radio-Interview und ein Minikonzert stehen an.

Zwischendurch vielleicht irgendwas essen. Zudem das Interview mit der Kreiszeitung. Erst einmal die Mails checken. Dann eine halbe Stunde am Tresen die Fragen beantworten. Der aus Langen bei Bremerhaven stammende Alligatoah im Interview.

Ordentlich gefeiert in der vergangenen Woche?

Alligatoah: Ja, es gab etwas zu feiern. Es war die 1Live Krone und man tut immer so, als sei das nur ein Preis und als würde man sich nicht für materielle Dinge interessieren, aber irgendwie freut es einen dann doch, weil es ein wichtiger, großer Musikpreis ist. Und es ist mein erster Preis (Bester Hip Hop Act, Anm. d. Red.). Ich war zweimal nominiert, und nun hat es geklappt. Da haben wir natürlich ein bisschen gefeiert.

Bezieht sich der Preis nur auf Ihr Album „Triebwerke“ oder auch auf das neue „Musik ist keine Lösung“? 

Alligatoah: Nein, nicht nur auf „Triebwerke“. Auch auf das neue. Die Singles zum aktuellen Album erschienen ja bereits im Herbst, ab Ende September ging es los.

Beim Vergleich des Albums mit dem Vorgänger zeigt sich, dass es sich nun um gesellschaftliche Brennpunkte statt wie zuvor um zwischenmenschliche Beziehungen dreht. Legen Sie den Fokus bewusst auf ein Thema?

Alligatoah: Ich definiere meine Alben immer so und nehme mir ein Grundthema als Vorlage für ein Album. Ich mag es, wenn man dem Album eine Überschrift, ein klares Thema geben kann. Das Album „In Gottes Namen“ handelte von religiösen Fanatismus, „Triebwerke“ von Liebesthemen, Beziehungen und zwischenmenschlichen Sachen. Nun hat es gepasst, dass es mehr um die Gesellschaft geht und das, was in Systemen und mit Menschen in Systemen passiert. Das kommt dadurch zustande, dass ich versuche zu spüren, welche Themen bei mir am meisten drücken und raus müssen. Das sind die Sachen, die mir am meisten auf der Seele brennen und zu denen mir am meisten einfällt.

Stand die Gesellschaft nicht auch bei älteren Veröffentlichungen von Ihnen im Mittelpunkt? 

Alligatoah: Wenn man über religiösen Fanatismus spricht, kann die Gesellschaft als Thema nicht ausgeblendet werden. Ich habe aber noch kein Album gemacht, was so einen starken Fokus auf gesellschaftliche Themen hatte und das zum Programm gemacht hat.

Wenn Sie in 20 Jahren auf Ihre Werke zurückschauen, wird es dann einen Zusammenhang geben? Haben Sie ein Gesamtkonzept?

Alligatoah: Das wird sich zeigen. Vielleicht mache ich es so wie die Macher der Serie „Lost“, die erst ganz viele Fragen aufgeworfen haben und sich irgendwann überlegen mussten, dass es am Ende alles einen Sinn ergibt. Vielleicht kommt das noch, aber generell arbeite ich von Album zu Album. Das ist jeweils ein abgeschlossenes Projekt. Es findet im Alligatoah-Kosmos statt, in dem sich Sachen wiederholen, aufeinander beziehen und ineinander verstrickt sind. Manchmal tauchen Figuren oder Stimmeinsätze von mir erneut auf oder ich zitiere und sample mich selbst. Aber generell ist es nicht so, dass ich einen Masterplan habe und sage: Es gibt jetzt noch zwei Alben mit den und den Themen, und dann habe ich das Gesamtkunstwerk zusammen.

Haben Sie das Album tatsächlich komplett in einem Hüttenstudio im Wald geschaffen?

Alligatoah: Ja, ich habe dazu im Vorfeld zwei Videos veröffentlicht, um zu zeigen wie es entstanden ist. Da kann man sehen, wie ich mit einem Aufnahmegerät durch den Wald laufe und Naturgeräusche aufnehme.

Das war also keine dazu erfundene Geschichte? 

Alligatoah: Nein, es ist tatsächlich so entstanden. Ich war in dieser Hütte mit dem Studio, bin da raus gefahren, um den Kopf frei zu kriegen, um alleine zu sein, um abzuschalten vom Lärm der Stadt.

Wie genau sind Sie da an die musikalische und textliche Ebene der Songs herangegangen? 

Mit der "guten alten Jäger-Sammler-Strategie" sammelt Alligatoah Ideen für seine Songs.

Alligatoah: Ich beginne meist ein Lied zu schreiben, wenn mir ein Einfall zu einem guten Satz, einer Zeile kommt, die einen Refrain ausmachen könnte. Wenn ich so etwas habe, nehme ich die Gitarre und suche mir eine Melodie dazu. Dann fließt das Ganze weiter. Musik und Text entstehen parallel bei mir und somit auch der Inhalt. Wenn es an die Strophen geht, sammele ich über Wochen oder Monate Zeilen, einzelne Ideen oder Sachen, die ich sagen möchte. Manchmal sind es nur Worte, Reime oder schon ganze Zeilen. Das puzzele ich irgendwann zu Strophen zusammen. Wenn ich also ein Thema habe, versuche ich eine Zeitlang alles dazu reinzustecken.

Wie entsteht dann ein Song wie „Lass liegen“? Wann bauen Sie ein Element wie das von Ihnen eingesungene „Boom, Boom, Bumerang“ aus dem Song von Blümchen ein?

Alligatoah: Bei dem Song war es so, dass erst der Refrain feststand. Er war sogar komplett produziert und die Gitarren eingespielt, als ich bemerkte, dass ich gerne einen C-Teil dazu machen will, der etwas brachialer ist. Dann kam diese Idee. Doch zu dem Punkt, woher Ideen kommen, kann ich auch nichts sagen. Ich habe immer dieses Bild vor Augen, dass Ideen wie Fliegen um einen herum schwirren. Oder wie unsichtbare Schmetterlinge, die man einfangen kann, wenn man schnell genug ist.

Wie ist das mit aufgenommenen Geräuschen, Melodien, Samples? Schwirren die auch herum? Haben Sie bildlich gesehen einen großen Topf, aus dem Sie die Sachen fischen?

Alligatoah: Ja, es gibt die gute alte Jäger-Sammler-Strategie. Erst einmal sammeln, sortieren und auf sich wirken lassen. Der Kopf fängt ganz von alleine an zu puzzeln. Das bezieht sich auf die Zeilen, den Inhalt und auf die Musik. Manchmal suche ich ein bestimmtes Geräusch, weil ich es an einer bestimmten Stelle im Lied brauche, dann gehe ich in die Küche und schaue, was danach klingen könnte und haue mit dem Holzkochlöffel auf verschiedene Sachen. Manchmal sammele ich aber auch einfach willkürlich, und es wird sich später ergeben, wohin das Ganze hinführt. Der Kopf baut es irgendwie zusammen. Je mehr gute Puzzle-Teile ich habe, desto mehr legt sich zurecht.

Wo kommen Ihre Einflüsse her? Sie sagen selbst, dass Aggro Berlin dazu gehört. Es sind aber auch ältere deutsche Hip-Hop-Sachen wie Stieber Twins oder Massive Töne zu hören. Dann gibt es rockige Sachen wie in „Hab ich recht“ die an Run DMC erinnern. 

Alligatoah: Oh. Manchmal ist es ganz interessant, was Leute in der Musik zu hören glauben. Das unterscheidet sich ganz stark. Ich habe nie Stieber Twins oder Massive Töne gehört. Das war vor meiner Zeit, ich bin später eingestiegen. Das ist vielleicht ein ganz normaler Zyklus, dass sich Sachen wiederholen. Meine Generation ist mit den harten Sachen aufgewachsen, mit dem Straßenrap, der sich dann wieder ein eine Richtung entwickelt, die man selbst gar nicht bewusst wahrgenommen hat. Run DMC habe ich gar nicht so richtig wahrgenommen. Das kommt vielleicht noch. Mit einem gewissen Delay habe ich erst The Police für mich entdeckt, die man auch hätte früher entdecken können.

Bei jeder Tour gibt es ein neues Bühnenbild. Erfinden Sie ihren Spielplatz selbst? 

Das Albumcover zu „Musik ist keine Lösung“.

Alligatoah: Genau, ich versuche mir einen Spielplatz zu bauen und das zu verbildlichen, was eben auch in den Songs passiert und damit eine logische Konsequenz ist. Die Songs sind bunt, ein Spektakel und Theater, in dem ich in ständig neue Rollen schlüpfe und auf der Bühne eben in verschiedene Kostüme. Ein Bühnenbild entsteht bei mir mit einer Bleistiftskizze - ich überlege mir, was Sinn macht, was man da reinbauen kann und wie ich meine anderen Kollegen auf der Bühne in Szene setzen kann. Das betrifft nicht nur Backup-Rapper Battleboi Batsi, sondern auch die vier Musiker, die mit auf der Bühne stehen. Das macht unglaublich viel Spaß. Dafür setze ich mich mit meinem Team zusammen, denn ich kann ja selbst keinen Streitwagen schnitzen.

Gibt es beim Konzert am 19. März in der Bremer ÖVB-Arena ein komplett neues Bühnenbild? 

Alligatoah: Bühnenbilder entwickeln sich bei mir und wachsen. Anfangs bin ich mit Vorhang und Showtreppe gestartet, dann kamen immer mehr Sachen dazu. Zuerst noch spartanisch, dann bei den Festivals immer größer mit Bildern und so. So passiert es jetzt auch erst einmal mit dem Himmelfahrtsbild, dem Streitwagen und den Musiker-Engeln. Das wird wachsen, bis das Limit erreicht ist und ich das Radiergummi nehme und eine neue Skizze zeichne.

Zurück zur textlichen Ebene der Songs. Sie sagen selbst, dass die Texte nicht von Ihnen handeln. Dennoch sprechen Sie indirekt Probleme an. Inwieweit sind Sie politisch?

Alligatoah: Auch wenn ich immer wieder betone, dass die Texte nicht von mir handeln, sondern von fiktiven Personen, steckt da doch dieser eine Punkt drin, der sehr persönlich ist. Das ist eben meine Art mit den Themen umzugehen, die nicht das direkte Greifen eines festen Standpunktes ist, den ich dann voll verteidige. Sondern es ist immer ein Wechseln der Perspektiven und möglichen Sichtweisen, um ein Thema zu betrachten. Das ist das, was ich mit meiner Musik anbiete und was meiner Person sehr entspricht. Ich versuche, in Konfliktsituationen immer soviele Seiten und Blickwinkel wie möglich zu betrachten.

Versteht das Publikum das alles? 

Alligatoah: Nicht das Publikum. Aber Leute in dem Publikum. Auch wenn es nur ein kleiner Teil sein sollte, der es so versteht, wie ich es angesetzt habe. Aber auch die, die es anders verstehen, werden da etwas für sich herausziehen. Sie werden es nicht komplett missverstehen, wie es einem manchmal vorgeworfen wird. Die Kernaussage meiner Texte ist auf jeden Fall immer eine friedliche und eine tolerante.

Da gibt es den umstrittenen Post der NPD, die ihren Song „Willst du“ verwendeten. Die Partei hat da doch etwas komplett falsch verstanden, in dem sie Ihre Musik nutzte. Oder? 

Alligatoah: Der interessante Punkt ist, dass man dazu eigentlich gar nichts sagen braucht. Es ist Realsatire. Wenn eine rechtsradikale Partei einen Song von mir postet, der sich eindeutig gegen so etwas stellt, dann ist das ein Schlag ins eigene Gesicht. Die Antwort kam in Form eines Shitstorms. Da dürfte die Schmach groß genug gewesen sein.

Alligatoah "Himmelfahrtskommando-Tour"

19. März 2016

ÖVB-Arena, Bremen

Homepage: www.alligatoah.de

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